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Fremdsein als Lebensentwurf: „The Stranger Question“ im Lofft

Premiere Fremdsein als Lebensentwurf: „The Stranger Question“ im Lofft

Donnerstag hatte im Lofft „The Stranger Question“ Premiere. Für ihre zweite Inszenierung im Haus am Lindenauer Markt holte sich Tänzerin und Choreografin Alma Toaspern nicht nur die Amerikanerin Kathryn Hamilton und die Polin Kinga Jaczewska als Performerinnen zu sich auf die Bühne, sondern auch Inspirationsimpulse beim französischen Philosophen Jacques Derrida.

„In der Rolle des Fremden zu Hause“: Alma Toaspern (links) und Kinga Jaczewska im Lofft.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Speziell wohl aus dessen Buch „Von der Gastfreundschaft“ und dem darin aufgeworfenen Problem, ob sich nämlich Gastfreundschaft unter anderem darüber definiere, dem Fremden, „dem Ankömmling“, Fragen zu stellen, oder ob, im Gegenteil, Gastfreundschaft damit beginne, dass man „empfängt, ohne zu fragen“.

In „The Stranger Question“ jedenfalls – der Titel lässt es ja ahnen – wird dann schon gefragt. An dramaturgisch exponierter Stelle, im Tonfall eines Verhörs und mit der Penetranz des Insistierens und Wiederholens: Wie machst du Geld mit deinem Körper? Wieso bist du eine professionelle Tänzerin? Was ist eine professionelle Tänzerin?

Eine starke Szene, die sich indes einiges an Wirkung vergibt, weil schlicht zu leise gesprochen wird. Es geht – Gott bewahre! – nicht ums Brüllen, ums klar-scharfe Artikulieren aber schon. Das Harsche und Unbehagliche, das auch im Ton schwingen muss – und zwar bis zur letzten Reihe – ist hier essenziell. Und gerade in dieser Szene effektvoller Kontrast zu Juan Betancurth. Per Skype blickt der Künstler schicksalsergeben, milde freundlich und fern des Geschehens auf selbiges. Eigentlich, so wird berichtet, sollte Juan mit auf der Bühne sein, durfte aber nicht einreisen, irgendwie wollte Europa den Südamerikaner wohl nicht als Gast, von Aufenthalten in Istanbul ist dann noch die Rede, während szenisch-chorografisch dazu die Befindlichkeiten von „Weltbürgern“ erstehen, die „lange schon in der Rolle des Fremden zu Hause“ sind (Programmtext).

Derrida hin oder her

Womit man sich dem eigentlichen Problem dieser Inszenierung nähert. Die fraglos einiges an guten szenischen Ideen bietet, die Mut zum Rabiaten wie auch zur formalen Spröde und Reduktion zeigt und außerdem über drei Performerinnen verfügt, die in dieser Reduktion und Spröde durchaus bestehen (was keine Selbstverständlichkeit ist); harmonierend eingespielt gerade in den Unterschiedlichkeiten des Ausdrucks und der darstellerischen Individualität.

Und doch schafft es die Inszenierung nicht zu jenem Sprung über die Qualitätsgrenze zwischen Befindlichkeit und Empfindung. Wie sie auch nicht den Schritt vom gepflegten Gedankengang in die schwindelerregende Gedankentiefe zu machen vermag, Derrida hin oder her. Emotional wenig spürbar und intellektuell kaum transparent wird, was hier als inszenatorische Satzung und thematischer Fokus behauptet wird: „Fremd-sein“ erscheint in diesem Bühnenspiel eben nicht als der Stachel des Dissens, oder gar als Seins-Erfahrung existenziell wirkender, menschlicher „Unbehaustheit“ (um nun auch noch Heidegger aufs Tablett zu bringen), sondern ist der selbstgewählte Lebensentwurf von Leuten, die es sich leisten können, selbst zu wählen und über diese Wahl dann zu reflektieren.

Und „der Gast“ mag einem zwar auf die Nerven gehen, die Grenzen der Geduld (der Gast-Freundschaft) arg strapazieren ob übler Angewohnheiten („Stiehlt Zukunft, kackt in den Garten, will immer das haben, was man grad nicht übrig hat, raucht meine letzte Zigarette ...“, wie es in einer hübschen Szene heißt), die Dimension partieller Anwandlungen schlechter Laune übersteigt aber auch das nicht.

„The Stranger Question“, weitere Aufführungen Samstag, 20 Uhr, Sonntag, 18 Uhr, Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt 12/8 Euro

Von Steffen Georgi

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