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Freundliche Grüße ins All: Me And Oceans führt neues Werk in Leipziger Kletterhalle auf

„Mir – Briefe an Juri“ Freundliche Grüße ins All: Me And Oceans führt neues Werk in Leipziger Kletterhalle auf

In dem außergewöhnlichen Werk „Mir – Briefe an Juri“ überschreitet der Leipziger Musiker Fabian Schütze alias Me and Oceans die Grenzen seines Genres. Es ist ein Popalbum ebenso wie ein Hörspiel und ein Briefroman – und soll am Donnerstagabend in einer Leipziger Kletterhalle noch zu einem „Spoken-Word-Live-Spektakel“ werden.

Der Leipziger Musiker Fabian Schütze, 32, alias Me and Oceans.

Quelle: Hagen Wolf

Leipzig. „Der langsam fließende Fluss überdauert den reißenden Strom.“ Angeblich hat sich Peter der Große diesen Sinnspruch ausgedacht, so jedenfalls zitiert der treuherzige Oleg Makarow den Zaren in seinem letzten Brief an den Kosmonauten Juri Wolkow. Einer naturwissenschaftlichen Überprüfung mag die Weisheit nicht in jedem Fall standhalten, aber im übertragenen Sinne passt sie zu dem Leipziger Musiker Fabian Schütze, der – so viel sei verraten – ihr wahrer Urheber ist. Zwei Jahre lang hat er nun nicht unentwegt, aber eben im gemächlichen Fluss, mit großem Recherche-Aufwand und viel Liebe zum Detail an einem außergewöhnlichen Werk gebastelt. „Mir – Briefe an Juri“ ist Pop-Album ebenso wie Hörspiel und Buch. Darauf baut Schütze zudem am Donnerstagabend in einer Leipziger Kletterhalle erklärtermaßen ein „Spoken-Word-Live-Spektakel“ auf.

Seit bald einem Jahrzehnt, seit Schütze aus Jena nach Leipzig gezogen ist, lässt er hier in zahlreichen Bandprojekten von sich hören, zu Jaara gehörte er ebenso wie zu A Forest. Fast genauso lang steht er als künstlerischer Leiter im Zentrum des Netzwerks Analogsoul, das Label ebenso wie Kreativschmiede ist. Als Solo-Künstler gibt sich Schütze den vielsagenden Namen „Me And Oceans“ – ich und das Meer aus Klängen, ließe sich das vielleicht übersetzen – und legt nun nach zwei EPs und einem Langalbum ein Werk vor, das ihm „die Welt bedeutet“, wie er sagt. Auch das darf man wörtlich nehmen. Immerhin erzählen die „Briefe an Juri“ eine Geschichte aus dem Weltraum.

Ein Pieps aus einem Nasa-Funkspruch

„Grüß Emil von mir. Sag ihm, sein Bild ist jetzt ein Schild, das ich brauch, um mir Feinde vom Hals zu schaffen“, singt Schütze mit seiner souligen Stimme in „August“, einem von acht einnehmenden und eingängigen Liedern auf „Mir“. Es ist Popmusik im besten Sinne und das nicht zufällig: „Eine hohe Zugänglichkeit liegt mir am Herzen“, sagt der Musiker. Tatsächlich funktioniert die Platte ausgezeichnet im Hintergrund. Wenn man ihr konzentriert lauscht, bereitet sie freilich noch mehr Freude: klanglich und inhaltlich.

Mehr als vier Monate verbringt Juri Wolkow auf der Weltraumstation, er feiert den 42. Geburtstag dort, fern von seiner Frau Sofia und den Kindern, August und Emil. Es ist ein Briefroman-Konzept­album: Sofia stirbt fast vor Angst und träumt von einem gemeinsamen Ausflug nach Sotschi; Oleg, der Freund, speichert das olympische Tischtennis-Viertelfinale aus Seoul zwischen Jan Ove Waldner und Kim Ki-Taek auf Videokassette und sammelt Lebensweisheiten Peters des Großen für Juri.

Mal trägt Maxim Pritula, ein Folklore-Musiker, der in Odessa geboren ist und in Berlin lebt, die Briefe vor. Mal singt Schütze ihren Inhalt. In beiden Fällen wabern unter den Worten Klänge, die eine Atmosphäre zwischen Kosmos, Hörspielsommer und Clubnacht erzeugen. Schütze hat dafür auf Originalgeräusche aus dem All zurückgegriffen, wenn auch nicht nur der sowjetischen Raumfahrt. Ein Pieps aus einem Funkspruch der Nasa, ein bisschen Chaos von einem Brand von 1997 auf der Mir. Und auch als Pritula den Verlauf des Tischtennis-Matchs schildert, hört man darunter das Original-Ping-Pong und den Jubel: Eine TV-Aufzeichnung des Spiels von 1988 findet sich bei Youtube.

Worte, die zu Schnee werden

Der Großteil des kosmologischen Wissens, das Schütze aufgehäuft hat, fand jedoch keinen Eingang ins knapp 40 Minuten lange Werk. „Aber es war mir wichtig, ein Gefühl für die Raumfahrt zu kriegen“, erklärt er. Für die Sorgen und Anreize der Kosmonauten beispielsweise: Einen Bonus von 200 US-Dollar erhielten sie, hat Schütze herausgefunden, wenn sie die Kapsel manuell an die Station andocken mussten – was daraufhin auffällig oft passierte und unter anderem zu einer millionenteuren Havarie der Sonnensegel führte. „Wenn Juri sagt, dass er das reparieren kann, dann kann Juri das reparieren“, sprechsingt Schütze irgendwann auf der Platte.

Andere Teile verdankt das Puzzle alten Leidenschaften seines Autors. Er war 15 Jahre lang in einem Tischtennis-Verein aktiv. Juris Nachname ist nicht zufällig der des russischen Kinderbuchautors Alexander Wolkow, und seine Gattin Sofia heißt so, weil Schütze ein großer Fan der bulgarischen Hauptstadt ist. Textlich weiß er sich allerdings vor allem vom Leipziger Dichter Thomas Kunst beeinflusst, dessen Nachbar er vor Jahren in der Südvorstadt war. Mittlerweile sieht der 32-jährige Musiker in dem 51-jährigen Schriftsteller einen Mentoren und sich von ihm zu so rätselhaft schönen Sätzen wie dem folgenden inspiriert: „All seine Worte außer Verben werden zu Schnee an zwei, drei Orten auf der Erde.“

„Die Liebe zur Literatur“ ist es auch, so Schütze, die ihn nach Jahren, in denen sich in verschiedenen Konstellationen eine Album-Produktion an die nächste reihte, zu einem neuen Format veranlasst habe. Deutsche Texte jenseits selbstverliebter Befindlichkeit, dazu die Versatzstücke aus Hörspiel, Spoken-Word-Poesie und nicht zuletzt ein toll gestaltetes Buch mit rund 100 Seiten Texten und Bildern, dem die CD beiliegt. 18 Euro sind da ein fairer Preis, „was auch das Ziel ist“, so Schütze, es solle bei allem Drumherum ein Pop-Album bleiben, ein „niedrigschwelliges Angebot“. Aber zugleich keine grenzenlose Selbstausbeutung: „Das Ganze ist so kalkuliert, dass es auf Null hinauslaufen sollte“ – unter anderem dank einer Projektförderung durch das Leipziger Kulturamt. Würde Schütze allerdings ausschließlich solch ambitionierte Vorhaben verfolgen, könnte er nicht von der Kunst leben.

Licht im kosmischen Dunkel

Zugleich demonstriert das Projekt, dass Schütze nicht nur Künstler, sondern auch Geschäftsmann ist. Die „Briefe an Juri“ stellen eine Investition dar. Das Paket aus Musik und Briefroman soll neue Türen öffnen: in den Buchhandel, ins Nachtprogramm öffentlich-rechtlicher Radiosender, zu Hörspielfestivals. „Es ist ein Testballon. Der Blick über den Tellerrand hilft uns als Analogsoul vielleicht sogar insgesamt weiter“, hofft er. Dann würde das Netzwerk aus „Mir“ einen Nutzen ziehen, wie das Werk bereits vom Netzwerk profitiert: Schütze ließ sämtliche Instrumente von Kollegen wie Arpen und Antonia Hausmann einspielen, „die das besser können als ich“. Selbst bei der Produktion teilte er sich die Verantwortung mit dem Teleskop-Duo Sebastian Bode und Jonas Wolter (künstlerisch als Zweimannorchester Wooden Peak bekannt). „Mittlerweile kann ich das zulassen“, sagt Schütze. Er grinst. Früher habe er lieber nichts aus der Hand gegeben.

Zur Aufführung der Briefe entert Me and Oceans seit dieser Woche auf einer Tour nicht die üblichen Clubkonzert-Bühnen, sondern etwa ein Kino, eine Sternwarte, eine umfunktionierte Fleischerei und in Leipzig eine Kletterhalle, die überdies den Namen „Kosmos“ trägt. „Mit der richtigen Beleuchtung wirkt sie absolut außerirdisch“, sagt Schütze. Ein dort gedrehter Clip zum Ohrwurm „Lilien“ und zum Hörspiel-Element „Sternenstädtchen“ zeigt das bereits eindrucksvoll. Was Video sowie CD und Buch indes offen lassen, ist Juris Schicksal im Anschluss an die viermonatige Raumfahrt. Gelingt die Rückkehr zur Erde? „Die Live-Performance bringt etwas Licht ins kosmische Dunkel“, verspricht der Mann, für den dieser langsam fließende Fluss allmählich gehörig Fahrt aufnimmt.

Me and Oceans: „MIR – Briefe an Juri“, Buch mit CD und Download erscheint offiziell am Freitag bei Analogsoul/Kick The Flame und lässt sich für 18 Euro zum Beispiel unter www.meandoceans.com und www.analogsoul.de/konsum bestellen.

Konzert in Leipzig: Donnerstag, 20 Uhr, Kosmos-Boulderhalle (Erich-Zeigner-Allee 64), Vorverkauf 11 Euro

Von Mathias Wöbking

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