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Frieden, Krieg und sieben Brücken: Schmidt, Masur und Maffay in der Leipziger Peterskirche

Frieden, Krieg und sieben Brücken: Schmidt, Masur und Maffay in der Leipziger Peterskirche

Wenn Altbundeskanzler Helmut Schmidt (95), der langjährige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur (87) und der Musiker Peter Maffay (65) öffentlich zusammenkommen, werden Plätze knapp.

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In der Leipziger Peterskirche haben Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Dirigent Kurt Masur und Musiker Peter Maffay am Dienstagabend (07.10.2014) über die Kraft der Musik und die historischen Ereignisse von 1989/90 diskutiert.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Kaum ein Stuhl war Dienstagabend noch frei in der Leipziger Peterskirche. Es sollte ein leidenschaftlicher und kluger Austausch über damals und heute, Krieg und Frieden werden.

Und wenn sich die Herren dann noch dieser Tage treffen, dann kann es nicht nur um "die Kraft der Musik", sondern muss es auch um die Ereignisse vor 25 Jahren gehen. Es sollte ein leidenschaftlicher und kluger Austausch über damals und heute, Krieg und Frieden werden, immer wieder unterbrochen von Applaus.

Ein "Wunder von Leipzig" habe es aus seiner Sicht nicht gegeben, sagt Kurt Masur, der zu den sechs Leipzigern gehörte, die am 9. Oktober 1989 den Aufruf "Keine Gewalt" verfassten, gehörte. "Es war eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten war." Noch heute sei er dankbar dafür, dass er diese Zeit erleben durfte. Sie habe ihn reifer gemacht, ihm klarer gemacht, was wichtig ist im Leben und was nicht.

Nie habe er versucht, den Helden zu spielen. "Ich hatte genau so viel Angst wie alle anderen." Zwar sei nicht alles erreicht worden, was man sich damals wünschte. "Aber heute ist es wunderbar, zu sehen und zu spüren, dass es sich weiter entwickelt." Sein Wunsch: "Dass es uns gelingt, das Gefühl zu bewahren, dass Frieden nützlicher ist als Krieg." Weiter hinten in der Kirche ist Masur leider schwierig zu verstehen. Denen, die ihn hören, spricht er aus dem Herzen.

Er habe die Ereignisse von 1989 im Fernsehen erlebt, erzählt Helmut Schmidt. "Mir sind die Tränen gekommen, als die Mauer fiel." Schmidt sitzt ganz ruhig da, wenn er nicht spricht. In sich zusammengesunken, gestützt von seinem Stock, aber konzentriert. Er braucht Kopfhörer, um die Fragen zu verstehen. Musik könne er schon lange nicht mehr hören, "aber wenn Sie mir Noten zeigen, weiß ich wie sie klingt". Ja, ab und zu spiele er noch Klavier. Und Schmidts Sätze sitzen immer noch.

Es sei die Gewaltfreiheit, zu der Masur und die anderen damals aufgerufen haben, die in allen wichtigen Bekenntnissen, sei es im Christentum, im Islam oder im Judentum fehle. Dabei sei es doch das Ziel jedes Menschen, der Verstand im Kopf hat, den Frieden zu bewahren.

Auch Peter Maffay verfolgte jenen bewegten Herbst vor dem Fernseher, durchaus mit Sorge, dass es zu Gewalt kommt. Er habe das Glück gehabt, ab '86 in der DDR auftreten zu können. Musik, das war für ihn eine Brücke. "Wir hatten sogar ein kleines Lied, das mit Brücken zu tun hatte, eine Leihgabe aus diesem Teil Deutschlands." Masur und Maffay stimmen ihn dann tatsächlich gemeinsam mit vielen Besuchern an, den Karat-Hit "Über sieben Brücken".

Wie man sich an '89 erinnern solle, fragt Veranstalter und Moderator Sascha Hellen den Altbundeskanzler. "Wir sind nicht 1989 auf die Welt gekommen. Wir sind die kulturellen Erben unserer eigenen Geschichte." Und die schließe den Mord an sechs Millionen Juden und den Tod vieler Millionen Soldaten ein. Viele würden denken, mit der Friedlichen Revolution sei alles in Butter. "Nichts ist wirklich in Butter."

Bei den Ressentiments zwischen Ost und West sieht Schmidt "erhebliche Restbestände". Nicht viel hält er von der nicht endenden Verfolgung "von Leuten, die mit der Stasi zu tun hatten. Als wenn alles Unrecht in der DDR nur bei der Stasi vorhanden war." Und: "Wir sollten die Verfolgung von Übeltätern etwas kleiner schreiben und das Vollbringen guter Taten etwas größer."

Auch die nicht zuletzt von Zugereisten zelebrierte Überhöhung Leipzigs nimmt er lässig aufs Korn. Was wünschen Sie sich für Leipzig, fragt Hellen gegen Ende: "Ich glaube nicht, dass Leipzig irgendein Vorrecht gegenüber jeder anderen deutschen Ortschaft hat. Allen ist eine friedliche Entwicklung zu wünschen, wie es uns der liebe Gott aufgegeben hat."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.10.2014

Jürgen Kleindienst

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