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Friedenspreisträger Boualem Sansal stellt in Leipzig neuen Roman „Rue Darwin" vor

Friedenspreisträger Boualem Sansal stellt in Leipzig neuen Roman „Rue Darwin" vor

Es ist nur der eine Satz. „Geh, kehre zurück in die Rue Darwin." Die Mutter spricht ihn. Sterbend. Oder anders: Yazid hört ihn an ihrem Sterbebett, diesen Satz, dessen Quelle unklar bleibt, geheimnisvoll wie fast alles in dieser Familiensaga, die ein Gesellschaftspanorama ist, eine phantastische Geschichte über Krieg und Frieden, Wahrheit, Scham und Religionen.

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Boualem Sansal stellt am Donnerstag in Leipzig seinen neuen Roman "Rue Darwin" vor.

Quelle: Kempner PR

Leipzig. „Rue Darwin" heißt der neue Roman des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal, der am Donnerstag im Haus des Buches zu Gast ist.

Es ist das Jahr 2002, als sich die Geschwister in einem Pariser Krankenhaus am Bett der ins Koma gefallenen Mutter versammeln. Aus aller Welt sind sie hebeigeeilt. Souad lehrt Anthropologie an der Berkley-Universität. Mounia macht in Ottawa etwas mit Kommunikation. Karim ist ein waschechter Marseiller, der zwei oder drei Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufen hat, Fördergeldern hinterherjagt und von Europa begeistert ist. Nazim, er lebt in Paris, ist „Kapitalist der neuen Schule", „er sieht mit den Augen der Börse", die die Welt zum Drehen bringt.

Diese Familie ist die gelebte Globalisierung. Dazu gehört, dass Hedi fehlt, der verlorene Sohn, der „in den Bergen von Waziristan den Taliban gab". Anders verloren fühlt sich Yazid, der als Einziger noch in Algier lebt: „Ich, der ich nichts bin, nur eine verschwommene Gestalt, ohne Bindungen, ohne Verankerung, ohne Zukunft." Das Ergebnis eines Zufalls. Woher er kommt, das gilt es herauszufinden. „Jeder kommt von irgendwoher, von einer Familie, aus einem Dorf, einem Klan, einer Kultur, von irgendeinem Unglück, einem schönen Abenteuer, das hat nichts mit Wundern zu tun."

Die Suche beginnt mit der Rückkehr in jene Rue Darwin, ins Armenviertel Algiers, wohin Yazid als Achtjähriger kam und an dem er sechs Jahre später Verrat beging. Ziel der Pilgerreise ist, „lebend wieder herauszukommen, unversehrt, und wenn möglich mit ein wenig mehr Wahrheit und Menschlichkeit ausgestattet." Um Wahrheit geht es immer wieder in der Erkundung dieses Lebens zwischen zwei Welten, zwei Familien, wo manchmal das Schweigen die einzig mögliche Wahrheit zu sein scheint. Dann wieder „liegt sie in der Bewegung und in der Möglichkeit sich zu irren". Yazid hat die Wahrheit über sich im Grunde die ganze Zeit gekannt, doch abgelehnt, denn „sie erinnerte so sehr an eine Lüge. „Es gibt kein Vergessen ohne klare Erinnerung an die Dinge. Man organisiert sich, richtet sich ein, verscharrt, das ist alles", schreibt Sansal mit Poesie und Humor. Leider gerät die Übersetzung zuweilen grob.

Das Verdrängen setzt ein in den Kinderjahren bei der Großmutter – einer Diktatorin, die zugleich Größe und Kraft hat, im Guten wie im Bösen. Sie gründet ihre Macht auf „Handel und Diplomatie", das heißt, sie führt das größte Freudenhaus Frankreichs und der Kolonien. Umgeben von Geheimnissen, Intrigen und Gewalt macht sie von einem kleinen Dorf aus ihren Klan zum mächtigsten Nordafrikas. Yazid ist der einzige Erbe, und er ist es doch nicht. „Wir bewohnen unsere Legenden mehr als dass wir sie produzieren, und immer sind sie zu groß für uns."

„Im Schreiben von Boualem Sansal tritt neben den mikroskopischen Blick die historische Perspektive", hatte Laudator Peter von Matt gewürdigt, als Sansal vor einem Jahr in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Die Geschichte seines Landes sei Teil seiner Person und „durchdringt daher auch sein Schreiben ganz und gar". Das war im Roman „Erzähl mir vom Paradies" so oder in „Das Dorf der Deutschen". Und es prägt in ganz besonderem Maße das neue Buch, in dem literarische Kraft und Mut des Benennens verschmelzen. Das macht Sansal, einen der wenigen in Algerien verbliebenen Intellektuellen, auch zum Gewissen seines Landes.

„Ein Schriftsteller kann nicht mehr als ein Historiker in der Zukunft lesen", hat Sansal einmal eingewandt. Wie ein Historiker sieht er die Gegenwart als Ergebnis der Vergangenheit. Als Schriftsteller aber kann er von alles überdauernden Ängsten erzählen, von der Trauer, er darf wütend sein oder hilflos. „Ich erfahre den Krieg, doch ich kenne ihn nicht", lässt er seine Hauptfigur sagen, die viele Formen doktrinärer Verblendung durchlebt und entdeckt, „dass sich der Krieg nur durch den von ihm verursachten Frieden erkennen lässt, wie man den Baum an seinen Früchten erkennt". Bleiben ohne zu schweigen – das ist Boualem Sansals Wahrheit. Janina Fleischer

Lesung und Gespräch mit Boualem Sansal und Alfonso de Toro: Donnerstag, 20 Uhr, Haus des Buches, Gerichtsweg 28 in Leipzig; der Eintritt ist frei

Janina Fleischer

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