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Friedenspreisträger Navid Kermani beim Literarischen Herbst

Lese-Festival Friedenspreisträger Navid Kermani beim Literarischen Herbst

„Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ heißt sein jüngstes Buch. Das Verhältnis von Mensch und Religion ist sein Themen. Am Mittwochabend sprach Navid Kermani über sein Denken und Schreiben. Der aktuelle Friedenspreisträger war zu Gast beim 19. Leipziger Literarischen Herbst.

Warmherzig und mit Neugier wird Navid Kermani im Alten Rathaus begrüßt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Hocker werden herbeigeschafft, etliche Zuschauer sitzen auf dem Boden, einige erleben die zwei Stunden im Alten Rathaus am Mittwochabend im Stehen. Das Interesse ist enorm am Besuch des Schriftstellers und Orientalisten Navid Kermani, wenige Tage zuvor in Frankfurt am Main ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Dass die Geehrten kurz darauf in Leipzig zu Gast sind, ist eine „schöne Tradition“, über die sich Oberbürgermeister Burkhard Jung genauso freut wie über den Umstand, dass der Preisträger und er in Siegen geboren wurden, einem protestantischen Umfeld, in dem die aus dem Iran stammenden Kermanis Ende der 60er die einzigen Schiiten waren.

Mit Glaubensfragen hat der 19. Leipziger Literarische Herbst begonnen, und so geht es weiter, stets mit mehr als einem Seitenblick auf politische Ursachen und gesellschaftliche Wirkungen. Zur Eröffnung am Dienstag hatte der algerische Schriftsteller Boualem Sansal über den Islam, seinen Roman „2084“ und religiösen Totalitarismus gesprochen. Religionen spielen eine große Rolle auch im Leben Navid Kermanis, in seinem jüngsten Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ und an diesem Abend mit Lesung und Gespräch.

Doch zunächst dankt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, OBM Jung für „politisches Engagement und Rückgrat gerade in letzter Zeit, in der Flüchtlingsfrage.“ Er erinnert an jenes „Zeichen gegen religöse Eiferer“, als Kermani, ein Mann muslimischen Glaubens, nach seiner Dankesrede am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche 1000 Gäste dazu gebracht hat, sich zu erheben zum stillen Gebet für die Christen von Karjatain, die „Befreiung aller Geiseln und die Freiheit Syriens und des Irans“. Ein Bild der Brüderlichkeit.

Jetzt, im Festsaal des Alten Rathauses, im Gespräch mit Niels Beintker, soll es um Barmherzigkeit gehen, um die Rolle von Traditionen, um poetische Dimensionen. Angesprochen auf die Flüchtlinge aus Syrien, fordert Kermani erneut, in der öffentlichen Debatte über soziale und politische Faktoren zu sprechen, über die Dinge, „die Europa beigetragen hat zu dieser Katastrophe“.

Mit einem Kapitel aus „Ungläubiges Staunen“ geht die Reise ins 13. Jahrhundert. Es ist eine der über 40 Meditationen über das Christentum, jeweils ausgehend von Gemälden, Mosaiken oder einer Pietà, jener Abschnitt über den Heiligen Franziskus, der den „Rückraum“ seiner Friedenpreisrede bilde, und der so lang ist, dass er sich nur deshalb getraut habe, ihn auszuwählen, weil der Schauspieler Christian Brückner liest. Die deutsche Stimme unter anderem von Robert De Niro macht das geistige auch zu einem sinnlichen Vergnügen.

Kermani nimmt in seinem Text ein Dokument aus der Basilika San Francesco in Assisi, die Chartula mit dem Segen für Bruder Leone, zum Anlass über Gläubige zu schreiben, die sich beim Kreuzzug gegen die Sarazenen wie Feinde Gottes verhielten und, im Gegensatz dazu, über Menschlichkeit und Toleranz Franz von Assisis. Die Chartula ist für ihn „ein frühes, vielleicht das früheste Dokument der Freundschaft zwischen Islam und Christentum.“ Angesichts aktueller Nachrichten von Enthauptungen macht der Autor sich Mut: Die Zeit damals hat einen Franziskus hervorgebracht. Und die Zeit heute wird auch Heilige hervorbringen.

Religiöse Erkenntnis ist für ihn eine Erkenntnis des Herzens und der Erfahrung, die er gegen ein Übergewicht rationaler Beschäftigung mit dem Glauben stellt. Dabei helfen Bilder, Musik, Poesie. Ohne die „poetische Dimension dieser Texte“ hätten sich Bibel und Koran „niemals so in die Herzen gesenkt“. Warum sind die Kirchen voll, wenn es Bach zu hören gibt, fragt Kermani, nicht aber am Sonntag zum Gottesdienst?

So sind es auch am zweiten Abend mehr Fragen und Denkanstöße als Antworten, mit denen die Besucher in die Nacht entlassen werden. Und das zählt zum Besten, was sich über Einsichten sagen lässt, die im Diskurs gesucht werden – und in der Literatur.

Der 19. Leipziger Literarische Herbst endet am 27. Oktober mit einem Besuch Ilija Trojanows im Haus des Buches (20 Uhr). Das komplette Programm steht unter www.leipziger-literarischer-herbst.de

 

 

Von Janina Fleischer

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