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Friedenspreisträger Navid Kermani fordert Engagement

Frankfurter Paulskirche Friedenspreisträger Navid Kermani fordert Engagement

„Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?“, fragt Navid Kermani. Und antwortet, „ dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen“. Mit einer bewegenden, aufrüttelnden Rede hat er am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen.

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gratuliert Navid Kermani.

Quelle: dpa

Frankfurt/Main. Ganz am Ende applaudieren sie doch. Stehend. Navid Kermani hatte die 1000 geladenen Gäste in der Frankfurter Paulskirche aufgefordert, auf den Beifall zu verzichten und zu beten: für den entführten Pater Paolo Dall’Oglio, für die Christen von Karjatain. Was, so Kermani, sind Gebete denn anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind. „Beten Sie, oder wünschen Sie sich die Befreiung aller Geiseln und die Freiheit Syriens und des Irans“, bat er also nach seiner bewegenden und aufrüttelnden Rede. Der deutsche Orientalist, Schriftsteller und Essayist, 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geboren, hat am Sonntagmittag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen. Der ist dotiert mit 25 000 Euro und immer politisch, doch nicht immer so tagesaktuell wie in diesem Jahr.

Die Jury vergebe den Preis in einem Augenblick, da die Fluchtbewegungen das Ausmaß einer Völkerwanderung erreicht haben, sagte Norbert Miller in seiner Laudatio. Der Literaturwissenschaftler umkreist das gesamte Werk, die Romane, Essays, Reportagen, in denen Kermani, selbst Muslim, als Vermittler zwischen den Kulturen agiert. Und zwar ohne Sentimentalität, selbst wenn er über die Grenzen des Berichtbaren hinausgeht.

„Verabscheuungswürdiges Klima“

Vor dem Hintergrund von „Dein Name“, Kermanis monumentalem „Totenbuch“, zieht Miller eine Linie von Afghanistan -Aufsätzen über Berichte aus Lampedusa zum jüngsten Buch: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum.“ Der Ausgezeichnete erlebe das Christentum in Bildwerken und Dichtung, „jenseits von Kirchentag und Kirchenjahr“. Dieses „Festhalten am Schreibvorgang als Lebensprogramm des Schriftstellers Kermani, der Endlichkeit entgegengehalten, begreift in sich auch alle künftigen Äußerungen. Sie alle sind, bis auf diesen heutigen Tag, Teil eines roman à faire“, so Miller. Er spricht über das Schreiben des Preisträgers, dessen Bilder-Begegnungen und -deutungen, zitierend aus dem Werk, verweisend auf Zusammenhänge.

Für den Stiftungsrat des Friedenspreises ist Navid Kermani ein Vorbild: ein aufgeklärter Bürger, der „ aus seiner Religiosität die Anregungen, Erkenntnisse und Kraft schöpft, die wir, angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, alle brauchen“, sagte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Noch nie hätten wir mehr vom Unglück der Welt gesehen als heute, da uns die Bilder täglich in die Wohnzimmer geliefert werden. Bilder auch vom Messerangriff auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker. Der, so Riethmüller, ist Ausdruck eines „verabscheuungswürdigen Klimas, das wir als Bürgergesellschaft zutiefst verurteilen müssen“.

Navid Kermani betet   nach seiner Dankesrede

Navid Kermani betet nach seiner Dankesrede.

Quelle: dpa

Unter die Stimmen der Gegenwart mischen sich die Chöre der Straße und dröhnendes Schweigen. Auch darum braucht „unsere Welt“, wie Riethmüller sagt, Vorbilder. „Menschen, die uns Orientierung geben, die zeigen, dass es sich lohnt, füreinander einzustehen, sich zu engagieren, die beweisen, dass Frieden und Freiheit nur dann gelingen können, (…) wenn man bereit ist, für die Freiheit und gegen ihre inneren wie äußeren Feinde einzutreten.“

Es fehlt eine Debatte über Ursachen

Kermani unterstreicht dies mit diesem Auftritt zum Abschluss der Buchmesse, wenn er sagt: „Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele wichtige Kulturdenkmäler der Menschheit von Barbaren in die Luft gesprengt (…) – aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen.“

Protest und Solidarität, sagt er, bleiben noch zu oft unpolitisch. Wir führen in Deutschland keine breite Debatte über Ursachen des Terrors und der Fluchtbewegung und inwiefern die eigene Politik vielleicht sogar die Katastrophe befördert, die sich vor unseren Grenzen abspielt. „Wir fragen nicht, warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi-Arabien ist. (…) Nichts ist uns eingefallen, um den Mord zu verhindern, den das syrische Regime seit vier Jahren am eigenen Volk verübt.“

Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani (r) umarmt   in der Paulskirche nach seiner Dankesrede Schwester Friederike Gr

Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani (r) umarmt in der Paulskirche nach seiner Dankesrede Schwester Friederike Gräf im Beisein von Pater Jens Petzold.

Quelle: dpa

Kermani regt an, Urteile und Vorurteile zu hinterfragen. Er spricht über seine Begegnung mit Pater Jacques Murad, einem syrischen Christen, der den Islam liebt und ihn stets gerechtfertigt habe. Wer als Muslim nicht mit dem Islam hadert, „nicht an ihm zweifelt, ihn nicht kritisch hinterfragt, der liebt den Islam nicht“. Der Islam führe keinen Krieg gegen den Westen, sondern gegen sich selbst.

Weniger als ein Erklärer ist Kermani ein Übersetzer aus dem Unbekannten, dem nicht Vertrauten, dem Fremden. Er beschäftigt sich mit Denkmöglichkeiten und Sprache, damit, was geschieht, wenn man die sprachliche Struktur ein Textes missachtet: Die Sprachgewalt beispielsweise des Korans wird dann zum politischen Dynamit.

Am Dienstag hat Kermani die Nachricht erhalten, dass der entführte Pater Jacques Murad wieder frei ist. An seiner Befreiung waren offenbar viele Menschen beteiligt, Muslime haben ihr Leben für einen christlichen Priester riskiert. Darum sagt er, für den der wahre Dialog heute der Dialog der Barmehrzigkeit ist: „Ja, es gibt immer Hoffnung.“

Aufruf zum Krieg?

„Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?“, fragt Kermani schließlich. Und antwortet: „Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich.“ Auch wenn wir Fehler dabei machen, „den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des ,Islamischen Staates’ und den des Assad-Regimes.“

Auch Europa habe sich nach den Weltkriegen neu geschaffen, oft sei er auf seinen Reisen auf Europa als Modell angesprochen worden. Dies war der einzige Moment, an dem es Zwischenapplaus gab in der Frankfurter Paulskirche. Er klang wie das Pfeifen im Wald. „Ich bange nicht um Glauben“, sagt Kermani: „Ich bange um die Welt.“

Am 21. Oktober ist Navid Kermani beim Leipziger Literarischen Herbst zu erleben: 19 Uhr, Altes Rathaus, Markt 1; der Eintritt ist frei

Der Friedenspreisträger Navid Kermani

Navid Kermani wird am 27. November 1967 in Siegen als vierter Sohn iranischer Eltern geboren. Er studiert er Köln, Kairo und Bonn Islamwissenschaften, Philosophie und Theaterwissenschaft. Seine Dissertation „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“ erscheint 1999 im Verlag C.H. Beck . Seit 2003 lebt er als freier Schriftsteller, veröffentlicht Reportagen und Kunstbetrachtungen in großen deutschsprachigen Zeitungen sowie im Magazin „Der Spiegel“. 2010 hält er die Frankfurter Poetikvorlesungen.

Zuletzt veröffentlichte Kermani unter anderem „Schöner neuer Orient. Berichte von Städten und Kriegen“ (2003), „Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime“ (2009), „Große Liebe“ (2014) und „Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundigungen“ (2014). Für sein aktuelles Buch „Ungläubiges Staunen“ hat er sich intensiv mit der christlichen Bildwelt auseinandergesetzt.

Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hessischen Kulturpreis (2009), der Buber-Rosenzweig-Medaille und dem Hannah-Arendt-Preis (beide 2011).

Von Janina Fleischer

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