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Frieder Bernius dirigiert beim Leipziger Bachfest Franz Schuberts "Lazarus"

Frieder Bernius dirigiert beim Leipziger Bachfest Franz Schuberts "Lazarus"

Dieser "Lazarus", den Frieder Bernius mit seinem Stuttgarter Kammerchor und der Hofkapelle dda am Dienstagabend in der gut besuchten Nikolaikirche aufführt, ist eines der großen Rätsel der Musikgeschichte: Warum hat Schubert die Arbeit an seinem so weit gediehenen Werk eingestellt? 80 Minuten Musik hat er geschrieben, komplett instrumentiert und in penibler Reinschrift hinterlassen, doch dann, auf Seite 262, bricht das Auferstehungs-Oratorium ab: Zu den Worten "Hebt mich der Stürme Flügel empor vom Totenhügel durch alle Sternenbehnen will ich ihm folgen" erklimmt Martha, Sopran, den eigentlich ersten dramatischen Höhepunkt des Werkes.

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Frieder Bernius mit seinen Stuttgarter Ensembles inder Leipziger Nikolaikirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Dann ist Schluss, einfach so. Das letzte vertonte Wort lautet beziehungsreich "Und"!

"Die Feier der Auferstehung" findet nicht statt. Dass derlei Anlass gibt zu den schönsten Spekulationen, liegt auf der Hand. Und die werden noch genährt durch den Umstand, dass Schubert selbst in späteren Messkompositionen mied, was inhaltlich auf dieses "und" folgen müsste: "Et expecto resurrectionem mortuorum" (Und ich erwarte die Auferstehung der Toten). Vielleicht also waren Schubert während der Arbeit am Lazarus ganz grundsätzliche Zweifel an diesem so zentralen Punkt christlichen Glaubens gekommen? Das wird sich nicht mehr klären lassen. Und widerspricht der sanften Gewissheit, die dieses so seltsam faszinierende Werk durchzieht - und bestens aufgehoben ist bei Frieder Bernius und seinen Ensembles und Solisten.

"Lazarus" ist, wenn er überhaupt als Oratorium durchgeht, ein sehr kontemplatives, eines ohne Beispiel. Denn die Traditionslinie führt von Händel und Haydn kommend bei Mendelssohn zu großer dramatischer Wucht. Schubert dagegen wendet das Espressivo seiner pastellenen Klänge nach innen. Lässt die Tränen trauernder Freunde, den Todeskampf des Lazarus, die Zweifel Simons, die Verzweiflung Marias musikalisch ungenutzt. Stattdessen stützt er unaufgeregt und innig die Gedanken, die er im Libretto des protestantischen Hallenser Theologen Hermann Niemeyer fand. Und schon der plädierte als Oratorien-Theoretiker für die Aufhebung der Trennung zwischen die Handlung vorantreibenden Rezitativen und kontemplativen Arien.

Im "Lazarus" treffen sich beide gleichsam in der Mitte, in einem Arioso-Ton, der die Grenzen verschwimmen lässt. Und das die "Handlungen", wie Schubert seine Akte nennt, strukturell durchkomponiert erscheinen, mag einer der Grund für die absurde These sein, es handle sich um ein Vorläuferwerk von Wagners Parsifal.

Mit dem indes teilt der Lazarus die Schwierigkeit, ihn zum Klingen zu bringen. Denn Ergebnis er subtilen Selbstbescheidung Schuberts ist allzu oft ein Dauermezzoforteandante, dem die Langeweile aus jeder Note tropft. Bernius dagegen lässt die feinfarbige Schönheit des Orchestersatzes sanft leuchten (nachdem das Stuttgarter Kammerorchester seine anfänglichen Timingprobleme weitestgehend gelöst hat) und verlässt sich ganz auf die subtile gestalterische Intelligenz seiner erstklassigen Solisten. Auf Sarah Wegeners strahlenden Sopran (Maria), auf den ungeheuer nuancenreichen der Kollegin Johanna Winkel (Martha), auf den so kraftvollen wie wahrhaftigen Mezzo Sophie Harmsens (Jemina), auf den etwas weinerlichen, doch elegant und geschmeidig geführten Tenor Andreas Wellers in der Titelpartie, den makellos leuchtenden seines Kollegen Tilman Lichdi (Nathanael), auf den warmen Bariton Tobias Berndt schließlich, der selbst den Zweifler Simon noch mit verhaltener Andacht auszustatten vermag.

Der Stuttgarter Kammerchor hat nicht allzu viel zu tun in diesem poetischen Anti-Oratorium. Aber die wenigen homophonen Chöre in der klassisch abgeklärten Tradition Christoph Willibald Glucks lassen bereits aufhorchen mit ihrer Kultiviertheit und Klarheit, Präsenz und Schönheit. Ein klingender Beweis dafür, dass ein Komponist wie Franz Schubert nicht viele Töne brauchte, um ins Innerste der Seele zu horchen.

Ihre Virtuosität können die Schwaben dennoch besser präsentieren in Johann Sebastian Bachs Kantate zum ersten Ostertag "Christ lag in Todes Banden" (BWV 4). Bach liefert hier in nachgerade archaischen Marmortönen zu Luthers Choralworten die Auferstehung nach, die Schubert verweigert. Und gerade durch den ästhetischen Kontrast ist dies vielleicht genau das richtige Ende des Werke. Besser jedenfalls als der Schluss, den Edison Denissow 1995 dem"Lazarus" anklebte. Lang anhaltender Jubel für das dramaturgisch bislang überzeugendste Bachfest-Programm zur Vita Christi - und für fabelhafte Ausführende.

iMDR Figaro hat mitgeschnitten und sendet das Konzert am 30. Juni ab 19.30 Uhr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.06.2013

Peter Korfmacher

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