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Für zehn Tage wird Leipzig mit dem Festival f/stop zum Fokus internationaler Fotografie

Vom vorläufigen Weltende Für zehn Tage wird Leipzig mit dem Festival f/stop zum Fokus internationaler Fotografie

NOW steht in riesigen Lettern auf eine Stellwand der Werkschauhalle geschrieben. Jetzt. Das Festival f/stop will 2016 so aktuell wie nur möglich sein. Täglich werden Titelseiten deutscher und internationaler Zeitungen frisch auf diese Wand geklebt.

Querverbindungen: Beim f/stop Festival für Fotografie werden die Bilder werden nie isoliert präsentiert und selten gerahmt. Hier eine Arbeit von Joseph Eid.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Am Tag der Eröffnung müssten das eigentlich Schlagzeilen über das Ja der Briten zum Brexit sein. Doch da wird das Dilemma der Aktualität sofort sichtbar. Die Printmedien konnten das Ergebnis noch nicht kennen.

Der Begriff der erweiterten Reportage ist Thema der diesjährigen Ausgabe des Fotofestivals. Als Gastkuratoren wurden dafür Anne König und Jan Wenzel eingeladen. Es sind keine Reportagen über verlockende Urlaubsziele, glückliche Biobauern oder quirlige Szenequartiere. Die Brennpunkte der gerade zerbröselnden Welt stehen im Vordergrund sowie deren mediale Wiedergabe. Angenehm ist das nicht, soll es nicht sein.

Empfangen wird man mit einem Bild, das man nicht nicht gesehen haben kann – der syrische Flüchtlingsjunge Alan Kurdi liegt tot an einer türkischen Küste. Weiter geht es mit einer Serie von Schwarzweißaufnahmen Bettina Lockemanns nach den Pariser Anschlägen iim November 2015, mit Aufnahmen aus Palmyra nach der Rückeroberung vom IS, mit Recherchen in deutschen Orten, in denen es rechtsradikale Übergriffe gab.

Bei so viel Zeitgeistigkeit verwundert es zunächst, wenn Wenzel davon spricht, mit der Schau die Fotografie verlangsamen zu wollen. Doch die Bilder werden nie isoliert präsentiert und selten gerahmt und auf Linie gebracht wie in ordentlichen Galerien. Vielmehr kommt es auf die Herstellung von Querverbindungen an. So wird der ertrunkene Junge nicht allein in der Verwendung durch diverse Medien gezeigt, sondern auch in Konfrontation mit einer Bildserie anderer syrischer Kinderleichen, die Khaled Barakeh bei Facebook verlinkt hatte, sowie Auszügen aus Brechts Kriegsfibel. Die formale Klammer stellen Bilder verschiedener Autoren in einer anderen Koje dar, die Schlafende zeigen. Manche friedlich im eigenen Bett, andere notdürftig auf Bahnhofsböden, an der Front oder am Arbeitsplatz, sei das nun eine asiatische Textilfabrik oder ein rumänisches Bordell.

Die beiden Kuratoren sind ansonsten bei Spector Books als Lektoren tätig. So überrascht es nicht, dass die Werkschauhalle in diesen Tagen mehr einem begehbaren Katalog als einer Fotoausstellung herkömmlicher Art ähnelt. Schrift spielt mindestens eine so große Rolle wie die Abbildungen. Dazu gehört auch ein Text, der sich „Gegen die Fotografie“ nennt. Darin heißt es: „Menschen werden geköpft, damit ich es sehe. Menschen werden von Hochhäusern geworfen, damit eine Kamera ihren Sturz festhält.“ Die Kamera als Terrorinstrument. Dass die Bilder zudem eine lukrative Ware sind, nicht erst nach dem Abdruck, kommt am Rande auch zur Sprache.

Viel bequemer wird der Konsum von f/stop auch in den anderen Hauptabteilungen nicht. Traditionell ist schon, das sich drei Hochschulen vorstellen. Diesmal kommen die Nachwuchsfotografen aus Moskau, Arles und Karlsruhe. Ein konzeptuelles Verständnis des Genres ist bei allen vordergründig, nicht die Feier des Schönen. Eine Soloschau hat Ariella Azoulay konzipiert, Monica Haller betreut die täglichen Workshops.

Erstmals geht das Festival auch „in situ“, wie es im Programm heißt. Im Stadtraum wird nach Spuren bekannter Fotografen geforscht, darunter Robert Capa und die Leipzigerin Gerda Taro, die 1933 vor den Nazis floh und unter anderem aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtete. Außerdem gibt es wieder neun „Komplizen“, sprich Spinnereigalerien, die zeitgleich Fotokunst zeigen, sowie „Satelliten“ außerhalb der Spinnerei. Zu den interessantesten Ausstellungen dabei gehört „flying high“ im Kunstkraftwerk. Neun junge Chinesen interpretieren Ausschnitte der Lebensrealität im Turbokapitalismus unter roter Flagge. Leider spielen diese Ergänzungen in der Außendarstellung des Festivals keine große Rolle. Individuelle Profilierung scheint wichtiger zu sein als Stadtmarketing. In der nicht so üppigen Auswahl internationaler Ereignisse dieser Art könnte f/stop sonst noch stärker wahrgenommen werden.

Von Jens Kassner

f/stop 2016 – the end of the world as we know it ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen: 25. Juni bis 3. Juli, täglich 11–21 Uhr; Spinnerei und weitere Standorte

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