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Funke: Plötzlich steck ich in einer neuen Welt

Funke: Plötzlich steck ich in einer neuen Welt

Das mit Spannung erwartete neue Buch von Bestsellerautorin Cornelia Funke erscheint parallel in mehreren Ländern, darunter in ihrer Heimat Deutschland und in ihrer Wahl-Heimat USA: "Reckless.

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Cornelia Funke freut sich über die Arbeit an ihrer neuen "Reckless"-Serie. (Hier auf einem Archivbild von der Verleihung des "Kulturpreises Deutsche Sprache" am 31. Okrober 2009 in Kassel).

Quelle: dpa

Hamburg/Los Angeles. Steinernes Fleisch" - Funkes erster Roman seit der erfolgreichen "Tintenherz"-Trilogie.

Im sonnigen Kalifornien hat sich die Fantasy-Autorin, die zuvor viele Jahre in Hamburg lebte, eine neue Welt erdacht. Helden sind die Brüder Jacob und Will Reckless, deren Vornamen nicht zufällig an die Gebrüder Grimm erinnern. Im Interview verrät die 51-Jährige etwas über ihr neues Werk und weitere Ideen für Bücher - und warum sie immer häufiger eBooks nutzen will und muss.

Sie haben gesagt, dass Sie nicht geglaubt hätten, nach dem Abschied aus der Tintenwelt so schnell eine neue Welt zu finden. Warum nicht?

Funke: "Die meisten Fantasyautoren stoßen, wie es scheint, in ihrem Leben nur auf eine wirklich große Welt. Deshalb dachte ich mir nach der Tintenwelt: Na, vielleicht war’s das. Vermutlich kommen jetzt erst mal und vielleicht sogar für alle Zeit nur noch kleinere Bücher oder Einzeltitel. Und plötzlich steck ich bis zum Scheitel in einer ganz neuen Welt und verspüre die größte Lust, dort noch etliche Jahre zu verbringen."

Haben oder hatten Sie jemals Angst, Ihnen könnten die Ideen ausgehen? Was hilft Ihnen in solchen Momenten, was regt Ihre Fantasie an?

Nein, so etwas hatte ich noch nie. Ich hab’ im Gegenteil das Problem, dass ich ständig so viele neue und interessante Ideen finde, dass es immer schwerer wird zu entscheiden, mit welcher ich denn nun die nächsten zwei oder drei Jahre verbringen soll. In meinem Schreibhaus stapelt sich Recherche-Literatur zu drei weiteren Ideen und Welten - und das, obwohl ich mindestens zwei weitere 'Reckless'-Teile plane. Vermutlich wird das Projekt die Nase vorn haben, das sich am meisten von 'Reckless' unterscheidet und wieder eine ganz andere Herausforderung ist."

Sie arbeiten viel mit dem Filmproduzenten Lionel Wigram zusammen. Mit ihm zusammen haben Sie auch die „Reckless“-Welt hinter dem Spiegel entdeckt - wie kam es dazu?

"Die Geschichte von Jacob Reckless ist ebenso Lionels wie meine. Wir haben jeden Charakter und jeden Schritt der Geschichte über Monate zusammen diskutiert und entwickelt, meist sechs bis acht Stunden am Tag. Wir haben uns über mehr als zwei Jahre fast jeden Tag ausgetauscht und uns für jede neue Fassung der Geschichte erneut wochenlang zusammengesetzt, um zusammen den besten Weg durch ihr Labyrinth zu finden. Es war eine unglaublich inspirierende Erfahrung, zum ersten Mal nicht nur in meinem eigenen Kopf, sondern mit jemandem zusammen eine erfundene Welt zu entdecken und zu erkunden."

Und wie viel Einfluss hatte Wigram auf die Geschichte?

"Es gibt kein einziges Kapitel, das nicht die Ideen und Gedanken von uns beiden enthält. Einige Figuren, wie Valiant und Hentzau, sind ganz und gar Lionels - auch wenn ich sie dann geschrieben und auf den Seiten zum Leben erweckt habe. Ich versuche es oft so zu erklären: Ich kann ein ziemlich sattes Gelb malen und er ein tiefes Blau, aber nur mit dem anderen wird ein ziemlich aufregendes Grün daraus. Ich kann nur allen, die kreativ arbeiten, wünschen, dass sie in ihrem Leben einmal die Erfahrung einer solchen Zusammenarbeit machen. Auch wenn es manchmal sehr viel anstrengender ist, als allein zu arbeiten."

Inwiefern anstrengender?

"Weil man sich und den anderen so viel mehr infrage stellt. Bei uns kam natürlich zusätzlich das Problem hinzu, dass er Brite ist und ich auf Deutsch schreibe. Ohne meinen Cousin Oliver, der schon den "Herrn der Diebe" preisgekrönt ins Englische übersetzt hat, und der jede Fassung unermüdlich neu übersetzt hatte, wäre diese Zusammenarbeit nicht möglich gewesen."

Haben Sie beide sich bereits vorher überlegt, wie 'Reckless' auf der Leinwand funktionieren könnte?

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"Reckless" heißt die neue Bücherserie, mit der von Erfolgsautorin Cornelia Funke.

Quelle: dpa Verlag

"Nein, im Gegenteil. Lionel genoss ja an dieser Erfahrung, dass er zur Abwechslung nicht über Budgets, Castingentscheidungen und darüber nachdenken musste, ob sich die Geschichte in zwei Stunden auf einer Leinwand erzählen lässt. Seine Lieblingskapitel sind die, die nur im Kopf unserer Helden stattfinden und mit innerem Monolog arbeiten - einem Stilmittel, das man im Film nur sehr schwer benutzen kann. Aber schließlich hat er mal Spanische und Französische Literatur in Oxford studiert. Meine amerikanische Verlegerin hat zu mir gesagt, nachdem sie Lionel kennengelernt hatte: 'Cornelia, he is not a movie person. He is a book person.'"

Inwieweit verändert die enge Zusammenarbeit mit Filmemachern an Ihrem Wohnort Los Angeles inzwischen Ihre Art, an ein neues Buch heranzugehen? 

"Ich freue mich über jede Verfilmung, so wie ich mich über jedes Hörbuch und jede Theaterfassung freue, weil es jedes Mal spannend ist zu sehen, wie andere Künstler meine Geschichten erzählen. Aber Bücher sind für mich immer noch das mit Abstand aufregendste Medium und bieten unendlich viel Freiheit beim Erzählen einer Geschichte. So viel mehr als ein nun mal immer sehr teurer Film. Ich hoffe sehr - und das geht Lionel genauso -, dass 'Reckless' jetzt erst einmal seinen Weg als Buch in die Köpfe vieler Leser macht und dort bei jedem ganz eigene Bilder schafft. Andererseits weiß ich aber sicher, dass ich mir, falls es zu einer Verfilmung kommt, keinen besseren Produzenten als Lionel Wigram wünschen kann."

Literatur und Film ergänzen einander

Setzen Sie Jacob und Wilhelm Grimm und dem Märchenerbe Europas mit der 'Reckless'-Welt Ihr persönliches Denkmal? Ist es gewissermaßen ein Dankeschön an die beiden Brüder?

"Mit dem Dankeschön bin ich etwas vorsichtig, denn während meiner Recherche musste ich feststellen, dass sie die weiblichen Gestalten der Märchen doch allzu oft bürgerlichen Idealen gemäß sehr brav und fügsam gemacht haben. Trotzdem habe ich es natürlich den Grimms zu verdanken, dass ich schon als Kind von Dornröschen, Hänsel und Gretel und Rapunzel hörte - und Jacob Grimm sieht dem Jacob in meinem Kopf sogar ähnlich."

Die Märchen der Brüder Grimm haben schon viele Kinder begeistert und gleichermaßen erschreckt. Was macht Ihrer Meinung nach deren Faszination aus?

"Dass wir in ihnen all die Bilder finden, die Volksmärchen schufen, um die Lebenswirklichkeit des Menschen auszudrücken. All unsere Ängste, all unsere Begierden, die Grausamkeit des Menschen, seine Rachsucht, seine innersten Wünsche - in den Bildern der Märchen drücken sie sich oft sehr viel mächtiger aus als in realistischen Schilderungen, weil die Bilder oft selbst Unaussprechliches begreifbar machen. Märchen sind oft reaktionär und dann wieder sehr weise. Man findet alles in ihnen, menschliche Dummheit und Klugheit, das Gute und das Böse Seite an Seite."

Bevor oder während Sie an 'Reckless' geschrieben haben: Sind Sie wieder tief eingetaucht in die Welt der Gebrüder Grimm, haben deren Märchen gelesen oder den Film 'Brothers Grimm' gesehen? Wissen Sie noch, welches Märchen Sie als Kind liebten oder fürchteten?

"Den Film finde ich so schlecht, dass ich mir ihn schon im Kino kaum zu Ende ansehen konnte. Aber ja, die Märchen musste ich natürlich für 'Reckless'“ noch mal lesen - und nicht nur die der Grimms, sondern auch andere Märchen aus Österreich, Slowenien und Ungarn, wo die Geschichte ja in etwa spielt. Das Märchen, das mich wohl am tiefsten berührt (oder sagen wir verstört?) hat, war 'Die Gänsemagd', in der dem Lieblingspferd der Heldin der Kopf abgeschlagen und über das Tor genagelt wird, durch das sie morgens hindurchgehen muss."

Funke hat bereits weitete Ideen in der Schublade

Sie selbst haben mit Sicherheit schon Ideen für weitere Geschichten im Kopf. Auf welche Bücher dürfen Ihre Leser gespannt sein?

"Im nächsten Jahr erscheint eine Geistergeschichte von mir, mit der ich schon begonnen hatte, bevor Jacob Reckless ihr in den Weg kam. Friedrich Hechelmann hat schon ganz wunderbare Illustrationen dazu gemalt und im Herbst 2011 soll es in Oldenburg sogar eine Oper dazu geben. Der Arbeitstitel ist 'Der Ritter und sein Knappe', es wird ein richtiges Kinderbuch sein - für Acht- bis Zwölfjährige, würde ich sagen. Damit beweise ich den Jüngeren dann hoffentlich, dass ich sie hinter dem Spiegel nicht vergessen habe. Außerdem spiele ich zur Zeit mit dem Gedanken, eine neue Bilderbuchgeschichte selbst zu illustrieren, aber ich fürchte, das wird letztlich doch an mangelnder Zeit scheitern - schließlich arbeite ich schon an 'Reckless 2'. Davon habe ich schon 180 Seiten."

Werden Sie auf Lesungen eigentlich immer noch so hartnäckig von den Kindern gefragt, wann es eine "Wilde Hühner"-Fortsetzung gibt?

"Zum Glück haben die Kinder sich wohl inzwischen damit abgefunden, dass ich keine weiteren Hühnerbücher schreibe. Es gibt ja die Küken-Bücher von Thomas Schmid und die Filme und vielleicht auch demnächst eine Fernsehserie, die den Hunger stillen. Aber demnächst kommen die Bücher in England heraus, in einer ganz neuen, und wie ich finde, sehr guten Aufmachung, also mal sehen, ob die Hühner auf Englisch auch erfolgreich sind. Ich habe die Kinder nach dem Grund für den Erfolg gefragt und die Antwort war: Weil sie mit uns älter werden und weil sie sich nicht immer mögen"

Wie viel Einfluss hatten Ihre eigenen Kinder auf "Reckless"?

"Meine Tochter ist immer noch eine meiner ersten Leserinnen und hatte einigen Einfluss auf 'Reckless'. Mein Sohn Ben hält von Filmen inzwischen wesentlich mehr als von Büchern, also wird er die Geschichte wohl erst kennen, wenn Lionel sie irgendwann verfilmt. Aber manche sagen, dass Jacob eine erwachsene Version von ihm ist, und da ist bestimmt was dran."

Welches Buch lesen Sie selbst gerade? Und können Sie sich vorstellen, künftig auf Ihrem Nachttisch ein eBook liegen zu haben?

"Ich lese gerade 'Wolf Hall' von Hilary Mantel. Nein, auf dem Nachttisch werden wohl weiter die Papierbücher liegen. Aber ich denke, dass ich für Recherchen schon bald immer mehr auf eBooks zurückgreifen werde, weil mein Haus von Büchern überquillt. Ich schaffe für die Recherche zu jeder Geschichte mindestens 50, oft mehr Bücher an, so langsam ist jede Wand mit ihnen bedeckt, und Zeitung lese ich bereits auf dem iPad."

Cornelia Funke "Reckless. Steinernes Fleisch", 352 Seiten, Cecilie Dressler Verlag, 19,95 Euro.

dpa

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