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Funktioniert heute wie damals

Funktioniert heute wie damals

Es begab sich aber zu der Zeit, im alten, analogen Jahrhundert, in dem es noch Schallplatten und Tonbänder gab, Männer oft Bärte, in jedem Fall aber lange Haare trugen und Schlaghosen ein modisches Muss darstellten, als sich Wishbone Ash, Barclay James Harvest und Manfred Mann's Earth Band formierten, um die frohe Botschaft des Rock unters Volk zu bringen.

Viele Jahre sind seitdem vergangen, vieles hat sich geändert. Das lange Haar ist jetzt dünn, Tonbänder sind sentimentale Erinnerung und Schlaghosen gottlob eher selten. Und Rock klingt heute auch ganz anders.

Aber als sei ein Gebot erlassen worden, auf das sich alles Volk zählen lasse, strömte am Samstag eine ganze Menge davon ins Haus Auensee, um dort Bands zu bejubeln, die unter dem Label "The Christmas Rock Legends" ein Konzert gaben, bei dem freilich keiner eine Süßer-die-Glocken-nie- klingen-Besinnlichkeit erwartete.

Nun mag man nicht zuletzt deshalb sagen, dass diese Legenden gut und gern auch an Pfingsten spielen könnten, und es wäre nicht verkehrt. Andrerseits: Bei Fans wie Musikern mögen, wie die langen Haare, so auch die Bärte inzwischen zwar weitgehend ab sein - dieser Rock aber, dem hier gehuldigt wird, hat einen Bart, der ist so lang wie der vom Weihnachtsmann. Mindestens.

Wuchert der nun wegen künstlerischer Stagnation, oder ist er Merkmal eines sympathischen, weil dem Zeitgeist trotzenden, Sich-treu-Bleibens? Ganz im Sinne von: Was kümmern uns die Moden, so lange den Fans gefällt, was wir machen! Und was nun die Fans im Saal angeht, kann man sagen: Es gefällt ihnen.

Wishbone Ash bestreiten die erste Runde. Genauer: Martin Turners Wishbone Ash. Denn wie auch bei Barclay James Harvest, konkurrieren hier Mitglieder der Original-Band miteinander. Jeweils unter dem alten, zugkräftigen Namen und mit neuen Musikern. Die diesbezüglichen Personalien sind so kompliziert, wie die in Shakespeares Königsdramen. Was aber etwaig einhergehende Qualitätsduelle betrifft, bleibt zu konstatieren, dass die Wishbone-Ash-Ausgabe, die im Februar in der MB spielte (nämlich die um Andy Powell) in der Tat ein kraftvolles, auf den Zeitgeist pfeifendes Treuegelübde auf den Rock darstellt. Was hier explizit erwähnt sei, weil es beweist, dass es auch anders geht.

Anders eben, als bei Turner und seinen Mannen. Liefern die doch das routinierte Dahinrumpeln einer Nostalgie-Jukebox. Dabei wohl selbst kaum mehr wollend, als Erinnerungen an alte Zeiten zu reaktivieren und die Fans darin schwelgen zu lassen. Nein - ist nicht schlimm, nur etwas eintönig.

Eintönigkeit nun, wenn auch in eher hymnisch-sphärischer Dimension, ist auch Barclay James Harvest nicht fremd. Im Auensee gibt es die Bandvariante mit Gründungsmitglied Les Holroyd, die deshalb Barclay James Harvest featuring Les Holroyd (kurz: BJHFLH) heißt, im Gegensatz zur Konkurrenz von John Lees' Barclay James Harvest (kurz: JLBJH). Aber ob im Suffix oder Präfix - beide frönen sie ihrem ätherischen Soundwabern und gern auch gravitätischen bis weinerlichen Texten. Was insgesamt suggeriert, man stünde, nein: schwebe weit über schnöde irdischen Kleinigkeiten wie Namen und Mammon.

Wenigstens klingt es in Nummern wie "The Time Of Our Lives" so. Wie Holroyd (noch mit Bart und Wuschelhaar) das intoniert und dazu die Gitarren wimmern, das trägt einen schon mal davon, weich und einlullend, wie auf einem fliegenden Teppich, nach dessen Muster sich alle Lieder stricken, mit Jesus, viel universellem Licht und Innerlichkeit. Eindeutig der weihnachtlichste Teil des Abends.

Dessen Haupt-Act es dann allerdings noch mal krachen lässt. Allein, was die musikalische Substanz angeht, ist Manfred Mann samt vierköpfiger Begleitung (darunter Earth-Band-Urgestein Mick Rogers an der Gitarre) der interessanteste Part. Es ist der Jazz-Fusion-Hauch, der eben auch Dampfhammer-Nummern jene Note Virtuosität verleiht, die vor Eintönigkeit bewahrt. Das funktioniert heute wie damals. Und so kocht dann die Stimmung hoch. Zu "Davy's On The Road Again", "Blinded by the Light" und natürlich fehlen auch Dylans "Mighty Quinn" und "Father of Day" nicht, die Manfred Mann ja zu zwei Rock-Hymnen aufpimpte, die auch im Auensee wieder bestens zünden. Und das weitaus greller als Christbaumbeleuchtung.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.12.2013

Steffen Georgi

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