Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Galerist Gerd Harry Lybke: Die „Neue Leipziger Schule“ ist ein Missverständnis

Galerist Gerd Harry Lybke: Die „Neue Leipziger Schule“ ist ein Missverständnis

Einer der größten Kunstexporte in den Westen nach der Wende war wohl die „Neue Leipziger Schule“ - allen voran Neo Rauch. Dabei ist der Begriff eigentlich ein großes Missverständnis.

Voriger Artikel
„Dauernd jetzt“: Grönemeyer kommt 2015 mit neuem Album in die Red-Bull-Arena Leipzig
Nächster Artikel
20 Jahre Schaubühne Lindenfels: "Es ist uns nur zu wünschen, nie etabliert zu sein"

Neo Rauch, 2012 in den Kunstsammlungen Chemnitz vor seinem Gemälde «Die Abwägung»..

Quelle: Hendrik Schmidt

Düsseldorf. Mit dem Etikett wurden alle Maler neben Kunststar Neo Rauch versehen, die nach der Wende Mitte der 90er Jahre an der berühmten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierten. Bis auf Neo Rauch kam allerdings keiner aus der untergegangenen DDR, fast alle kamen aus dem Westen.

„Sie waren sozialisiert durch die alte BRD“, sagt der Galerist Gerd Harry Lybke, der noch zu DDR-Zeiten 1985 in Leipzig die legendäre illegale „Werkstattgalerie Eigen + Art“ gründete.  Es gebe auch keinen einheitlichen Malstil der Leipziger Künstler, sagt Lybke, ohne den der Ruhm von Rauch heute kaum denkbar wäre. „Aber Leipzig war ein Herd von Kreativität.“ Die Studenten kamen wie David Schnell aus Köln, wie Christoph Ruckhäberle aus dem bayerischen Oberpaffenhofen oder wie Matthias Weischer aus Elte in Nordrhein-Westfalen.

Der einzige gebürtige Leipziger war Neo Rauch, den Lybke als „besten und wichtigsten Maler seiner Generation weltweit“ bezeichnet. „Neo Rauch hat die Tür zur Malerei wieder aufgemacht.“ Ohne Lybke wäre Rauch wohl auch nicht ein solcher internationaler Erfolg beschert worden. Lybkes Galerie war in den 80ern der angesagteste Ort, um unabhängige Kunst in der DDR zu sehen. Nach dem Mauerfall wurde die „Werkstatt“ zur international führenden Galerie für die Leipziger Künstler.  Dabei wollte der Kunstmarkt in den 90er Jahren alles außer Malerei, doch diese war ausgerechnet an der Leipziger Hochschule besonders wichtig. „Leipzig hat die Malerei für die Welt wiederentdeckt“, sagt Lybke.

Dass Rauchs Bilder manchmal an den Sozialistischen Realismus der Ostblock-Diktaturen erinnern, schien für Sammler einen besonderen Charme zu haben. Ausgerechnet 550 Kilometer westwärts von Leipzig, in Kleve am Niederrhein, kann man mehr über die Malerei aus dem Osten erfahren. Im angesehenen Museum Kurhaus Kleve ist Harald Kunde Direktor. Er hat den Aufbruch der Leipziger Maler vor und nach der Wende hautnah miterlebt. Und es ist auch symbolisch für das Zusammenwachsen von Ost und West, dass der ostdeutsche Kunsthistoriker und Neo Rauch-Experte heute ganz tief im Westen arbeitet.

Der Begriff „Neue Leipziger Schule“ knüpft an die „Leipziger Schule“ an, die Anfang der 1970er Jahre aufkam und eng mit dem Dreigestirn Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke verbunden war. „Ihnen war es relativ egal, welche Vorstellung die DDR-Funktionäre von Kunst entwickelten“, sagt Kunde. Schon für die „Leipziger Schule“ aber galt, dass es keinen einheitlichen Malstil gab. Tübke orientierte sich an manieristischen Vorbildern, Heisig malte in der Tradition von Lovis Corinth, Mattheuer schuf „Denk- und Problembilder“ mit brisanten gesellschaftlichen Inhalten.

Der Begriff der „Neuen Leipziger Schule“ wurde nach der Wende für die übernächste Malergeneration nach Tübke und Heisig benutzt, auch als Abgrenzung zu anderen Kunstzentren der DDR. Denn es gab auch in Dresden eine traditionsreiche Kunstschule, aus der erfolgreiche Maler wie etwa Eberhard Havekost hervorgingen. „In Leipzig malte man Problembilder, die Dresdner Malerei war sehr sensualistisch“, sagt Kunde. Auch Kunde sieht den 1960 geborenen Neo Rauch als „Schlüsselfigur“ der Leipziger Kunstszene, weil er „die Tugenden seiner Lehrer aufgenommen hat und trotzdem neugierig genug war, ganz andere Inhalte in den Bildern zu formulieren“. 

Als Neo Rauch Ende der 90er Jahre bekannt wurde, habe sich der Fokus auch auf andere und jüngere Positionen der Leipziger Malerei gerichtet, sagt Kunde. „Da war der Begriff der Neuen Leipziger Schule schnell gefunden, obwohl der irreführend ist“, sagt auch Kunde. „Aber für die Vermarktung war es natürlich ein gutes Label.“ Je eigenständiger die Künstler aber wurden, desto weniger wollten sie mit diesem Label etwas zu tun haben. 

Die Blütezeit der „Neuen Leipziger Schule“ lag am Beginn des neuen Jahrtausends. Kunde sieht aber nur wenige formale Gemeinsamkeiten er Maler. „Es ist eine sehr träumerische Malerei gewesen, in der es um Zwischenstände des Bewusstseins geht, um surreale und märchenhafte Szenen. Es war ein Innehalten in der rasanten Veränderung.“ Heute habe sich das gründlich geändert. „Der Schwebezustand ist nicht mehr das adäquate Lebensgefühl der Künstler in Leipzig“, sagt Kunde. „Man hat sich positioniert.“ 

Ist die „Neue Leipziger Schule“ also tot, wie es Zeitungen schon vor Jahren schrieben? Kunde meint: „Die Hochzeit der Neuen Leipziger Schule ist vorbei.“ Welterfolg hat weiterhin Neo Rauch. Kunde hatte erst 2013 in Brüssel eine große Rauch-Ausstellung kuratiert. „Die „Neue Leipziger Schule“ hatte eine wichtige Zeit, wo sie auch der Ausdruck eines Lebensgefühls an einem bestimmten Ort war“, sagt Kunde. „Heute sind die Claims sind abgesteckt. Die Szene hat sich sortiert.“

Dorothea Hülsmeier, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine Papierfabrik stellt sich vor: "Edle Papiere aus Gmund" im Druckkunstmuseum Leipzig. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr