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Gardiner dirigiert Brahms, Mendelssohn und Schumann

Großes Concert Gardiner dirigiert Brahms, Mendelssohn und Schumann

Brahms’ Akademische Festouvertüre, Mendelssohns frühes Doppelkonzert und Schumanns „Rheinische“ Sinfonie im Großen Concert des Gewandhausorchester.

John Eliot Gardiner dirigiert das Gewandhausorchester.

Quelle: Kempner

Leipzig. Dieser Mendelssohn war wirklich ein Wunder. Egal wie weit man zurückgeht in seinem allzu kurzen Leben – überall stößt man auf Meisterwerke. Im Jahr 1823, da war er 14, beispielsweise auf das von der Nachwelt lange ignorierte d-moll-Konzert für Violine, Klavier und Orchester, das John Eliot Gardiner am Pult, Isabelle Faust an der Geige und Kristian Bezuidenhout am historischen Flügel ins Zentrum der ausverkauften Großen Concerte dieser Woche stellen.

Mendelssohn versichert sich in diesen drei Sätzen für den großbürgerlichen Hausgebrauch mit erstaunlicher Sicherheit der Vergangenheit im Geiste Mozarts. Aber er belässt es nicht dabei, öffnet inmitten dieses fein ausbalancierten Klassizismus immer wieder Fenster zur Romantik. Offenbar träumte dieser 14-Jähriger, die Jupiter-Sinfonie im Kopf, schon von der Sommernacht.

Dieses Doppelkonzert ist ein luftiges, ein duftiges, ein bei aller Ernsthaftigkeit wunderbar verspieltes Meisterwerk – und es ist auf weiten Strecken strukturell eher eine Violinsonate mit obligatem Orchester als ein Konzert. Das macht Sir John am Pult die Arbeit nicht leichter. Denn wie bei den spärlichen Beiträgen des Orchesters in Chopins Konzerten sind auch hier diese Noten ja keineswegs überflüssig. Sie bereiten den Solisten das Feld, färben ihr Spiel, werfen immer wieder neue Impulse hinein. Und dieser Aufgabe entledigen sich Gardiner und das mit acht ersten Geigen keineswegs klein besetzte Orchester mit subtiler Delikatesse.

Das ist umso wichtiger, als Faust und Bezuidenhout einen kammermusikalisch-intimen Zugriff kultivieren, und das feine Spiel der Farben des historischen Flügels allzu leicht aufgerieben wird zwischen Violine und Orchester. Hier aber greift alles ineinander, verschmelzen Fausts hellsilbriger, durchaus kraftvoller Ton und Bezuidenhouts warme Girlanden, seine herrlich ausgesungenen Bögen zum musikalischen Organismus. Und so finden die herrlich erwachsene Motiv-Arbeit im Kopfsatz, die traumverloren schönen Melodien der Mitte, die verspielte Würde des Finales sicher den Weg zum Ohr des Hörers. Und wohl niemand im Saal wird danach noch daran zweifeln, dass dieser Mendelssohn 1823 schon ein Gigant war.

Auch Robert Schumann schrieb viele Werke, die lange nicht ernstgenommen wurden. Das gilt beinahe für sein gesamtes Orchesterschaffen, dem bis in jüngste Zeit der Vorwurf gemacht wurde, es sein nicht anständig instrumentiert. Das stimmt indes nur insofern, als es nicht schulmäßig instrumentiert und somit unanständig schwer zum Klingen zu bringen ist.

Kaum ein anderer Dirigent hat sich so viele Verdienste um Schumanns Sinfonik erworben wie John Eliot Gardiner. Er hat nie versucht, ihn zu verbessern, um zu zeigen, was er gemeint haben könnte. Gardiner hat sich immer darum bemüht, die Töne hörbar zu machen, die Schumann aufschrieb. Und noch immer kommt er dabei zu neuen Ergebnissen. Verglichen mit seiner anhaltend die Maßstäbe setzenden Gesamteinspielung mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique von 1998 legt er Schumanns Dritte, die „Rheinische“, nun mit dem Gewandhausorchester runder an, eher auf den Mischklang als auf Analytik setzend. So postiert er beispielsweise die vier Hörner rechts und links von Flöten und Oboen, was den Bläsersatz gleichermaßen grundiert und rundet und Schumanns sinnliche Registerarbeit wohlig leuchten lässt.

Überhaupt klingt diese Sinfonie, die Schumann in seiner vielleicht glücklichsten Zeit schrieb, ungewohnt feierlich, nicht nur im so überschriebenen vierten Satz. Das liegt vor allem daran, dass Gardiner alle fünf Sätze aus einem gemeinsamen Puls entwickelt, der nicht eigentlich langsam ist, aber ruhig und erhaben. Doch wäre Gardiner nicht Gardiner, würde er nicht innerhalb dieser Grenzen auf Entdeckungsreise gehen, immer neue Unerhörtheiten ans Licht bringen. Wobei ihn das Gewandhausorchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger nach Kräften unterstützt: Bemerkenswert, wie dieses Orchester mittlerweile den Schalter umlegen und sich auf ganz unterschiedliche Stilwelten einstellen kann, ohne je seinen Eigenklang zu verleugnen.

Wahrscheinlich genießen auch die Musiker des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt dieses in heller Heiterkeit schimmernde Programm inmitten all der Wagner- und Reger-Tongebirge dieser Tage. Folgerichtig ist schon der Beginn dieses wunderbaren Großen Concerts ein großer Wurf: Brahms’ Akademische Festouvertüre. Eigentlich ein Gelegenheits-, aber doch ein Meisterwerk. Gardiner nimmt es ernst, und verhilft so dem doppelbödigen Witz dieser Partitur erst recht zu seinem Recht.

Von Peter Korfmacher

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