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Gefährliche Wahrheiten: Can Dündar ist ein Vorbild für Journalisten

Leitartikel Gefährliche Wahrheiten: Can Dündar ist ein Vorbild für Journalisten

Can Dündar wird in der Türkei für seine journalistische Wahrheitssuche verfolgt. Leipzig hat ihn deshalb mit dem Preis für die Freiheit und die Zukunft der Medien ausgezeichnet. Der türkische Präsident wird seine inhaftieren Kritiker nicht freilassen, aber die Auszeichnung wirkt anders.

LVZ-Redakteur Jürgen Kleindienst (l.) zur Auszeichnung von Can Dündar (r.)

Quelle: Döring / Kempner

Leipzig. Auf den Postkarten, die vom Mediencampus der Leipziger Villa Ida am Freitag in den Himmel aufstiegen, steht die Zahl „96“. So viele Journalisten saßen im September in der Türkei in Haft. Tatsächlich sind nun aber rund 130 Ballons mit Postkarten in der Luft. Der Grund dafür: Seit September wurden zahlreiche weitere Kollegen verhaftet. Ihre genaue Zahl kennt niemand. 120 bis 140 könnten es inzwischen sein, wird geschätzt.

Rasant verabschiedet sich der EU-Dauer-Beitrittskandidat Türkei von Demokratie und Rechtsstaat. Exemplarisch für diese Situation steht ein Satz des türkischen Journalisten Can Dündar aus seinem im Gefängnis geschriebenen Buch „Lebenslang für die Wahrheit“. In freien Ländern mache sich strafbar, wer ein Verbrechen begehe, in der Türkei werde vor Gericht gestellt, wer Verbrechen aufdecke, heißt es dort. Dündar und sein Kollege Erdem Gül, die gestern den Leipziger Preis für die Freiheit und die Zukunft der Medien erhielten, haben genau das gemacht. In der Zeitung „Cumhuriyet“ berichteten sie über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien. Seitdem werden sie mit Prozessen überzogen.

Die Freiheit der Medien, in der Türkei ist sie inzwischen Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund ist die Frage erlaubt, was dagegen eine solche Preisverleihung und ein paar Luftballons ausrichten können. Gegenfrage: Was ist die Alternative? Natürlich wird der türkische Präsident Erdogan nun nicht plötzlich die Gefängnistore öffnen, wenn eine Postkarte aus Leipzig bei ihm landet.

Solche Preise wirken anders, nach innen, auf die deutsche Politik, die mit der Türkei einen faulen Deal abgeschlossen hat, mit dem das nach wie vor akute Flüchtlingsthema auf Distanz gehalten werden soll, natürlich auch weil Europa bei dieser Frage ein einziger Totalschaden ist. Insofern setzt die Medienstiftung der Sparkasse mit ihrer Auszeichnung an Dündar und Gül, die ihrerseits in ein Wespennest gestochen haben, ein kluges und klares Zeichen – auch gegen deutsche Selbstgerechtigkeit und Heuchelei.

Der Preis sollte aber auch auf uns Journalisten wirken, uns darin bestärken, die eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen. Nicht jeder kann mal eben einen staatlichen Waffendeal aufdecken. Hinter Fassaden klettern, PR und Aussagen von Lobbyisten nicht ungeprüft durchwinken, Politik und Wirtschaft auf die Finger sehen, das ist aber auch im Kleinen möglich. Can Dündar sagte gestern, der Preis mache ihm Mut bei seinem Kampf für die Pressefreiheit in der Türkei. Er sollte auch die hiesigen Kollegen darin bestärken, ihre Arbeit so gut es geht zu machen.

Denn auch hier wird ja inzwischen an der Pressefreiheit gesägt. Jene, die eine ganze Branche, einen ganzen Berufsstand mit dem Schmähruf „Lügenpresse“ verunglimpfen, fordern im Grunde genau das: eine Presse, die in ihrem Sinne lügt. Kümmern wir uns also um die Wahrheit. Can Dündar macht es uns vor.

Jürgen Kleindienst

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