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Gegen die Fahrtrichtung: Manaf Halbouni und seine „Fluchtautos“ in Leipzig

Kunstprojekt Gegen die Fahrtrichtung: Manaf Halbouni und seine „Fluchtautos“ in Leipzig

Wer flüchtet vor wem und warum? Diese Frage stellt der Deutsch-Syrer Manaf Halbouni im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Halbouni steuert gegen die allgemeine Fahrtrichtung: der 31-Jährige hat im Museumsfoyer zwei „Fluchtautos“ geparkt, mit Habseligkeiten, die ein Deutscher vielleicht mitnehmen würde: Stollen, eine Kiste Bier, Karl-May-Bücher.

In Dresden hielt Manaf Halbouni mit seinem Projekt „Sachse auf der Flucht“ den Pegida-Demonstranten den Spiegel vor.
 

Quelle: Manaf Halbouni

Leipzig.  Ein Hut gegen die Sonne, Literatur für die Seele und Radeberger gegen den Durst. Oder was nimmt man mit, wenn man von heute auf morgen abhauen muss? Und wie bleibt auf der Flucht ein Rest Heimat? Der in Dresden lebende Deutsch-Syrer Manaf Halbouni hat zwei nicht ganz rostfreie VW Polo mit Habseligkeiten beladen und bis zum 26. Juni im  Museum der bildenden Künste in Leipzig geparkt. Das Projekt „Nowhere is Home“ verhandelt ein Thema, das Millionen Menschen und den Künstler selbst betrifft. Halbouni steuert gegen die allgemeine Fahrtrichtung und hält hiesigen Befindlichkeiten den Rückspiegel vor.

Denn dass hier keineswegs einfach die traurig-vertraute Geschichte vom Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien oder dem Irak erzählt wird, zeigt bereits ein Blick aufs Dach: Neben Koffern und Teppichen sind dort ein Diamant-Rad, Christstollen-Packungen und Bierkisten festgezurrt. „Es geht nichts über ein kaltes Bier“, sagt der 31-Jährige, der 1984 in Damaskus geboren wurde und dort 23 Jahre lebte.

Dresdner Stollen in Damaskus

Der Vater, ein Architekt, lehrt dort noch an der Universität, lebt in einem Viertel, das von der Regierung kontrolliert wird. „Wir telefonieren alle zwei Tage.“ Freunde und Nachbarn wurden verhaftet, andere kamen um. Halbounis Vater hatte einst an der TU Dresden promoviert, dort seine spätere Frau kennengelernt, eine Deutsche. Gemeinsam zog das Paar nach Damaskus. Durch seine Mutter, die 2002 starb, hat der Künstler die doppelte Staatsbürgerschaft, war Dresden auch in der syrischen Hauptstadt ein Teil seines Lebens. „Wir bekamen zu Weihnachten immer ein Paket mit Stollen“, erzählt er in perfektem Deutsch.

Dass er nicht mehr in seiner Heimatstadt lebt, ist wie bei den meisten der Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, nicht das Ergebnis einer freiwillig getroffenen Entscheidung. Halbouni studierte zunächst Bildhauerei an der Universität der Schönen Künste in Damaskus. Den Wehrdienst wollte er jedoch nicht in Syrien, sondern in Deutschland ableisten – „das Militär dort ist etwas ganz anderes als hier“ – und dann zurück. Doch es kam anders. Die Bundeswehr teilte ihm mit, dass man Jüngere bevorzuge, und in Syrien brach 2011 der Bürgerkrieg aus, versperrte ihm den Weg zurück in die Heimat. Halbouni blieb, studierte weiter Bildhauerei, nun an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seit 2014 ist er dort Meisterschüler bei Eberhard Bosslet und holte bereits mehrere Auszeichnungen.

„Sachse auf der Flucht“

Ein Teil seiner Familie lebt noch in dem weitgehend zerstörten Bürgerkriegsland, die andere Hälfte ist in der halben Welt verstreut, floh nach Hamburg, Holland oder Jordanien. „Nach Dresden ging ich, weil hier meine Mutter herkommt und ich dort einige Bekannte hatte“, erzählt der Künstler. Als Kind sei er oft bei den Großeltern zu Besuch gewesen. Das Thema Krieg, Flucht und Verlust der Heimat beschäftigt ihn, seit er in Deutschland lebt. Und mit dem Aufkommen der fremdenfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Dresden taucht es für ihn erneut und ziemlich überraschend auf: „Ich hatte das Gefühl, ich verliere meine Heimat ein zweites Mal. Ich mache hier meine Arbeit, ich habe niemandem etwas getan. Es macht keinen Spaß mehr.“ Er muss reagieren, auch als Künstler. Ab Januar 2015 stellt er, immer montags, einen Mercedes auf den Dresdner Theaterplatz, belädt ihn mit lieb gewonnenen typisch deutschen Accessoires, aber auch ironisch mit Gartenzwergen und Sonnenschirm und dreht das Migrationsthema einfach um. „Sachse auf der Flucht“, nennt er sein Projekt, das nebenbei auf die große Ost-West-Wanderung nach 1989 anspielt und bundesweit Aufmerksamkeit findet. Halbouni rief dazu auf, sich vor dem Auto fotografieren zu lassen und ihm die Bilder zur Veröffentlichung zuzuschicken.

Das Auto als letzte private Höhle

Die Idee, mit dem Auto ein mobiles Zuhause als Kunstwerk auf die Reise zu schicken, beschäftigt Halbouni weiter. „Ein Auto ist trocken, man kann es abschließen, notfalls darin schlafen – und vor allem: damit wegfahren.“ Er belädt zwei Polos, Baujahr 1991. Einen fährt er im Sommer 2015 zum Victoria and Albert Museum nach London, ein zweiter wird bei der Biennale in Venedig präsentiert. Und beide stehen sie jetzt in Leipzig, weiten das Thema Flucht ins Allgemeine – mit dem Auto als letzter privater Höhle im Dauer-Unterwegssein, mit Steppdecken, Behelfsregal, Gaskocher, Geschirr, Besteck, Teekessel ...

Und sehr viel Literatur – arabischer, die er liebt, und deutscher. Effi Briest von Fontane etwa. Zudem auffällig viel von Karl May. „Den kannte ich nicht, bis mich ein Freund zum Karl-May-Fest in Radebeul zerrte. Das hat mich sofort interessiert, ich las ,Von Bagdad nach Stambul’, das ja zum Teil in Damaskus spielt. Es ist faszinierend, wie er die Stadt beschreibt, obwohl er sie damals noch nicht gesehen hatte. Es sieht dort heute noch so aus, zumindest bis zum Ausbruch des Kriegs“, erzählt Halbouni. So schrieb hier ein Sachse, der sich mit seinen Büchern in die Ferne träumte, und ein vor dem Krieg Geflüchteter findet in ihnen seine Heimat.

Für die Autos ist die Reise in Leipzig noch nicht beendet, eines soll ins Dresdner Verkehrsmuseum kommen, das andere wird vielleicht von der Sächsischen Kulturstiftung angekauft. Und Manaf Halbouni? „Ich bleibe trotz allem erstmal in Dresden. Ich habe mich dort verliebt.“

Von Jürgen Kleindienst

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