Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Gegen die Zumutung des Todes - Verdis Messa da Requiem in der Oper Leipzig

Gegen die Zumutung des Todes - Verdis Messa da Requiem in der Oper Leipzig

Sie verebbt im Nichts, diese gewaltige Totenmesse: "Morendo" hat Giuseppe Verdi über den Schlussakkord geschrieben - ersterbend. Im vierfachen Piano raunt der Chor ein letztes Mal "Libera me" - erlöse mich.

Voriger Artikel
Musik ist mehr als bloß Töne - Der Leipziger Gebärdenchor im Porträt
Nächster Artikel
Kahlköpfige Dreifaltigkeit: Trevisanis Tanztheater "Mann im Fahrstuhl"

Anthony Bramall dirigiert Solisten, die Chöre der Oper Leipzig, den Corale Quadriclavio aus Bologna und das Gewandhausorchester.

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. Auch mich, ließe sich ergänzen, denn dieses resignative Verebben verleiht der Erkenntnis Ausdruck, dass der Tod nur für die Lebenden schrecklich ist. Für die, die ihn fürchten, für die, denen er einen Menschen entreißt. Wen er holt, der hat es hinter sich. Was ja auch tröstlich sein mag - und woran auch Musik nichts ändert. So schaltet sie sich, derweil ihr Schöpfer sich ins Unausweichliche fügt am Ende der "Messa da Requiem", gleichsam selbst ab: Die Gesangslinien von Mezzosopran und Chor ziehen sich auf einen Ton zusammen, im Orchester verlieren sich die Farben im Dunst.

Anthony Bramall hat dieses verstörend schlichte Ende immer fest vor Augen, denkt bei seiner Aufführung am gestrigen Nachmittag das Werk vom Ende her, lässt weder bei den gewaltigen Tag-des-Zorns-Tableaus noch am Tag der Tränen Umwege zu, meidet hier alles Plakative und dort auch den leisesten Hang von Sentimentalität. Keine Frage: Der stellvertretende Chefdirigent der Oper Leipzig hat seinen Toscanini gut gelernt. Denn sein Vorwärtsdrang geht nicht zu Lasten der emotionalen Kraft der Musik, er bringt, ganz im Gegenteil, ihre zutiefst menschliche Schönheit aus sich selbst heraus zum Leuchten. Denn Verdi bedarf der wohlmeinenden Zutat durch die Interpreten nicht. In seinen Opern nicht, nicht in seinem Requiem, dem Verächter das Etikett umhängten, es handle sich um seine beste Oper. Bei Lichte besehen ein ziemlich großes Kompliment: die beste Oper des größten Opernkomponisten im 19. Jahrhundert.

Wie auch immer: Bramall sucht sein Heil ausschließlich in der Partitur - mit dem klar erkennbaren Ziel, alles hörbar zu machen, was er dort findet. Drum legt er das Spiel des Gewandhausorchesters auf Präzision an, auf Klarheit, was im Zusammenspiel mit der Akustik der Konzertmuschel auf der Opernbühne in den wuchtigen Tutti-Teilen recht herb tönt, bisweilen fast ein wenig kalt. Doch im Gegenzug leuchten die immer neuen kammermusikalischen Mischungen der Holzbläser um so schöner aus der Mitte des Klangs hervor.

Die Durchhörbarkeit lässt indes auch unerbittlich hörbar werden, wenn irgendwo etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte. Nicht nur im Dies Irae, wo die Ferntrompeten drei und vier sehr interessante Vorschläge machen, oder zu Beginn des Domine Jesu Christe, wo die Celli zur Erklärung des Begriffs Heterophonie beitragen. Kleinigkeiten, aber sie lenken immer wieder ab von der Schönheit, mit der sich Verdi gegen seinen Schöpfer auflehnt, gegen die Zumutung eines Todes, der ihm, Italien, der Welt 1873 den Dichter Alessandro Manzoni nahm.

Auch das Solistenquartett unterläuft Bramalls ganzheitliche Anlage. Jeder für sich sind die vier für Augenblicke gut, die tief unter die Haut gehen. Aber die Leipziger Tosca Viktoria Yastrebova skandiert ihr letztes, eigentlich tonlos nur zu hauchendes Libera me, als werfe sie sich auf den Zinnen der Engelsburg den Mördern des Geliebten entgegen. Ihr Sopran ist verlässlich, kraftvoll, farbreich - doch die große Opernpose ist hier so unangemessen, wie überhaupt der Hang zum Einzelkämpfertum bei den Solisten. Der geht so weit, dass Yastrebova und ihre Kollegin Marianna Pizzolato, die einen wunderbar weichen und warmen Mezzo führt, zu Beginn des Agnus Dei im Oktavabstand zwei sehr unterschiedlich Variationen zum Thema C-Dur präsentieren und verteidigen. Beide irren, was sich überdeutlich zeigt, wenn Chor und Orchester im Nachgang die Solltonhöhe definieren. Auch die Herren, Aquiles Machado (in Leipzig als Cavaradossi gefeiert) und Milcho Borovinov, machen sich im Ensemble das Leben schwer, weil sie nicht aufeinander hören, sondern vor allem bemüht sind, ihre schönen Stimmen zur Geltung zubringen.

Die ist im Falle Borovinovs wirklich außergewöhnlich schön, markant ist sein Bass, druckvoll, dabei geschmeidig. Machados Tenor klingt herrlich, wenn er sein Metall poliert und in hoher Lage strahlen lässt. Sein Piano dagegen wirkt spröde bis rissig, und dass es zwischen laut und leise noch mehr gibt, sollte ihm bei Gelegenheit mal wer erklären.

Zum Beispiel jemand von Alessandro Zuppardos Opernchor, der, verstärkt von Sophie Bauers Jugendchor des Hauses und Lorenzo Bizzarris Corale Quadriclavio aus der Partnerstadt Bologna, dieses Requiem trägt. Dem 120-köpfigen Kombinat ist durchaus anzuhören, dass es sich aus mehreren Ensembles zusammensetzt. Doch dafür entschädigen allemal die Kraft und Frische, die Präzision und Klarheit selbst in den halsbrecherischen Fugen in Sanctus und Libera me, vor allem die bewegende Weichheit, die vom ersten Requiem, bis zum letzten Libera me diese Totenmesse durchwirkt. Dieser Chor-Organismus fächert alle Emotionen auf, zu denen ein Mensch im Angesicht des Todes befähigt ist. Darum ist es nur zu gerechtfertigt, dass sein Anteil am finalen Jubel-Sturm im gut gefüllten Haus der größte ist.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.06.2014

Korfmacher, Peter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr