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Geist ist geil: Heinz-Rudolf Kunze wird im proppevollen Haus Auensee in Leipzig gefeiert

Geist ist geil: Heinz-Rudolf Kunze wird im proppevollen Haus Auensee in Leipzig gefeiert

Tournee-Auftakt in Leipzig: Heinz Rudolf Kunze ist mit seinem Album "Stein vom Herzen" im Haus Auensee und beweist, dass mehrheitsfähiger Pop mit geistigem Anspruch durchaus vereinbar ist.

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Pop und Anspruch: Heinz-Rudolf Kunze bringt im proppevollen Haus Auensee beides zusammen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Zu Leipzig hat Heinz Rudolf Kunze eine besondere Beziehung. Im wilden Jahr 1989 hat er auf der Festwiese das bisher größte Konzert seines Lebens gespielt, bei späteren Auftritten immer Heimspiele gehabt. Hier ist nach kompletter Umstrukturierung des organisatorischen Umfelds sein neues Management zu Hause. Folgerichtig findet der Tournee-Start zum neuen Album "Stein vom Herzen" im Haus Auensee statt.

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Leipzig. Tournee-Auftakt in Leipzig: Heinz Rudolf Kunze ist mit seinem Album "Stein vom Herzen" im Haus Auensee und beweist, dass mehrheitsfähiger Pop mit geistigem Anspruch durchaus vereinbar ist. Das Publikum im proppevollen Saal feiert ihn am Samstagabend euphorisch. Viel besser kann eine Tournee wohl nicht beginnen.

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Diese Entscheidung war ohrenscheinlich richtig. Das Publikum im proppevollen Saal empfängt ihn lautstark und überaus warm. Die Menge reagiert das ganze Konzert über sensibel gerade auf die Zwischentöne, ist gleichzeitig aber bereit zu heftigen Gefühlsausbrüchen.

Wache Aufmerksamkeit fordert Kunze von Beginn an auch ein, er hat schließlich Botschaften zu verkündigen. "Europas Sohn" ist der Opener, ein bedingungsloses Ja zum Kontinent und seiner politischen Gemeinschaft - "Deutscher sein, was ist das schon!". Er lässt den alten Hit "Glaubt keinem Sänger!" folgen und überführt sich gleich darauf mit klaren Bekenntnissongs selbst der Koketterie: Eine sensationsgeile Journaille kriegt ihr Fett weg (er thematisiert die Causa Wulff) und auch die hiesigen Exportweltmeister in Sachen Tötungsmaschinen werden ordentlich angeprangert. So aktuell sind seine Reflektionen, dass einige noch nicht Zeit hatten, Lied zu werden: Dem in seinen Augen "letzen Helden der Freien Welt", Edward Snowden, widmet Kunze ein sehr eindrucksvolles Gedicht.

Danach lässt er's eine Weile genug sein mit der Fundamentalkritik. Beim wunderschönen "Regen in Berlin" kommt Besinnlichkeit auf. Der Meister setzt sich mal an den Flügel, der bei dieser Tournee zugunsten der Rock 'n' Roll-Gitarre etwas in den Hintergrund tritt. Die bissigen, wortgewaltigen Kurzessays, die er sonst reichlich zwischen die Lieder streut, werden eher sparsam eingesetzt. "Abschied muss man üben", ach, was für ein bezauberndes Lied von den letzten Dingen, folgt dem Regen, dann wird wieder die Gitarre umgehangen und es geht zurück zum neuen Album: "Küsse unterm Kleid", das klingt ein wenig wie die Coverversion eines Songs von Springsteen, den der noch nicht geschrieben hat.

Seine neue "Verstärkung" an Schlagzeug, Gitarre, Bass und Keyboards bleibt fit und diszipliniert im Hintergrund. Jung an Jahren, frisch in der Ausstrahlung und souverän am Arbeitsgerät, stellen sie sich bescheiden hinter den Chef. Selbst, als der von der Bühne verschwindet und sie ein Lied lang gewähren lässt, tun sie alles, um nicht etwa entfesselt zu wirken.

HRK ist jederzeit Herr der Manege. Die Zuschauer stehen ihm zu Füßen. Bei "Leg nicht auf" vom '94er Opus "Kunze: Macht Musik" beweisen sie mit viel Euphorie, dass sie nicht etwa nur den Hitschreiber der 80er kennen und schätzen. Ohnehin vergnügen sich im Haus Auensee bei weitem nicht nur Zeitgenossen seiner schillernden Popstar-Tage. Überall sieht man junge Fans begeistert Hits mitsingen, die deren Eltern vielleicht bei ihrer Zeugung hörten. Bei "Mit Leib und Seele" wird die Masse richtig warm, bei "Dein ist mein ganzes Herz" kocht sie. Zu Recht, noch immer: Kunze ist hier eines der gescheitesten und dabei anrührendsten Liebeslieder der deutschen Popularmusik gelungen. Überhaupt ist es schön, einen Abend lang zu erleben, wie einer beweist, dass mehrheitsfähiger Pop mit geistigem Anspruch durchaus vereinbar ist: Geist ist geil! Nach dem "Reim auf Schmerz" fährt er die Stimmung wieder runter. "Es wird ein gutes Leben" ist auch ein neues, ein eher eigenartiges, ambivalentes Lied. Was regen wir uns auf, eigentlich geht's uns doch ganz gut in unseren Breiten, ist die Botschaft, die seine ganze Protestiererei deutlich konterkariert.

Abgang zunächst, das Publikum schreit nach mehr, das übliche Ritual. Kunze folgt willig, rockt etwas lieblos die unausweichlichen "Marlow, finden Sie Mabel" und "Alles was sie will" runter. Danach plötzlich etwas von der allerersten Platte, da kannte ihn noch keiner. "Balkonfrühstück am Pfingstmontag", damals wollte er noch so etwas wie ein intellektuellerer Reinhard Mey werden. Sehr schön!

Den Hit "Wenn du nicht wiederkommst" singen dann wie üblich alle mit. Sehr lange und immer ausdauernder werdend auch, als der Meister und seine Band die Bühne längst verlassen haben. Er muss also noch mal rauf. Und singt am Flügel und nur begleitet von sanften Keyboardflächen das Titelstück seiner neuen Platte. Schwer beeindruckend, Kunze ist künstlerisch absolut up to date. Viel besser kann eine Tournee wohl nicht beginnen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.01.2014

Lars Schmidt

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