Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Gekommen, um zu stören: Dieter Hildebrandt auf "stoersender.tv"

Gekommen, um zu stören: Dieter Hildebrandt auf "stoersender.tv"

Das von Kabarett-Altmeister Dieter Hildebrandt ins Leben gerufene "stoersender.tv" ist im Internet gestartet. Am Wochenende war das 30-minütige TV-Magazin zum ersten Mal zu sehen.

Voriger Artikel
Kaum noch zu bremsen - die Academixer in ihrem neuen Programm "Sitzenbleiber"
Nächster Artikel
Ein Pariser in Leipzig - Der Galerist Régis Estace hat in der Spinnerei Quartier bezogen

Hat noch Dampf auf dem Kessel: Der Kabarettist Dieter Hildebrandt (hier 2008 auf der Bühne) kämpft jetzt im Internet gegen Spießertum, Gier und Dummheit.

Quelle: dpa

Leipzig. Die erste Folge ist abrufbar. Alle 14 Tage, 20 Mal im Jahr, soll es eine neue 30-minütige Ausgabe geben. Darin kämpft Hildebrandt mit Weggefährten wie Konstantin Wecker gegen Spießertum, Gier Dummheit und Machtmissbrauch.

Es knarzt und rauscht in der Leitung, Dieter Hildebrandt sitzt im Dunkeln vor Laptop und (!) Schreibmaschine und raunt verschwörerisch: "Hallo? Bist du bereit?" - "Ja? Dieter? Ich bin da", wispert Konstantin Wecker. - "Also", sagt Hildebrandt: "Operation Mattscheibe kann beginnen." Vorspann Ende.

Der Mann, der 1956 die Lach- und Schießgesellschaft erfand, der Pate des deutschen Politkabaretts, der als Platzanweiser in der "Kleinen Freiheit" in München begonnen hatte, wo Erich Kästner für Trude Kolman Programme schrieb - der hockt jetzt also hier in einem düsteren Kabuff als Netzrebell im Rentenalter und will es noch einmal wissen. Seinem "Scheibenwischer" bei der ARD hat er 2003 nach 23 Jahren den Rücken gekehrt. Aus Altersgründen, wie es damals hieß. Da war er 75. Es gab dann Ärger, Hildebrandts Nachfolger Mathias Richling wollte auch Comedians auftreten lassen, Hildebrandt war dagegen. Die ARD durfte den Titel "Scheibenwischer" nicht mehr verwenden. Er hieß dann "Satire Gipfel", war aber ohne Hildebrandt so egal wie die Linke ohne Gregor Gysi.

Komiker als Maskottchen

Nun, zehn Jahre nach seinemARD-Abschied, ist Hildebrandt 85 Jahre alt und hat offenbar noch Dampf auf dem Kessel. Rund 180 Mal im Jahr sitzt er mit seinem Soloprogramm "Ich kann doch auch nichts dafür" auf der Bühne, veröffentlichte seine Autobiografie ("Ich mußte immer lachen"). Und jetzt - "Altersgründe" hin oder her - macht er doch wieder Fernsehen. Und zwar im Internet. Occupy Fernsehen. Stoersender.tv heißt das Projekt. Die erste Folge ist abrufbar. Alle 14 Tage, 20 Mal im Jahr, soll es eine neue 30-minütige Ausgabe geben. Darin kämpft Hildebrandt mit Weggefährten wie Konstantin Wecker gegen Spießertum, Gier Dummheit und Machtmissbrauch - als eine Mischung aus Maskottchen, Chefkommentator und mildem Gernot Hassknecht.

Es geht wie immer ums große Ganze. "Der Störsender will der Ungerechtigkeit ins Handwerk pfuschen, der Demokratie Nutzen zufügen und der Korruption ein Bein stellen", wirbt Hildebrandt. "Extremisten aller Couleur nimmt er aufs Korn, Politiker aller Parteien nimmt er auf den Arm, Störenfriede und Aktivisten aller Art nimmt er ins Programm."

Geld von der Community

Finanziert wird das anarchische Unterfangen durch Hunderte Geldgeber der Crowdfunding-Plattform startnext.de, darunter auch Prominenz: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig und Urban Priol spendeten je 2222 Euro, viele Kabaretthelden mischen ohne Gage mit: HG.Butzko, Georg Schramm, Gerhard Polt. Der Störsender könnte zur zentralen Netzspielwiese für die angejahrte Politkabarettszene werden, die zuletzt ja doch nur noch die Generation Cordhose erreichte, während sich die Mainstream-Jugend über politikfreie Kennt-ihr-das?-Comedy die Bäuche hält. 150.000 Euro hat Projektleiter Stefan Hanitzsch bisher eingesammelt. Er träumt von einem "Portal gegen die Aushöhlung der Demokratie". Das klingt nach ziemlich viel, man wird sehen.

In der ersten Folge geht es um den "Finanzkasinokapitalismus". Hildebrandt und seine Mitstreiter hüllen den Bundesadler im Reichstag während einer Rede von "Mutti" in eine (virtuelle) Goldman-Sachs-Flagge, dann sitzt Hildebrandt vor einer Bücherwand und sagt Sätze wie: "Genau genommen ist der Euro heute die Nutte, und die Banken sind der Zuhälter." Oder auch: "Der Rubel rollt? Kann man nicht sagen. Der Rubel schwimmt, und zwar nach Zypern, und kommt völlig verdreckt an."

Das ist scharf und böse, die Interviews und kurzen Clips dazwischen jedoch wirken zum Teil arg handgemacht und agitatorisch. Auch wenn der Reiz für die alten Kämpen natürlich auch darin besteht, sich von der schwerfälligen Fernsehmaschinerie mit ihrem ewigen Konsensgequatsche freizumachen. Wecker steuert einen Salonchanson über das "Lächeln meiner Kanzlerin" bei. Zugucken darf jeder kostenlos bei YouTube oder stoersender.tv. Abonnenten (bisher sind es 2000) zahlen 66 Euro im Jahr und bekommen die Folgen dafür früher und in HD.

Dieter Hildebrandt ist nicht der erste Fernsehprominente, der im Spätherbst der Karriere oder nach einem Bruch mit dem Muttermedium ins Netz umzieht, angetrieben von einem diffusen Dann-mach-ich's-eben-allein-Aufklärertrotz. Die frühere "Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman blamierte sich bis Ende 2011 mit einer Pseudo-Nachrichtensendung in "Tagesschau"-Blau ("Sechs Türken erstatten Anzeige gegen Sarrazin") auf der Homepage des dubiosen, rechtslastigen Kopp-Verlags - einem Biotop für Verschwörungstheoretiker, Ufologen, Kreationisten und Angstmacher. Von derlei Peinlichkeiten ist Hildebrandts Störsender weit entfernt. Den Versuch ist die Sache wert.

Die erste Folge ist nach kostenloser Registrierung unter www.stoersender.tv oder im YouTube-Kanal stoersendertv zu sehen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.04.2013

Imre Grimm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr