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Gelungene Premiere der Komödie „Das Abschiedsdinner“

Theater der Jungen Welt Gelungene Premiere der Komödie „Das Abschiedsdinner“

Wie wichtig sind alte Freunde? Soll man sie verlassen, wenn sich die Lebensentwürfe auseinander entwickeln? Oder führt langjährige Verbundenheit gar zu Verpflichtungen? Darum dreht sich die Komödie „Das Abschiedsdinner“, von TdJW-Intendant Jürgen Zielinski als gut getimte, intime Kammerkomödie inszeniert.

Carla (Sonia Abril Romero) und Per (Martin Klemm).

Quelle: Tom Schulze/TdJW

Leipzig. Wenn Franzosen zum Dinner bitten, scheint Vorsicht geboten. In Francis Webers Kinokomödie „Dinner für Spinner“ galt es einem Freundeskreis als Wettstreit und Belustigung, einen Trottel einzuladen, über den man sich mokierte, ohne es ihn merken zu lassen. Das Autoren-Duo Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière hat mit „Das Abschiedsdinner“ ebenfalls einen doppelten Boden in die Abendgesellschaft eingezogen. Eingeladen wird ein alter Wegbegleiter, der aussortiert werden soll. Nur – das ist der perfide Clou – erfährt der Ehrengast nicht, dass es sich um das letzte Treffen handelt. Ein fragwürdiges Arrangement, das Raum gibt für komische Peinlichkeiten und Pirouetten moralischer Grenzüberschreitungen. TdJW-Intentand Jürgen Zielinski hat das Stück als perfekt getimte, intime Kammerkomödie inszeniert. Am Donnerstagabend war Premiere in der Etage Eins im Theater der Jungen Welt.

Sichtbeton und Designersofa. Die Bühne von Fabian Gold deutet schon an, mit wem man es zu tun bekommt. Das Enddreißiger-Paar Carla (Sonia Abril Romero) und Per (Martin Klemm) ist gemäß landläufiger Standards gut unterwegs. Erfolg im Beruf. Zwei Kinder. Zwischen Krawattenknoten und Warten auf die Babysitterin fragt Per: „Mal ehrlich, wenn die Bertrams absagen würden, wärst du dann traurig?“

Eine Frage als Auslöser eines Domino-Effekts. Nein, man wäre nicht traurig. Ja, es gibt zu wenig „VZF“, wie Per das nennt: Verfügbare Zeit für Freunde. Im Stil eines Unternehmensberaters rechnet er aus, wie viel Prozent der freien Abende mit Gewohnheitsfreunden blockiert sind. Da ist es nicht mehr weit zum Schritt der Humanentrümpelung. Die Wahl fällt auf Pers Jugendfreund Anton (Sven Reese).

Furios zappelig wie ein ADHS-Kid auf Ritalin-Entzug

Das Schauspieler-Trio läuft auf kleiner Bühne zur großen Form auf. Es tobt sich aus, ohne im Übermut die klar definierten Grenzen ihrer Rollen zu übertreten. So entrinnt man der Klamaukfalle. Und gut aufeinander abgestimmt entfalten die Rollen Wirkung. Erst vor dem Hintergrund des normalen, vom Alltag gestressten Ehepaares kann sich der Sonderling Anton entfalten. Den spielt Sven Reese furios zappelig wie ein ADHS-Kid auf Ritalin-Entzug. Ein Chaot mit Zwangshandlung. Quer durch den Abend greift Anton nach Taschentüchern, um reale oder eingebildete Getränkespritzer wegzuwischen. Schrilles Lachen wechselt mit seinen Erzählungen über die Endlos-Therapie, die fragwürdige Doktorarbeit und die Beziehung zu Bea. Man fragt sich, warum Carla und Per diesen Kerl nicht schon viel früher losgeworden sind.

An diesem Punkt dreht sich in der klug konstruierten Komödie langsam der Wind, bevor Langeweile aufkommt. Anton entdeckt das falsche Spiel. Die vom Ehepaar heimlich unterminierte Fassade bürgerlicher Konvention sackt nach und nach in sich zusammen. Und das führt zu Ehrlichkeit. Hart für die Charaktere. Lustig fürs Publikum.

Per beginnt zu Lavieren, lässt sich auf esoterische Quasi-Therapie-Spielchen mit Kleidertausch zum besseren wechselseitigen Verständnis ein – und entdeckt den Wert alter Freundschaft wieder. Was zu einer Schlusspointe führt, die im Detail nicht verraten werden soll. Wohl aber, dass sie über den komödiantischen Erfolg der Inszenierung hinausweist. Denn entlassen wird das Publikum mit Pers moralischer Zwickmühle: Soll er seinen Freund opfern, um seiner Frau zu zeigen, dass er etwas durchziehen kann? Oder lieber den wieder entdeckten Schatz alter Freundschaft pflegen?

Weitere Termine: 13./14. Mai und 4. Juni, 19.30 Uhr; Karten: 0341 4866016

Von Dimo Rieß

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