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Gelungene Premiere für neues Straßenfest in Leipzig-Plagwitz

„Bohei&Tamtam“ Gelungene Premiere für neues Straßenfest in Leipzig-Plagwitz

Zum ersten Mal wurde am Samstag das „Bohei&Tamtam – Boulevard Heine“ in Leipzig gefeiert. Das Fest auf der Karl-Heine-Straße löst den „Westbesuch“ ab, der auf den Plagwitzer Bürgerbahnhof zog. Fazit des Debüts: eine gelungene Sache.

Beste Stimmung auf der Karl-Heine-Straße – hier Jongleure auf dem Westwerk-Gelände.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig.  Zu DDR-Zeiten war Westbesuch ein Höhepunkt in alltäglicher Tristesse und brachte oft exklusive Qualitätsware. Bohei und Tamtam dagegen meinen etymologisch im Grunde dasselbe, nämlich großes Aufsehen und lärmendes Getöse um nichtige Dinge. Interessant, dass sich als Straßenfestnamen die Bedeutungen quasi drehen: Das am Samstag debütierende „Bohei&Tamtam – Boulevard Heine“ löste auf der Karl-Heine-Straße den „Westbesuch“ ab, der auf den Plagwitzer Bürgerbahnhof zog. Setzte letzterer, verkürzt, auf Trödel, Nippes und Masse, stand beim Bohei&Tamtam Auswahl und Qualität im Vordergrund.

Besucherin Maria aus Lindenau ist rundum zufrieden: „Die Stände sind deutlich ausgesuchter als zum Westbesuch, damit ist es nicht so voll und lässt sich besser flanieren.“ Auch die Performance-Spots findet die Musikerin besser als in Vergangenheit. Leer ist es keinesfalls, und allerlei Tamtam gibt es auch: Akustisch mischen sich ins Stimmgewirr orientalische Klänge, Dubstep-Beschallung aus dem „Wo bleibt mein Fahrrad“-Laden und die 70er-Phase des Schaubühnen-Treppen-DJs. Man streift eine Flamenco-Kindergruppe, Kampfsportler, afrikanische Trommler und zum Mitmachen animierende Salsa-Tänzer des Studios Baileo. Das Theater aus dem Hut fungiert als performative Straßenreinigung, aufgestockt mit einem Sozialprojekt aus Jugendlichen, die nach Workshops an den Aktionen teilnahmen.

Zum ersten Mal wurde am Samstag das „Bohei&Tamtam – Boulevard Heine“ in Leipzig gefeiert. Das Fest auf der Karl-Heine-Straße löst den „Westbesuch“ ab, der auf den Plagwitzer Bürgerbahnhof zog. Fazit des Debüts: eine gelungene Sache.

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René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels und damit Vater beider Feste, begründet die Neuausrichtung damit, dass sich die ehrenamtliche Arbeit am Westbesuch über zehn Jahre wohl etwas überdehnt hat. Hatte dieser durchaus seinen Anteil an der Stadtteilentwicklung, stand man doch den unübersehbaren Gentrifizierungsprozessen ablehnend gegenüber. Den Schritt, verkleinert auf den neu belebten Bürgerbahnhof zu ziehen, findet Reinhardt, nach wie vor Vorstandsmitglied im Verein, nachvollziehbar. Die Gentrifizierungsfrage möchte er differenzierter betrachten. Die Schaubühne will sich dem dahinter stehenden Potenzial nicht verschließen und scheut einhergehende Professionalisierung nicht.

Reinhardt will mit Bohei&Tamtam den Charme der Karl-Heine-Straße stilvoll inszenieren – mit Erfolg: Die zwischen Felsenkeller und König-Albert-Brücke für den Autoverkehr gesperrte Straße wird zur Flaniermeile für Ausgeh- und Arbeitskultur, der Boulevardgedanke steht im Vordergrund. Beklagte der Westbesuch, die zugezogenen Gastronomen hätten sich kaum mehr beteiligt, wirkte sein Wegzug offenbar wie ein Weckruf: Für eine Ansprache, die nicht zwischen alteingesessen und neu unterschied, war man offen, laut Reinhardt brachten sich 85 Prozent der Gastronomen ein. Tatsächlich hat man beim Flanieren den Eindruck, bis tief ins Westwerk stünden alle Türen zu Geschäften, Bars, Werkstätten und Ateliers offen, der ganze Stadtteil partizipiere bereitwillig. Viele Gastronomen haben Außenstände aufgebaut, das alteingesessene Peking-Haus einen Imbiss, die neuen Tacoholics einen Cocktailstand.

Geboten wird unter anderem gehobenes Kunsthandwerk, individuelle Unikate und ökologisch voll im Trend liegendes Upcycling für den restalternativ gentrifizierten Plagwitzer und seine Kinder. Zwar ist die Karl-Heine zum Glück noch lange kein Prenzlauer Berg, aber die Familiendichte nimmt merklich zu, wie auch Anne vom Blumen- und Schokoladen „Kakaoblüte“ an ihrem Stand bemerkt. Das bringe die Entwicklung eines Stadtteils nun mal mit sich, findet sie; ob dabei das Alternative verloren gehe, will sie nicht beurteilen, sie sieht es noch an vielen Stellen. Das Konzept des Bohei&Tamtam findet sie gelungen: Die Leute flanieren, anstelle – wie bei ihrem letzten Westbesuch – mit gesenkten Köpfen nur von Stand zu Stand zu drängeln. Somit komme deutlich mehr Straßenfest-Atmosphäre auf.

Das findet auch Besucher Gunnar aus der Südvorstadt: Anstelle Trödel-Einerleis gelingt eine bessere Fokussierung auf die Akteure des Viertels. Buntgemischt ist es allemal: Handgemalte Postkarten finden sich neben einer noblen Brillenmanufaktur, der wiederum fair gehandeltes Olivenöl folgt. Um das Westwerk herum trödelt es durchaus doch noch etwas.

Zwar fühlt sich, verglichen mit den vielen Performance-Spots vorher, die vom Theater aus dem Hut angeführte Festparade um Vier etwas mickrig an. Aber damit hat der sonst gelungene Auftakt des Bohei&TamTam für die Folgejahre wenigstens noch etwas Entwicklungspotenzial.

Von Karsten Kriesel

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