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Gemeucheltes Gemüse: Schräge Kunstausstellung im Noch Besser Leben

Die-Art-Sänger Makarios mit neuem Projekt Gemeucheltes Gemüse: Schräge Kunstausstellung im Noch Besser Leben

Eine kleine Sensation der Kunst- und Kulturgeschichte: Der russische Literat Pratajev (1902 bis 1962) war auch auf dem Gebiet der Bildenden Künste aktiv, begründete gar das Genre des Fruktizismus. Ab Samstag werden die Gemälde des (fiktiven) Allround-Genies in der Treppengalerie der Kneipe „Noch Besser Leben“ ausgestellt.

Holger „Makarios“ Oley inmitten der Kunst Pratajevs

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Sergeij Waschowitsch Pratalinko, genannt Pratajev (1902 bis 1961), geboren im Dörfchen Kurtschinsk-Robersk, ist einer wachsenden Fangemeinde hierzulande als Lyriker, Prosaiker und Ophthalmologe („Über Augenoperationen auf hoher See“) bekannt. Dazu trugen vor allem die verdienstvollen Arbeiten von Holger „Makarios“ Oley (sonst stimmgewaltiger Vokalist einschlägiger Ensembles), die Speed-Folk-Combo „The Russian Doctors“ und die rührige Pratajev-Gesellschaft bei, die seit Jahren fleißig immer neue Roh-Diamanten seines literarischen Schaffens ausgruben.

Eine kleine Sensation dürfte jedoch die Ausstellung sein, welche am Samstag in der Treppengalerie des „Noch Besser Leben“ (soeben offiziell geehrt als verdientes Kulturhaus des Rayons!) eröffnet wird. Denn dass der Meister auch malte, wissen bis heute die Wenigsten. Zu sehen ist ein Konvolut aus der Petroperbolsker Sammlung, die im Auftrag des „Petroperbolsker Vereins kunstsinniger Bürger“ (PVkB) durch dessen Vorsitzenden Ewgenij Digitalow (sein Sohn erfand die nach ihm benannte Uhr) nach Pratajevs Tod Anfang der 60er Jahre komplett ins Ausland verscherbelt wurde.

Die Sekretärin des Dorfsowjets auf dem Dackelfell

Eine Kollektion voll von wuchtiger Einfalt und fiesen Petitessen. Da ist die Sekretärin des Dorfsowjets auf dem Dackelfell. Bekleidet nur mit Filzstiefeln aus Miloproschenskoje. Was hätte das für Aufsehen gegeben von Roftlovensk bis Bolwerkov! Aber der Gebietsparteisekretär hielt das Werk im Stahlschrank versteckt. Gleich hinter dem Wodka. Weniger eindeutig: „Stille Stunde“, das Porträt des Gebissschnitzers Juri Bermasik, das diesen nicht wirklich zeigt – der Betrachter erahnt ihn eher hinter der schiefen Tür seines liebsten Örtchens, des stillen eben.

Hoch subtil ebenfalls die Darstellung des einsamen und betrunkenen Alpinisten Dolomitow, der in 20 Bergsteigerjahren nie einen Gipfel erreichte und schließlich dem Alkohol verfiel. Pratajev zeigt taktvoll nur seinen Hut am Haken. Spektakulär dürfte für die zahlreichen Fans dann doch ein Gesicht sein, wenngleich ein faltiges: Die Exposition zeigt erstmals Mütterchen Iwanowa, die Kolchosfriseuse, welche der Meister mit einem epischen Achtzeiler unsterblich machte: „Schere aus Stahl, geführt von schwieliger Hand ...“ Das Poem ist nachzulesen (Pratajevs Jünger kennen es natürlich auswendig!) im gediegenen Katalog, erschienen im „Verlag Death Todes“.

Kubismus und Schweinskram

Einige Verwunderung dürfte die breite Spanne der angewandten Techniken auslösen, die Pratajev als wahren Breitwandmaler ausweisen. Die Spanne reicht von Kulikrakel und Bleistift über Aquarell und Öl bis hin zur Zahnpastamalerei. Die anzutreffenden Stile sind noch verwirrender: Naives wechselt mit Impressionismus, Naturalismus mit kubistischer Abstraktion, Surreales mit Schweinskram. Der Katalog lobpreist gar ein Meisterwerk des Fruktizismus, als dessen Erfinder Pratajev gelten dürfe. Gezeigt wird eine dralle, aufgespießte „Messermöhre“. Gemeucheltes Gemüse also. Da wird die Kunstwissenschaft noch einiges richtigstellen müssen. Die oben erwähnten Doctors rahmen die Vernissage musikalisch, und es werden weder Auge noch Schnapsbecher trocken bleiben. Ganz, wie es Pratajev sich gewünscht hätte.

Pratajev: „Die Petroperbolsker Sammlung“, Vernissage: Samstag, 18 Uhr, in der Treppenhausgalerie im Noch Besser Leben (Merseburger Straße 25), Eintritt frei

Von Lars Schmidt

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