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Generation Polonius - Leipziger Schauspiel beginnt neue Spielzeit

Generation Polonius - Leipziger Schauspiel beginnt neue Spielzeit

Man muss mit Polonius beginnen. Ihn jetzt schon mal aus dramaturgischen Gründen erwähnen, ihm einen ersten Kurzauftritt schenken. Weil nämlich Polonius der Knackpunkt ist, der alles erklärt.

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Felix Kramer (l.) als Hamlet in einer Szene mit Jonas Fürstenau.

Quelle: Rolf Arnold

Und zwar erschöpfend, versprochen! Um den alten Knaben erst mal wieder in die Kulissen zu schicken.

Mit "Hamlet" (Regie: Thomas Dannemann) begann am Donnerstag im ausverkauften Schauspiel die neue Spielzeit. Also mit jenem Stück Shakespeares, zu dessen Titelhelden Ferdinand Freiligrath schon im 19. Jahrhundert postulierte: "Deutschland ist Hamlet". Was eine durchaus enge Sicht auf den Prinzen von Dänemark ist. Die Lesart "zögerlicher Intellektueller in Zeiten des Wandels" ist so eitel wie banal - und abgedroschen zudem.

Was das Gros deutscher Theatermacher freilich nicht weiter stört. Ganz anders als etwa Hamlet sind die ihren liebgewonnenen Denkmustern geradezu rührend treu. Auch in der Art, wie sie diese Muster auf der Bühne darstellen. Und man muss das einfach sagen: Dannemann ist ein ganz Treuer.

Um es an Beispielen fest zu machen: Hamlet (charismatisch wie eine Topfpflanze: Felix Kramer) darf sich gleich zu Beginn nackig zeigen und seinen bleichen Hintern samt schrumpligem Skrotum vorführen. Brüllend natürlich. Muss man's erwähnen?

Mit Ophelia wiederum wusste man - Dauerproblem männlicher Regisseure - auch hier nichts anzufangen, und ob man es Runa Pernoda Schaefer in die Schuhe schieben soll, dass sie in der Rolle wirkt wie der debil-verschwitzte Tagtraum eines Pubertierenden, ist schwer zu sagen. Über Markus Lerch als Hamlets Vatergeist bleibt vorrangig mitzuteilen, dass er Windeln trägt und mit deren Inhalt schmeißt, während Laertes kaum mehr als ein Grobian ist, dem Ulrich Brandhoff grob Kontur gibt.

Kann man fortsetzen, sind aber auch genug Beispiele konsequent mittelmäßigen Schauspiels (zu den Ausnahmen gleich noch). Was bietet dieser "Hamlet" darüber hinaus? Einen Bühnenkubus mit großen Fenstern und vielen Türen. Ein Piano-Spiel der sich reizvoll zerfasernden und umkreisenden Akkorde (Musik: Philipp Hagen). Dann, ganz klar: Filmsequenzen. Etwa aus den 89er Zeiten. Und viel Politkrimskrams aus der Krimskramskiste mit der Aufschrift "Aktualität", in die sich auch Juden, Araber oder islamistischer Terror noch reinstopfen lassen.

Gestopft wird auch textlich. Poetisches Gespür ist schon lange nichts mehr, womit man sich auf Gegenwartsbühnen plagt. Muss man verstehen, es gibt Wichtigeres als den verdammten Blankvers. Und überhaupt reicht Shakespeare allein nicht mehr aus fürs ambitionierte Stadttheater. So päppelt man, mit ein bisschen Biermann hier, Kalauern dort. Selbst Gedichte von Thomas Brasch müssen dran glauben. Wie auch Brasch selbst, der als Figur in Person Wenzel Banneyers über die Bühne schlappt - gleich einem traurigen Winnie Puuh in Lederjacke.

Ja und dann das Finale, dieses Splatter-Filmchen, das sich ankündigt mit dem Jigsaw-Maskenmann, der auf seinem Dreirad die Bühne quert. Logisch, auch der Verweis aufs Kino darf nicht fehlen, und weil hier das Schielen rüber zur "Saw"-Horrorreihe geht, tobt sich dann auch das Darstellerensemble launig aus. Mit Kunstblut spritzend und Gekröse werfend vorm Digicam-Gewackel. Was wiederum erwartungsgemäß zu Empörungsbekundungen im Zuschauersaal führt. So weit, so gewöhnlich.

Zeit, Polonius wieder ins Spiel zu bringen. Bernd-Michael Maier gibt den hinreißend als trippelnd-schlurfendes Männchen. Ein Kleinbürger, Wichtigtuer, sehr von sich überzeugt in all seiner Banalität. Toll die gemeinsamen Szenen mit einem ebenfalls prägnanten Andreas Keller als brutal-vitalem Claudius. Da blitzt zwischen beiden der Kontrast - aber wie gesagt, es gilt bei Polonius zu bleiben, dieser tragikomischen Figur, hart an der Senilität entlangschrammend. Spitzelnd und salbadernd und nichts begreifend. Dazu "laut und dreist und dumm" (Hamlet).

Wie war das also: Hamlet ist Deutschland? Wo es hier doch sogar eine "Generation Hamlet" gibt. Okay, der Terminus ist nicht neu und hatte schon vor Jahren etwas Ranziges - was die Macher des Programmhefts indes nicht hinderte, ihn wieder aufzugreifen, wohl aus Treue zu liebgewonnenen Denkmustern. Nur, dass das alles hinkt. Denn wenn Deutschland oder irgendein Generationskonstrukt, wenn vor allem auch das deutsche Gegenwartstheater samt seiner Rezeption etwas sein sollte, das irgendwem aus dieser ungeheuer sublimen, poetischen Weltschöpfung Shakespeares entspricht, dann ist es Polonius. Sonst niemand und nichts. Und weil das so ist, muss man wohl auch alle Hoffnung fahren lassen, dass poloniushafte Inszenierungen wie dieser "Hamlet" in naher Zukunft mal mit einer angemessenen Zuschauerreaktion quittiert werden: mildem Lächeln zum chorischen Gähnen. Stattdessen gab es nach dreieinhalb Stunden Jubel- und Buhrufe.

Wieder heute, 11., 19., 24. Oktober (jeweils 19.30 Uhr), Schauspielhaus, Bosestraße 1; Karten unter Tel. 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.10.2014

Steffen Georgi

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