Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Generation Sandwich - Ricarda Junges neuer Roman "Die komische Frau"

Generation Sandwich - Ricarda Junges neuer Roman "Die komische Frau"

"Die komische Frau" ist Ricarda Junges dritter Roman. Die bereits vielfach ausgezeichnete Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig porträtiert darin die Generation der heute 30-Jährigen, denen die Vergangenheit fremd  und deren Zukunft ungewiss ist.

Leipzig. Die moderne Geistergeschichte ist ein Zeugnis der Ängste unserer Zeit.

Als Ricarda Junge 1979 in Wiesbaden geboren wurde, war die Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain ein Prachtboulevard in den Farben der DDR. Hier gab es die begehrten Bücher, Konserven und Restaurants. In dieser Gegend zu wohnen, war ein Privileg. Als Schriftstellerin Lena aus Hamburg, die Heldin des neuen Romans, hier einzieht, ist die Welt längst eine andere. Zumindest äußerlich.

Eigentlich geht es Lena gut. Sie ist glücklich mit ihrem Sohn Adrian, der gerade zu sprechen beginnt. Die Trennung von dessen Vater Leander empfindet sie als Befreiung. Solange Adrian in der Kita ist, schreibt sie Glossen für eine Tageszeitung. Sie arbeitet lieber allein, als andere über ihre Zeit bestimmen zu lassen.

Es kann aber auch so sein: Eigentlich ist Lena überfordert. Sohn Adrian ist ihre einzige Bezugsperson, dabei kann er noch nicht einmal richtig sprechen. Sie beginnt, die Lücke zu spüren, die Ex-Freund Leander hinterlässt. Die Auftragslage ist dünn, immer mehr Zeitungen und Zeitschriften müssen sparen; wer weiß, wie lange sie als freie Autorin noch Aufträge bekommt. Eine Freundin hat schon länger keine Arbeit mehr, auch Leander wurde gerade gekündigt, "die Einschläge kommen näher".

Von Seite zu Seite wachsende Beunruhigung

Die von Seite zu Seite wachsende Beunruhigung, die aufsteigt wie ein Sodbrennen, sammelt ihre Kräfte in Verdrängtem. "Was auch immer geschieht, geschieht auf ein Wort hin. Gedacht, gesprochen, geschrieben, verschwiegen", warnt eingangs die Ich-Erzählerin, bevor es zunehmend ungemütlicher wird. Nur, dass man es da noch gar nicht als Warnung auffasst. Auch nicht den Satz, der das Ende der Partnerschaft erklärt: "Wenn der Strom ausfällt, kann man es sich im Schein einer Kerze gemütlich machen. Der Wackelkontakt einer Lampe jedoch oder ein tropfender Wasserhahn können einen in den Wahnsinn treiben." Die 29-Jährige sucht Gewissheiten und Sicherheiten – die doch das Letzte zu sein scheinen, was sie derzeit vom Leben erwarten kann.

Die Handlung folgt dem Zyklus von 28 Frühlingstagen. Aus den Osterferien zurückgekehrt, erlebt Lena zunächst die Freiheit der Selbstbestimmung. Sie behält die funktional geschnittene Wohnung in der kleinen Straße hinter der Karl-Marx-Allee, drei U-Bahn-Stationen vom Alexanderplatz entfernt. Sechs Stockwerke hat das Haus, die Flure sind riesig. Zwei Mietparteien teilen sich eine Etage. Wer hier an einer Tür vergeblich klingelt, lernt garantiert die wachsamen Nachbarn kennen. Die alten Dielen sind mit PVC beklebt, die Fenster gehen auf einen kleinen Park hinaus. Diese Wohnung hat sie gleich gemocht. Und diese Wohnung ist das Problem. Durch die Wände dringen nicht nur Schritte und das Murmeln der Gespräche. Durch dieses Haus weht ein böser Geist.

Vielleicht.

"Ich finde es widerlich, dass du hier wohnst", sagt Lenas Mutter, die Furcht für das größte Laster der Menschen hält. Das mag an der eigenen Angst vor dem Osten liegen, für die sie lang genährte Gründe hat. Konfrontiert mit den anderen Bewohnern – alten Frauen im gleichen Morgenmantel, merkwürdigen Männern, die Geheimnisse hüten – spürt Lena ein Befremden, dem die Mutter Worte gibt: "Wer hier in der DDR wohnen durfte, war vom System überzeugt", ist sie sich sicher. "So etwas setzt sich fest in den Mauern, das hängt im Gebälk, das wächst und modert wie ein widerlicher Pilz zwischen den Steinen. Und selbst, wenn du den loswirst, hängen die Sporen noch lange danach in der Luft." Da geht es aber schon lange nicht mehr allein um das Haus. Unversöhnt mit der Vergangenheit, verlangt sie von der Tochter Konsequenzen. Lena aber scheint bereits von einem Alltag überfordert, auf den sie niemand vorbereitet hat. Und klemmt so zwischen allen Erwartungen.

Ricarda Junge erzählt mit faszinierender Leichtigkeit

Mit faszinierender Leichtigkeit entwickelt Ricarda Junges Erzählweise einen Sog, dem im Rhythmus knapper Sätze gut zu folgen ist. Bedrohung, Angst und Ratlosigkeit glimmen im heißen Atem der Dämonen. Geschickt stellt sie dabei persönliche und gesellschaftliche Beziehungs-Probleme zueinander: "Es gibt nichts Schwereres, als die Andersartigkeit des anderen ertragen zu können." Lena und die im Osten sozialisierte, ebenfalls junge Mutter Anja sprechen auf verschiedenen Bedeutungsebenen. Lena und die alte Frau König hingegen, seit 1954 "Hausvertrauensmann", verbindet eine Art Neugier.

Sie verliert den Boden unter den Füßen, als immer öfter merkwürdige Dinge passieren, eine Herdplatte plötzlich glüht, Fenster offen stehen, die Waschmaschine ausläuft. "Ich hatte keine Angst, aber ich konnte sie sehen, abstasten, alles drehte sich auf einmal um dieses Wort." Ihr Sohn fürchtet sich vor der komischen Frau, die er überall in der Wohnung sieht, die zur ständigen Begleiterin wird. Ein Gespenst geht um, doch ist es nicht nur das des Kommunismus. Lena ahnt bereits, was es auf sich hat mit jenen, die nicht loslassen wollen, und jenen, die nicht ankommen können. Und was es bedeuten kann, wenn alle unter einem Dach leben.

Ricarda Junge: Die komische Frau. Roman. S. Fischer Verlag; 190 Seiten, 17,95 Euro

Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr