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Genesis-Gitarrist Rutherford über Konzert in Leipzig und Auftritt mit Phil Collins

Mike and the Mechanics Genesis-Gitarrist Rutherford über Konzert in Leipzig und Auftritt mit Phil Collins

Bevor Mike and the Mechanics auf ihrer Europa-Tour zur neuen Platte „Let Me Fly“ am 22. September auch im Leipziger Haus Auensee auftreten, spielt die Band diesen Freitagabend in London ein besonderes Konzert: im Hyde-Park im Vorprogramm von Mike Rutherfords Genesis-Kollege Phil Collins.

Seit gut sechs Jahren Mike and the Mechanics: Andrew Roachford (52), Mike Rutherford (66) und Tim Howar (47).

Quelle: Patrick Balls

Leipzig. Interview mit Mike Rutherford, Andrew Roachford und Tim Howar:

Herr Rutherford, 1970 nahmen Sie mit Ihrer Band Genesis einen Schlagzeuger namens Phil Collins auf, und während der Proben übernachtete er in Ihrem Elternhaus. Fühlt es sich merkwürdig an, jetzt in seinem Vorprogramm aufzutreten?

Mike Rutherford: Überhaupt nicht, es ist wunderbar, Phil wieder in Aktion zu sehen. Ich habe mir eines seiner Konzerte in der Royal Albert Hall angeschaut, sein Sohn Nicholas ist mit 16 Jahren bereits ein großartiger Schlagzeuger. Phil sang „Follow You, Follow Me“, das berührte mich schon irgendwie. Aber er hat ja auch viele eigene Hits. Im Vorprogramm seines Konzerts im Hyde-Park zu spielen, ist eine wunderbare Plattform für uns und unsere Musik. Alleine würden wir als Mike and the Mechanics natürlich nie so eine große Menge anziehen. 2004 sind wir mit Phil sogar schon mal richtig auf Tour gegangen. Fürs Publikum war das ideal. Die meisten Leute mochten beides.

Ist es ausgeschlossen, dass Sie im Hyde-Park ein oder zwei Lieder zusammen spielen und vielleicht Tony Banks für eine kurze Genesis-Reunion um die Ecke biegt?

Es ist Phils Rückkehr nach vielen Jahren. Es sollte alles um ihn gehen, finde ich.

Bedauern Sie, dass Sie mit den Mechanics live nicht dieselben Massen anziehen, wie Sie es mit Genesis gewohnt waren?

Es ist ein raues Geschäft. Und anders als jetzt – und auch als damals Genesis – waren Mike and the Mechanics zu Zeiten der beiden singenden Pauls nur selten auf Tour. Wir haben uns damals also nicht wirklich ein Live-Publikum aufgebaut. Das tun wir erst seit ein paar Jahren mit diesen Herren hier. Tim und Andrew sind großartig auf der Bühne, es funktioniert mit ihnen, egal ob vor 50 000 Menschen oder in einem kleinen Theater.

Tim Howar: Der Luxus bei Mike and the Mechanics liegt darin, dass es wirklich um die Songs und deren Live-Performance geht. Auf der Bühne wollen wir so viel Spaß wie das Publikum haben. Wenn wir merken, dass die Setlist nicht richtig hinhaut, stehen uns keine Eitelkeiten im Weg. Dann fügt Mike eben ein Genesis-Stück hinzu oder Andrew ein Lied von Roachford. Und dann gibt es ja jetzt noch unsere gemeinsamen neuen Sachen. Für welche Lieder die Herzen der Zuschauer schlagen, merken wir meist schnell. Wir dürfen uns aus einem Füllhorn bedienen. Ich fühle mich manchmal tatsächlich wie ein Mechaniker. Nur, dass wir nicht an Autos, sondern mit Akkorden basteln.

Sind Mike and the Mechanics also nicht mehr wie Mitte der 80er Jahre das Solo-Projekt des Gitarristen und Bassisten von Genesis, sondern eine richtige Band?

Rutherford: Es hat sich immer wie eine Band angefühlt. Ich mag es einfach, mit anderen zu arbeiten. Das ist der Spaß daran. Seit wir in neuer Besetzung neu angefangen haben, sind wir zudem stark zusammengewachsen.

Was denken die Bandkollegen?

Andrew Roachford: Würden Sie sonst von „Bandkollegen“ sprechen? Wir arbeiten nun seit sechs Jahren zusammen, auf der Bühne und im Studio. Spätestens mit dem Material, das Mike, Tim und ich gemeinsam geschrieben haben, sind wir wirklich eine Einheit. Wenn du deine Kreativität so sehr in ein Projekt gibst, wirst du automatisch zum untrennbaren Teil davon.

Howar: Natürlich war es zu Beginn Mikes Sache, die Band zusammenzustellen. Musiker zu finden, zwischen denen die Chemie stimmt. Aber jetzt sind wir in unserem siebten Jahr und mit dem zweiten Studioalbum unterwegs. Das würde nicht funktionieren, wären wir keine richtige Band. Ich merke das schon daran, wie sehr ich mich nach längeren Pausen freue, die anderen zu sehen. Natürlich ist es damit auf einer Tour schnell vorbei (lacht). Nein, es stimmt wirklich: Wir haben eine gute Zeit miteinander.

Im Studio hatte offenbar auch Johnny-Hates-Jazz-Sänger Clark Datchler als Co-Autor Einfluss. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?

Rutherford: Er war billig (lacht). Nein, Clark ist auf Empfehlung eines Freundes zu uns gestoßen. Er ist ein großartiger Songschreiber, und ich finde, er hat die Stimmung des neuen Albums geprägt.

Sie erzählen auf „Let Me Fly“ wahre Alltagsgeschichten. Ein Stück, „Save the World“, handelt davon, dass Sie eben nicht die Welt retten wollen. Haben Sie die Ansprüche seit „Land of Confusion“ oder „Someone Always Hates Someone“ zurückgeschraubt?

Roachford: Ein Song muss keinen klaren politischen Kommentar abgeben und kann dennoch politisch sein.

Howar: Ich finde, dass das Album die Tradition vieler Mike-and-the-Mechanics-Songs wie „Another Cup of Coffee“ oder „Over My Shoulder“ aufnimmt und die große Weltlage auf eine persönliche Ebene herunterbricht. „Ich versuche nicht, die Welt zu retten“, singt Andrew. Klar, sie ist in Unordnung, aber besser machen kannst du sie nur Schritt für Schritt: bei dir selbst, in deinen Beziehungen. Man hat uns erzählt, dass die Mitarbeiter der Nothilfe am Flughafen Heathrow regelmäßig „Save the World“ auflegen, weil sie den Text als Anerkennung auffassen: dass der Menschheit manchmal am meisten geholfen ist, wenn man sich einem Menschen nach dem anderen zuwendet.

Derweil wenden sich die Briten vom Rest Europas ab. Was halten Sie als britische Band vom Brexit?

Rutherford: Ich war sehr dafür, in der Europäischen Union zu bleiben. In den frühen Genesis-Jahren mussten wir zwischen einem Konzert in Deutschland und einem in Frankreich einen freien Tag einplanen, um mit dem Tross über die Grenze zu kommen, den ganzen Papierkram zu erledigen. Es waren einfach zwei getrennte Länder. Dann öffneten sich die Grenzen, Europa wuchs zusammen. Ich fand das fantastisch. Dass wir nun rückwärts gehen, halte ich persönlich für keine gute Idee. Wir können nur hoffen, dass der Bruch nicht allzu hart wird. Ich glaube, dass viele in England nicht wirklich wussten, worüber sie da abstimmten.

Roachford: Im Vereinigten Königreich gibt es Menschen, die unglücklich sind und sich benachteiligt fühlen. Sie glauben, dass sich die Entscheider nicht für sie interessieren und haben für den Brexit gestimmt, um sich Luft zu machen, ohne zu wissen, ob der Brexit etwas Gutes oder Schlechtes ist – auf jeden Fall ist er etwas! Wahrscheinlich weiß noch immer keiner genau, welche Auswirkungen er auf den Einzelnen hat.

Jedenfalls werden nach Ostdeutschland keine neuen Grenzen gezogen. Vergegenwärtigen Sie sich manchmal, dass die Selbstverständlichkeit, mit der etwa Leipzig im Tourplan auftaucht, in den ersten Jahrzehnten Ihrer Laufbahn undenkbar schien?

Roachford: Ich war unmittelbar vor und nach dem Mauerfall in Deutschland auf Tour. Auch Mike wird sich an den Checkpoint Charly erinnern, und wie verrückt es war, auch nur in Ostberlin aufzutreten. Zum Glück hat sich das völlig verändert.

Gerade im Osten nehmen es Fans mit Dankbarkeit auf, dass sich Mike Rutherfords einstiger Genesis-Kollege Steve Hackett zu einer Art Erbverwalter der alten Sachen erklärt hat und sie hier live spielt – wo Genesis damals nicht hinkamen. Käme so etwas auch für Sie in Frage?

Rutherford: Nein, für mich ist das einfach zu lange her. Es ist tolles Zeug, aber es würde mich nicht befriedigen, es heute zu spielen. Mit Genesis vielleicht, aber nicht mit den Mechanics. Wir haben zwei späte Genesis-Songs im Programm: „Land of Confusion“ und „I Can’t Dance“. Doch mehr wäre gegenüber der Band nicht richtig. Andrew und Tim werden auf der Tour erstmals in größerem Umfang Lieder live spielen, die sie selbst komponiert haben und auf die sie zurecht stolz sind.

Howar: Übrigens haben wir ein Lied der neuen Platte – „High Life“ – ungeplant in Leipzig aufgenommen. Wir waren hier, als mich Mike in sein Hotelzimmer bat, um den Gesang zu einer Akkordfolge zu entwickeln, die er sich gerade ausgedacht hatte. Wir nahmen diesen ersten Versuch provisorisch auf, wollte das Ganze aber später in England im Studio noch mal richtig machen. Doch dort gelang es uns nicht mit derselben Frische! Deshalb ist mein Gesang aus einem Leipziger Hotelzimmer auf dem endgültigen Album gelandet.

Rutherford: Sogar der Leipziger Verkehr ist auf dem Album verewigt.

Verkehrsgeräusche haben wir noch jede Menge, Sie können im September in Leipzig gern auch ein Lied für die nächste Platte aufnehmen. Wie sind Ihre Pläne?

Roachford: Ich verfolge nach wie vor parallel meine Solo-Karriere. Nach der Mechanics-Tour mache ich im Oktober eine eigene Tour durch Großbritannien. Das nächste Album erscheint hoffentlich nächstes Jahr. Es ist eine Win-win-Situation: Mechanics-Fans lernen meine Solo-Sachen kennen, Leute, die früher nur zu meinen Konzerten kamen, schauen sich auch die Mechanics-Shows an.

Rutherford: Wir werden alle drei weiterhin alle möglichen Dinge tun, Alben, Tourneen. Ich habe keine konkreten Pläne.

Liegt die Idee einer Genesis-Reunion zu fünft noch auf dem Tisch?

Das halte ich ehrlich gesagt für unwahrscheinlich. Vor allem, weil Phil kein Schlagzeug mehr spielt. Würde er noch trommeln, wäre eine Wiedervereinigung bestimmt ein großer Spaß. Wobei ich mir auch dann nicht sicher bin, ob sie funktionieren würde. So oder so ist es in meinem Leben bisher immer mit der Musik weitergegangen. Ich hoffe, dass ich dieses Glück noch eine Weile genießen darf.

Mike and the Mechanics, 7. September Dresden, 21. September Berlin, 22. September Leipzig (Haus Auensee, Gustav-Esche-Straße 4), 30. September Magdeburg, Karten von 33 bis 60 Euro unter anderem bei der Ticketgalerie, in den LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Nummer 0800 2181050 und www.ticketgalerie.de

Von Mathias Wöbking

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