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"Genesis ist manchmal wie ein Geheimdienst": Interview mit Steve Hackett

"Genesis ist manchmal wie ein Geheimdienst": Interview mit Steve Hackett

Lang, episch, vertrackt: So klangen Genesis, als ihr Gitarrist zwischen 1971 und 1977 Steve Hackett hieß. Mittlerweile ist der 65-Jährige zu einer Art Erbverwalter des Genesis-Vermächtnisses der progressiven Ära geworden.

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Steve Hacketts Gitarrenspiel war weit übers Progrock-Genre hinaus einflussreich: etwa auf Brian May oder Eddie Van Halen.

Quelle: Tina Korhonen

Leipzig. Nicht nur erweckt er die alten Meisterwerke in Konzerten zum Leben. Auch sein Solo-Schaffen knüpft daran an, wie er am 12. September im Haus Auensee vorführen will.

Frage: Auf dem aktuellen Album "Wolflight" stößt man auf zwei Merkwürdigkeiten. Erstens haben Sie in erster Linie vor Sonnenaufgang komponiert, in der Wolfs­stunde. Warum schlafen Sie da denn nicht?

Ich neige tatsächlich dazu, früh aufzuwachen. Doch ich halte die Nacht ohnehin für eine sehr produktive Tageszeit. Vor allem im Winter, ich mag diese tiefe Dunkelheit. Es ist übrigens auch eine gute Zeit, um die Lieder zu üben. Und die zweite Merkwürdigkeit?

Wie hat es das deutsche Wort "Schadenfreude" in ihr Stück "The Wheel's Turning" geschafft?

Ich liebe das Wort, hab es schon immer geliebt. Es steht für ein außergewöhnliches Konzept und spricht meinen Sinn für Humor an. Im Englischen existiert kein entsprechender Begriff, aber Schadenfreude beschreibt meiner Ansicht nach eine sehr reale Sache. Sie wird in der ganzen Welt ausgeübt. Aber nur die Deutschen nennen sie beim Namen.

Sie touren seit gut zwei Jahren mit der frühen Genesis-Musik durch die Welt - und spielen an vielen Orten, an denen Sie mit der Band in den 70ern nie auftraten, etwa in Leipzig. Merken Sie das an den Reaktionen im Publikum?

Der Gedanke ist jedenfalls faszinierend. Ich glaube, die Musik von Genesis lebt in der Zuneigung vieler Hörer. Gerade auch dort, wo die Leute nie der damaligen Bandbesetzung ausgesetzt waren: etwa in Ostdeutschland oder auch Südamerika. Als wir die Lieder schrieben, hatten wir keine Ahnung, wie lange sie überleben würden. Keiner von uns dachte, ein Teil der Musikgeschichte zu werden. Das war kompletter Zufall, um ehrlich zu sein. Ich selbst mag Genesis nach wie vor sehr. Die langen und komplexen Lieder erzählen Geschichten und lassen auch für instrumentale Erkundungen Raum. Die Gitarre besitzt darin ebenso eine Stimme wie der Mensch.

Wie Peter Gabriel und Phil Collins also. Bevor Genesis 2007 als Erfolgstrio der 80er Jahre durch die Stadien tourte, war auch eine Wiederbelebung der früheren Fünferkonstellation im Gespräch. Hat es Sie geärgert, dass es nicht dazu kam?

Tatsächlich bestand eine der Ideen auf dem Tisch darin, "The Lamb Lies Down On Broadway" als Musical aufzuführen. Vermutlich hätte sich Peter wieder mit der Band eingelassen, wenn der Idee mit großen Enthusiasmus begegnet worden wäre. Aber sie wurde damals abgelehnt. Nicht von mir. Ich glaube immer noch, dass sich der Stoff sehr gut für ein Musical eignen würde. Es ist bei Genesis nunmal leider fast unmöglich, zu fünft eine Entscheidung zu treffen, die konstruktiv in die Zukunft reicht. Da ist es leichter, Sachen zu machen, die in die Vergangenheit blicken, gelegentliche Kompilationen. Hier und da mal ein Interview zusammen. Aber auf neue Musik konnten wir uns bisher nicht verständigen.

Woran liegt das?

Einzelne - ich nenne jetzt keine Namen - sind selbst sehr mächtig geworden. Es ist, wie getrennte Fürstentümer zu bewegen, ihre Grenzen einzureißen, die Waffen zusammenzulegen und wieder zusammen im Chor zu singen. Die Realität ist, dass das nicht passiert. Dabei gab und gibt es Momente, in denen wir uns gegenseitig helfen, manchmal auch unsichtbar. Doch da ist eine Scheu, das offiziell zu machen. Es ist merkwürdig. Mit Genesis zu tun zu haben, ist manchmal ein bisschen, wie für den Geheimdienst MI5 zu arbeiten. Persönlich wäre ich sehr glücklich, der Leim zu sein, der die Ideen aller zusammenklebt. Jederzeit. Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, aber in der Zwischenzeit befasse ich mich lieber mit anderen Dingen und anderen Leuten. Manchmal auch mit der Musik von Genesis, die ich liebe. Ich kann mit ihr sehr viel flexibler umgehen, wenn sie von den ganzen bandpolitischen Fragen befreit ist.

Stattdessen haben Sie viel mit dem jüngst verstorbenen Yes-Bassisten Chris Squire gearbeitet. Auch auf "Wolflight" ist sein Bass zu hören.

Ja, der späte, großartige Chris Squire, ich vermisse ihn schrecklich. Als Freund, als Musiker - und als jemanden, dessen Gesellschaft einfach großartig ist. Er wusste jede Menge toller Geschichten zu erzählen. Wie er etwa einmal nachts um drei heimlich in London in St Paul's Cathedral für ein Album Aufnahmen mit der Kirchenorgel gemacht hat. Er war wohl mit dem Chorleiter befreundet, aber das war dennoch höchst inoffiziell. Das ist typisch für Chris. Er arbeitete immer mit großem Enthusiasmus, auch mit mir am Squackett-Projekt. Wenn es einen musikalischen Himmel gibt, möchte ich wieder mit ihm musizieren. Falls wir uns dort treffen. Oder wenn wir beide nach unten geschickt werden, kann es sein, dass das da unten ein ziemlich interessanter Club wird.

Angesichts des Erfolgs Ihrer Genesis-Konzerte: Warum mühen Sie sich überhaupt mit einer neuen Solo-Platte ab?

Ich könnte vermutlich für den Rest meines Lebens Genesis sein, wenn ich wollte. Die Herausforderung ist für mich jedoch, neue Sachen zu komponieren, die vielleicht den ursprünglichen Geist der Musik einfangen, die so viel von einem Abenteuer, einer Odyssee hatte. Und dafür möchte ich durchaus über Genesis hinausgehen. Ich mag es, die Möglichkeit zu haben, mit Orchestern zu arbeiten, mit Rockmusikern, Jazzern. Ich kann mich auch nicht erinnern, mit Genesis allzu viele Flamenco-Einflüsse verarbeitet zu haben, dafür rutschen sie jetzt manchmal in meine Songs. Für Genesis war die zwölfsaitige Gitarre von Bedeutung, mittlerweile habe ich aber größeren Gefallen an der Nylon-Gitarre gefunden - seit ich erstmals einen spanischen Gitarristen auf einer klassischen Gitarre Bach spielen hörte. Das blies mich weg. Auch mein Keyboarder Roger King liebt Bach. Irgendwann machen wir vielleicht einmal ein Bach-Album.

Sie wissen, dass Johann Sebastian Bach Thomaskantor in Leipzig war?

Na klar, ich assoziiere Leipzig immer mit Bach. Und bevor wir dort vor zwei Jahren spielten, besuchte ich auch das Bach-Museum. Ich besitze immer noch das T-Shirt, glauben Sie mir! Ich trage es sogar gelegentlich. Ich finde, Rock-Schultern sollten breit genug für solche unwahrscheinlichen Einflüsse sein. Sonst stagniert der Rock'n'Roll.

Sie haben 1971 im Genesis-Stück "Musical Box" das Tapping als Stilmittel der Solo-Gitarre erfunden. Ärgert es Sie, dass Eddie Van Halen später die Lorbeeren einsteckte?

Nein, er hat den Einfluss ja anerkannt. Es ist eine Technik von vielen, die ich erfunden habe, die hoffentlich in das Wörterbuch für Gitarristen Einzug hält. Ich bin glücklich, wenn andere Leute meine Techniken nutzen. Wie kann ich der Musik zu Diensten sein? Das ist die Leitfrage, so wie ich sie sehe. Ich empfinde für Musik noch immer dieselbe Leidenschaft wie ein kleiner Junge, der ein strahlendes neues Spielzeug geschenkt bekommen hat. Ich bin von der Art fasziniert, in der sie funktioniert, und vom Prozess, einen Song zu schreiben. Das ist, wie im Dunkeln zu tanzen und die Schritte nicht zu kennen, bis sie sich mir zu erkennen geben.

Steve Hackett, 12. September, 20 Uhr, Haus Auensee (Leipzig, Gustav-Esche-Straße 4), Karten für 33 bis 52,55 Euro in den LVZ-Geschäftsstellen, im LVZ-Media-Store (Höfe am Brühl), unter der gebührenfreien Ticket-Hotline (0800) 21 81 050 und unter www.lvz-ticket.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.08.2015

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