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Georgette Dee im Schauspiel Leipzig gefeiert

Lieder- und Geschichtenabend Georgette Dee im Schauspiel Leipzig gefeiert

Georgette Dee und Terry Truck mit „Ach du – mein Ach“ im Schauspiel Leipzig

Georgette Dee am Mittwoch im Schauspielhaus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es ist nach 23 Uhr, als Georgette Dee sich zum letzten Mal für diesen Abend verbeugt. Auf entfesselte Weise erschöpft. Etwas derangiert auch, während Terry Truck sich beim Rausgehen das Jackett zuknöpft. Da war sie wieder – wie stets im Winter. Dee dankt Leipzig für „die Treue all die Jahre“ und Leipzig ihr für jedes „Ach“. „Ach du – mein Ach“ heißt das neue Programm, mit dem die Diseuse und ihr Pianist am Mittwoch im Schauspielhaus zu Gast waren.

Wie immer sind die Lieder in Geschichten verpackt. Diesmal mehr Geschichte in weniger Liedern, die vertraut sind aus dem Chanson-Repertoire der gehobenen Melancholie: von Brel, Hollaender, Richard Strauss, Brecht/Eisler oder Dee/Truck, von „Mir geht’s gut“ über „Du hast ja eine Träne im Knopfloch“, „The Ballad of Lucy Jordan“, „Schweinelied“, „My Old Friend The Blues“ oder „Alles von mir“ bis zur „privaten Nationalhymne“, dem pantomimisch eskalierenden „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Das ist dann schon im so knappen wie bejubelten Zugabenteil.

Der Abend trägt die Melancholie also im Untertitel, aber nicht vor sich her. Der Unterschied zwischen Melancholie und Depression ist rasch umrissen: Melancholiker, sagt Dee, können bei vollem Bewusstsein Weltschmerz als Dauerwerbung gucken, ohne wegzuzappen oder depressiv zu werden. Damit ist sie nicht allein, hat vielmehr Frida und Mira an ihre Seite auf der Terrasse im Herzen eines Berliner Milieus, wo man leidenschaftlich liebt und hasst, mehr aber liebt, und die Straße kontrolliert.

Frida hat einen ostberliner Hebammen-Hintergrund und jetzt einen Kiosk, Mira eine Änderungsschneiderei, die in Wirklichkeit ein illegales Acht-Plätze-Restaurant ist. Fridas Motto lautet: Das meiste im Leben geht schief. Eigentlich alles, wenn man nur lange genug wartet. Mira sagt: Das Begehren ist das, was uns treibt. Die drei „Gewitterziegen“ sind um die 60, und ihre Nachbarschaftsfreundschaft am Herd der Zeit steht für das Gegenteil von Einsamkeit. Hinzu kommt der handwerklich begabte „Spanier“, Betreiber einer Kfz-Werkstatt und früher Professor für vorsokratische Philosophie. Die nächste Generation wird von Jason und Locke vertreten sowie von Lockes Liebhaber, einem Havellandbewohner mit grünen Augen und weniger grünem SUV. Niemand hat es leicht in dieser Erzählung, die mit einer Fahrradtour beginnt und an die Bar des sinkenden Schiffes führt. Georgette Dee erzählt sie an den Jahreszeiten entlang, mal machen Hormone zu schaffen, mal Hitze, dann Kälte, der Rücken auch.

Gegen alles helfen Getränke mit Gin und Wodka. Nach der Pause ist der Saal besser geheizt und Frau Dee ebenfalls auf Temperatur. Sie findet sehr, sehr alte Liebesbriefe, zu Rilke und schließlich zum Kennzeichen Dee, jenen Sätzen fürs Poesiealbum gerupfter Romantiker: „Wenn ich wach bin, dann lasse ich den Tod einfach schlafen.“ Sie bleibt die Heldin ihrer Geschichten, die soziale Medien ausreichend beherrscht, um monatelange Abwesenheit vorzutäuschen, für die „Ostern mein Neujahr“ ist und die in Rage schon mal Zulterschucken sagt statt Schulterzucken, selbstredend nicht, ohne darüber dann noch etwas zu sinnieren und beiläufig das Dekolleté zu korrigieren. Wie immer zeigt sich der nicht minder legendäre Terry Truck auch in den Intermezzi als Begleiter so nachsichtig wie aufmerksam.

Als Frida und Mira sich aus der Geschichte über Furien und Feen lägst zurückgezogen haben, tauchen plötzlich „Jägermeister“-Geweihe an Berliner Laternen auf, wird es unübersichtlich im Unterholz der Konsonanten.

„Es ist schwer, sich treu zu bleiben in Zeiten wie diesen, aber ich glaube, es lohnt sich“, gibt Georgette Dee nach drei Programmstunden mit auf den Weg. Das hilft über den Winter – wie auch der Tipp, dass sich Badeschaum mit Champagner minimieren lässt. Man holt sich, sagt ein Zuschauer, seine jährliche Melancholiedosis ab. „Darum geht’s doch.“

Von Janina Fleischer

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