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"Gerda, sie passt zu uns"

"Gerda, sie passt zu uns"

"Das IST die Komödie schlechthin, dass du nur deinen Text hast, nur deinen Text sagen kannst und weißt: Es bringt überhaupt nichts. Wenn das nicht komisch ist!" Sagt Augustus, und das Tragische daran ist, dass er seinen Text nicht immer findet.

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Schriftsteller Martin Walser (86).

Quelle: dpa

Augustus Baum ist ein "mit Prominenz gepanzerter Regisseur" über 50, der gerade Tschechows "Möwe" inszenierte, als ihn der Schlag traf. Nun liegt er im Krankenhaus und hat sich hier "das seriöseste Leiden überhaupt zugezogen": Liebe.

Um die Liebe und die Kunst geht es in Martin Walsers neuem Roman "Die Inszenierung", dieses Welttheater mit Betrug, Verschweigen, Doppelleben unter den Bedingungen von Sprache, Freundschaft und Geschlechtsverkehr. Der 86-Jährige hält seinen Protagonisten in einem Krankenzimmer fest und entwickelt ein Kammerspiel, das keinen Erzähler braucht. Nur hin und wieder gibt es quasi Regieanweisungen: "Auch dass er auf die Uhr schaut, zeigt, dass er wartet." Ansonsten aber tragen , die manchmal auch nur Monologe vor Publikum sind, wenn Augustus sich seiner selbst versichert, seiner Rolle als Regisseur zum Beispiel: "Kein Mensch ist ein Regisseur! Den Regisseur muss man spielen. (...) Ich liebe Stücke. Ich liebe Tschechow." Weiterhin liebt er Nachtschwester Ute-Marie und Ehefrau Gerda. Die Liebe zu Regieassistentin Lydia hingegen ist schon erkaltet.

Gerda, Lydia und Ute-Marie besuchen ihn nacheinander am Krankenbett, spielen die Liebe nach und einander vor. Hat sich der Leser in den Rhythmus der Dialoge gefunden, ist er auch schon mittendrin in Zweikämpfen um Zuneigung und Macht, um Glück und "Unglücksglück". Und wird von Liebesschwüren überschwemmt, die klingen, als stammten sie aus einem Theaterstück: "Die Sonne wüsste nicht, warum sie scheint, wenn sie nicht dich beschiene!"

Augustus' "Immunschwäche der Seele" führt zu immer neuen Affären. Gerda weiß von allen. Nun also Ute-Marie. "Gerda, sie passt zu uns", hätte er aber besser nicht gesagt. Die Nachtschwester, tagsüber mit Vinze verlobt, glaubt, sie und Augustus seien "Schicksalszwillinge". Sie sagt: "Wenn ich dich nicht getroffen hätte, hätte ich ewig gewartet." Natürlich hat die 29-Jährige ihren Erich Fried gelesen. Kommt dann noch Tschechow dazu, hört sich das so an: "Liebe weiß nichts von sich. Liebe ist zwecklos. Absichtslos. Arglos. Hilflos." Walser setzt nicht nur alle, sondern alles in Beziehung, verzahnt die Komödie des maroden Mannes mit der Inszenierung der "Möwe". Im Stück liebt jeder jemanden, der einen anderen oder eine andere liebt. Aber sind sie deshalb unglücklich? Ute-Marie findet, sie sollen froh sein, weil sie überhaupt noch lieben können.

Vom Krankenzimmer aus versucht Augustus, die Proben zu lenken, über den Fortgang Assistentin Lydia informiert wie eine Kriegsberichterstatterin. Es sind verlorene Schlachten. Ein anderes Gefecht verbindet ihn mit Gattin Gerda, eine Ärztin, die jeden Morgen das Frühstück bringt und ein Buch geschrieben hat über "Abhängigkeit, Wahn und Wirklichkeit". Darin geht es auch um Schweigen und Verschweigen, Verheimlichung und Geheimhaltung. Augustus jubelt, passt das doch zu seinem Tschechow, bei dem Menschen einander die Wahrheit nicht sagen können. Genauso gut passt es zu seinem Leben: "Jeder ist der, der dem anderen am meisten verschweigt. Die Geheimhaltung ist das, was uns miteinander verbindet. Die höchste Stufe der Geheimhaltung ist das, was ich auch vor mir selber um meinetwillen geheimhalten muss."

Wie tragisch das enden kann, schreibt "Herzensfreund" Hans Georg in zwei langen Briefen aus dem emotionalen Exil in Amerika: "Die Ehe bleibt, was sie immer war: das Kunstwerk der Verheimlichung. Ich war zu wenig Künstler! Also entlarvbar!" Ihn hat das Glück zurückgelassen, während Augustus im "Unglücksglück" badet mit viel Pathos, peinlichen und schönen Formulierungen sowie Rückgriffen auf die Theaterliteratur. Begehren und Leidenschaft führen in ein Jammertal, aus dem nur Ironie wieder heraushilft.

"Meine Inszenierungen sind ein Selbstgespräch. Und das öffentlich!", hat Augustus mal gesagt. Das ist nur als Komödie zu ertragen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.10.2013

Janina Fleischer

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