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Geschichte vom Überleben: Ossis in New York

Geschichte vom Überleben: Ossis in New York

Kathrin Aehnlichs Romane sind Tauchgänge in die Vergangenheit, Erinnerungen an Zeiten, das Land, einen guten Freund. Nach "Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen" (1998) und "Alle sterben, auch die Löffelstöre" (2007) führt ihr neuer Roman nach Amerika, um in die Jugend zurückzukehren.

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Leipzigerin, die heute in Markleeberg lebt: Kathrin Aehnlich.

Quelle: Christiane Eisler transit

"Wenn die Wale an Land gehen" erzählt von Freundschaft und vom Überleben.

 

 

Wenn Wale an Land gehen, müssen sie sterben. Manchmal passiert es einfach so, manchmal stürzen sie sich in ganzen Gruppen an Land, als hätten sie es geplant. Menschen können sie retten.

Manchmal kommt Sehnsucht auf nach dem verschwundenen Land. Nicht nach FDJ-Hemden, Bevormundung und Taubenzecken, auch nicht unbedingt nach "Doppelliege Dagmar", "Schrankwand Kompliment" oder "Sitzecke Giebichenstein". Aber nach den großen Träumen, die mehr noch als von etwas weg zu etwa hin führten. Zu einer Idee von der Zukunft, die nichts zu tun hatte mit der Langeweile und Berechenbarkeit in der DDR. Die Fluchthelfer dieser Gedankenreisen waren Bücher, Musik, Theateraufführungen. Auch Freundschaften konnten retten.

"Ihre Freundschaft war der Luxus, in dem sie schwelgen konnten", schreibt Kathrin Aehnlich über das Kleeblatt Roswitha, Mick, Frau Pulver und Zappa. Das war in den 80er Jahren, während des Studiums an einer Ingenieurschule, und ein bisschen darüber hinaus. Zunächst lebten sie in den Nächten, "bezogen alles auf sich, gerieten in den Sog der Worte, fühlten sich verstanden. Es war ein Fieber, das sich übertrug." Später blieben die Wochenenden, an denen sie mit einer Malerin feierten, die nur an geraden Tagen aus dem Haus ging oder mit einem Westdeutschen, der gar keiner war. Roswitha und Frau Pulver schrieben einander jede Nacht einen Brief oder, wenn das Geld reichte, ein Telegramm: "Es ist Herbst. Stop. Auch dir warme Mollsonaten! Stop."

Doch es änderte nichts: Ihnen blühte eine fremdbestimmte Zukunft im Drehmaschinenkombinat oder Traktorenwerk. Mick und Frau Pulver haben sich diesen Aussichten verweigert, sie gingen auf verschiedene Weise verloren.

Darum begibt sich Roswitha, inzwischen 50, nach 25 Ehejahren von Wladimir geschieden, auf "Scheidungsreise" nach New York. Um Mick zu suchen. Sie hat nur die Adresse auf einer Jahre alten Postkarte. Statt ihre Jugendliebe zu finden, lernt sie Jorg aus Erfurt, den Cowboy, kennen, Malenga aus Ostberlin und Doc Snyder aus Dresden. Ossis in New York. Sie landet bei einer gealterten Hippiekommune von Christen, Kommunisten, Atheisten. Sie alle kennen Mick, und alle kennen sich untereinander. Nur Mick bleibt verschwunden. Zwischen beiden Ebenen, zwischen New York heute und dem sozialistischen Hinterhof damals gibt es erstaunlich viele Parallelen. Nicht nur die Gelassenheit beim Ertragen von Um- oder Zuständen.

Egal was Roswitha machte, "immer befand sie sich zwischen den Welten". Sie erschließt sich New York mit Erinnerungen an Studium, Feten, an Frau Pulver und deren Söhnchen Rilke, an "die Handwerker" von der Stasi, an nächtliche Heimfahrten mit der Straßenkehrmaschine.

In lockerem Ton verschränkt Kathrin Aehnlich diese Ebenen. Sie findet eingängige Bilder für komplexe Gefühlslagen, Dialoge, die mehr sind als die Summe ihrer Wörter. Frei von politisch-historischer Last erzählt sie mit Heiterkeit im Herzen und Unbestechlichkeit im Geist vom harmlos-spießigen "Mahlzeit"-Gegrüße und vom Eingreifen der Macht in die Träume der Anderen. Aber eben auch von Klugheit und Wärme. Es ist, als säße der Leser mit ihr gemeinsam am Tisch oder auf dem Fußboden einer Wohnheimküche oder in einer Bar in Soho und käme ins Plaudern bei einem Glas Vierfruchtwermut oder Wodka oder dem, was die Amerikaner Bier nennen.

Eins greift ins andere, bis die Mauer fällt und ein Hurrikan auf New York trifft. So entwickelt sich eine lebendige Geschichte über baufällige Traumschlösser, darüber, wie ein Land überlebt wird, aber auch Krankheit, Enttäuschung, Verrat. Die Befreiung von Zwängen findet in diesem Buch ihren Ausdruck meist in der Kunst: in Zappas Filmen, Roswithas Fotografien. Und in Musik. Realität wird an den Songs der Vergangenheit gemessen

"Mick hatte immer behauptet, die Seele des Menschen bestünde aus seinen Lieblingsliedern." Einst hatte er eine "Rockoper" geschrieben, die an Pankows Rockspektakel "Paule Panke" erinnert. Amerika war immer sein Traum. Einmal sagte er: "Wenn unsere Vorfahren geflattert hätten, könnten wir heute fliegen."

Auch Roswitha hat diese Jukebox im Kopf, die Etta James spielt, Janis Joplin, Lou Reed. Ihre Englischkenntnisse sind überschaubar, weshalb sie Liedzeilen sprechen lässt. Auf die Frage nach dem Grund ihrer Reise konnte sie schlecht mit "I can't get no satisfaction" antworten. Dabei stimmt es.

Kathrin Aehnlich, 1957 in Leipzig geboren, hat selbst an einer Ingenieursschule für Bauwesen studiert und anschließend am Deutschen Literatur- institut. Heute arbeitet sie in der Feature-Redaktion von MDR Figaro. In "Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen" erzählt sie von ostdeutscher Kindheit, in "Alle sterben, auch die Löffelstöre" über eine Freundschaft, die im Kindergarten beginnt, über Schulzeit, Studium, den Herbst '89 hinaus wächst. Sie hat ihr Thema gefunden, und sie trifft souverän den dafür besten Ton.

Kathrin Aehnlich: Wenn die Wale an Land gehen. Roman.Verlag Antje Kunstmann; 253 Seiten,19,95 Euro

Buchpremiere: 27. August, 20.15 Uhr, Lehmanns Buchhandlung, Grimmaische Straße 10; Karten (5/3 Euro) unter Telefon 0341 33975000. und an der Abendkasse

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.08.2013

Janina Fleischer

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