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„Geschichten-Erzähler und Genre-Hopper“ inszeniert Mozarts „Figaro“ in Leipzig

Regisseur Gil Mehmert im Interview „Geschichten-Erzähler und Genre-Hopper“ inszeniert Mozarts „Figaro“ in Leipzig

Sein Schwerpunkt liegt auf der Musical-Regie. Aber Gil Mehmert, 50, der in Köln Musik studierte und in München Regie bei August Everding, nimmt sich immer wieder einmal der Oper an. Am 14. November feiert in Leipzig seine Sicht auf Mozarts „Figaro“ Premiere, die Oper aller Opern.

Gil Mehmert

Quelle: André Kempner

Leipzig. LVZ: Sie haben sich vor allem als Musical-Regisseur einen Namen gemacht. Nach welchen Kriterien schieben Sie Opern-Produktionen dazwischen?

Gil Mehmert: Ich habe immer auch Oper gemacht, am Anfang besonders viel Zeitgenössisches: Ich habe alle zwei, drei Jahre Opern zwischengeschoben, meist Spielplanrenner wie „Zauberflöte“ oder „Fledermaus“.

Ein Spielplanrenner ist der „Figaro“ ohne Zweifel. Für viele gelten Mozarts und Da Pontes gemeinsame Werke als vollkommene Opern. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Denn beide Werke sind aufgeladen mit all dem, was Mozart damals in sich trug. Es ist diese Sturm-und-Drang-Energie des Genies, das sich unbedingt in der italienischen Oper beweisen wollte und im „Figaro“ einen Inhalt sah, der nah an seinem eigenen Leben war in der ständigen Auseinandersetzung mit den Herrschenden.

Das Libretto, das Da Ponte für Mozart schrieb, ist eines der besten der Operngeschichte. Aber es ist auf Italienisch ...

... ja, das ist ein Problem. Auch ich bin in dieser Sprache nicht zuhause.

Und wie gehen Sie um mit diesem so detail- und pointenreichen Textbuch?

Wir versuchen das szenisch zu kompensieren, das Tempo herzustellen und den Duktus. Es ist ein bisschen wie im Italienurlaub: Da bekommt man ja auch sehr viel mit von dem, was um einen herum passiert, obwohl man die Sprache nicht versteht. Ich denke immer zuerst ans Publikum. Dem muss ich die komplizierte Handlung so vermitteln, dass es nicht beim ständigen Blick auf die Übertitel Nackensteife bekommt. Es sind sehr viele Personen unterwegs in dieser Oper, die bekommen alle ihre eigenen Räume. Jens Kilian hat ein Bühnenbild entwickelt, das allen Protagonisten jeweils eigene Zimmer zuordnet im Schloss. Ganz oben wohnt das Grafenpaar, darunter fächern sich die anderen auf. Und dadurch, dass der Graf Susanna und Figaro nach deren Hochzeit zu sich heraufholen will, um Susanne besser an die Wäsche zu können, bringt er Drama und Komödie in Gang.

Der „Figaro“ dreht sich nicht zuletzt ums jus prima noctis, jenen Rechtsbrauch, der Adligen die erste Nacht mit frisch verheirateten weiblichen Domestiken zusicherte. Das ist ja ein wenig aus der Mode gekommen ...

... de jure schon – de facto nicht. Weltbank-, US- oder italienische Ministerpräsidenten: Immer wieder gibt es in patriarchalisch geprägten Gesellschaften dieses Band zwischen mächtigen Männern und jungen Frauen als Trophäen der Macht.

Wann spielt ihr „Figaro“?

Als Hommage an die Entstehungszeit spielt die Oper in einem Rokoko-Schloss, einem Landsitz, zu dem der Graf die ganze Gesellschaft fahren lässt für diesen „tollen Tag“, die Hochzeit des Figaro. Darin spiegeln die Kostüme die 1960er wider.

Warum die 60er?

Weil dies die Zeit war, in der die Deutschen am stärksten versuchten, den Zweiten Weltkrieg, die Erinnerung daran und seine Folgen zu verdecken durch Etikette, Mode, gesellschaftliche Fassaden. Und bezeichnenderweise traten als Gegenbewegung zu dieser gesellschaftlichen Verkrustung danach sehr schnell Blumenkinder auf den Plan und Hippies. Figaro und Susanna, das Blumenkind Barbarina, sie stehen für die Gegenbewegungen, die Macht immer auslöst. Im Nachkriegsdeutschland standen die 68er vor der Tür, bei Mozart war es die Französische Revolution.

Der „Figaro“ kann ziemlich lang sein, wie sieht ihre Spielfassung aus?

Wir machen die eingebürgerten Striche. Die Arien Bartolos und Marcellinas kommen also nicht vor. Ansonsten hoffe ich, dass es gelingt, subjektiv zu kürzen.

Wie kürzt man subjektiv?

Auf den vielen Etagen des Bühnenbildes ist immer etwas los, das schafft Abwechslung und transportiert den Inhalt des Stückes so, dass jeder ihn versteht. Im Grunde ist das die choreographische Herangehensweise des Musicals.

Im Musical gibt es die meist strikte Trennung von Dialog und Musik, beim „Figaro“ die zwischen Arien und Rezitativen, wie gehen Sie damit um?

Jedenfalls nicht so, dass ich in den Rezitativen die Handlung vorantriebe und die Protagonisten in den Arien und Ensembles an die Rampe treten ließe. Ich finde diese Unterscheidung grundsätzlich nicht so wichtig, schon gar nicht in dieser Oper, weil nur Graf und Gräfin sich Raum für Statisches nehmen, alle anderen auch in den Arien, Duetten, Szenen aktiv bleiben, das gibt Möglichkeiten, auch Details plastisch werden zu lassen, die man wegen der Sprache vielleicht nicht versteht. Mozart und Da Ponte haben zwar die Handlung in gewisser Weise entschärft – aber durch die Musik eine Seelentiefe eingebaut, die Format- und Gattungsfragen unwichtig erscheinen lässt. Das ist genau das richtige für einen Regisseur wie mich, der sich als Geschichtenerzähler und Genre-Hopper versteht.

Premiere: 14. November, Vorstellungen: 18, 27. 11., 30.1., 12.3.; Tickets im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Peter Korfmacher

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