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Geschichten vom Reisen zur Leipziger DOK-Filmwoche

Geschichten vom Reisen zur Leipziger DOK-Filmwoche

Kino liebt das Reisen. Mindestens, seitdem jener berühmte stumme Zug der Brüder Lumière auf dem Bahnhof in La Ciotat ankam. 1896 vertrieb er erschrockene Zuschauer aus einem Café in Paris.

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"A Diary of a Journey": zwei analoge Fotografen unterwegs in Polen.

Quelle: Dokwoche

Leipzig. Der erste magische Moment des Films. Gern gereist wurde auch wieder im Internationalen Wettbewerb der Dokwoche - in bekannte und fremde Gegenden, in die Zukunft, auch durch den Alltag.

Die Tage von Joanna sind begrenzt. Ihr Leben hat eine Grenze. Sie ist jung, ihr Ende trotzdem greifbar - in den Schmerzen, im so ganz anderen Genießen von Welt, Wellen, warmem Wind, in der Beschäftigung mit dem kleinen Sohn. Sie redet mit ihm wie mit einem Erwachsenen. Als Erwachsenen wird sie ihn nicht mehr erleben. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich haben Angst, euch allein zu lassen, sagt sie einmal. Joanna leidet an Krebs, hat mal kurze, mal wieder längere Haare.

Eine zerbrechliche Frau, die anders als andere die Signale der Natur hört, die die Regentropfen auf der Hand genießt, das Streifen durch ein gelbes Feld mit hohen Ähren. Manchmal rauschen die dichten Bäume wie in einer Tarkowski-Elegie. "Joanna" (Polen) von Aneta Kopacz ist ein Requiem. Ein Memento mori. Ein Abschied mit letzten Bildern des Lebens, einfühlsam, alltäglich - und voller Poesie. Joanna starb 2012. Sie wurde nur 36 Jahre alt.

Nicht das einzige Zeugnis der hohen Qualität der polnischen Dokumentarfilmschule. Ein anderes hieß "A Diary of a Journey". Piotr Stasik geht mit dem alten Fotografen Tadeusz und dem jungen Nachwuchs-Fotografen Michal in einem alten Camper, in dem auch die Dunkelkammer untergebracht ist, auf eine Fotoreise - mit Kameras, in denen noch ein Film steckt und deren Bilder schwarz-weiß sind. Ich lerne, sagt Michal. Das klingt so altmodisch wie die analoge Fotografie. Aber was für Bilder macht Michal! Kommt nicht auf die Technik, sondern auf den Künstler an, suggeriert Piotr Stasik.

Alte, Kinder, Leute in ihrer Alltags-Umgebung, auf einer Bank, auf einem Markt, vor dem Haus, im Fenster. Die Komposition macht es, das Licht - und die Entwicklung. Signiere nie ein Bild, das nicht perfekt ist , sagt Tadeusz, der abends dem jungen Michal auch schon mal zeigt, wie man tanzt, und von seinen Frauen redet. Ein gutes Dutzend waren es, die ihm was bedeutet haben, aber nie war die Richtige dabei.

"A Diary of a Journey" huldigt mit einem wunderbar leichten Gestus realistischer Romantik der Tradition der Wander-Fotografen aus alter Zeit. Ein Land und seine Leute werden entdeckt, es geht um Kunst und Lebensweisheit. Auch jene, die man nie annimmt. Am Ende sitzen der Junge und der Alte auf einer Couch in weiter Landschaft und fotografieren sich selbst. Vielleicht haben sie auf dieser sommerlichen Tour ein wenig auch sich selbst gefunden. Das hat was von einem Porträt der anderen Art und von einem Roadmovie, heiter im alltäglichen Ton, gelassen im Erzählen, lässig und leger in der Fotografie, präzis im Schnitt. Wunderbar!

Dagegen war die Reise in die nahe Zukunft, die Bregtje van der Haak in "DNA Dreams" (Niederlande) unternimmt, ganz anders. Es geht um Designer-Babys, geschneidert mit idealer DNA. Gesucht ist ein hoher IQ und ein langes Lebensalter, eine Firma in China forscht mit großem Nachdruck für einen weltweiten Markt. Schweine, Schafe, Kühe werden geklont als Vorstufe für das große Experiment. Ihr seid besser als die Natur, sagt einmal ein dänischer Wissenschaftler voll Bewunderung. Die junge Forscherin lächelt, während in den blitzsauberen Labors Reagenzgläser durchgesehen und ehrgeizige Kinder von Psychologen auf ihre Intelligenz getestet werden.

Leider jedoch schleicht sich allmählich ein gewisser moralischer Alarmton ein, langweilen die ewig gleichen begeisterten Sätze der Jungforscher. Ein eher schwaches Werk im Wettbewerb.

Auch aus Deutschland: eine Reise. Volker Koepp ist "In Sarmatien" in jenem Landstrich unterwegs, den griechische und römische Kartografen am Rand der Welt, zwischen Litauen und Schwarzem Meer sahen. Immer wieder Szenen aus alten Koepp-Filmen - von den Memel-Fischern, den letzten Juden und einem Mädchen aus Czernowitz.

Die Kamera fängt rauschhaft schöne Landschaften aus Wasser, weitem Himmel, flachen Ebenen ein, in Litauen, der Ukraine, Moldawien, Weißrussland. Ein Streifen durch die Zeiten, die über dieses friedliche Land in den letzten Jahrzehnten gekommen sind. Die Vergangenheit trifft die Gegenwart, wenn ein weißrussischer Holzhausbauer sarkastisch die Lage beschreibt, von Weggehen und Heimat die Rede ist und Filmemacherin Ana sich fürs Leben alter Leute in Dörfern interessiert.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.11.2013

Norbert Wehrstedt

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