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Geteilte Gefühle: Carolin Emcke in Leipzig zu Gast

Literarischer Herbst Geteilte Gefühle: Carolin Emcke in Leipzig zu Gast

Am Sonntag hat Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, danach führt der Weg traditionell nach Leipzig – hinein in den Literarischen Herbst. Am Donnerstagabend sprach sie im Alten Rathaus auch über Reaktionen auf ihre Rede und ihr Buch „Gegen den Hass“, aus dem Burkhart Klaußner einige Passagen las.

Friedenspreisträgerin Carolin Emcke mit Schauspieler Burkhart Klaußner (l.) und Moderator Stephan Detjen im Alten Rathaus.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Der Festsaal ist voll, wie eigentlich immer zu diesem Anlass wollen mehr Menschen rein, als der Brandschutz erlaubt. Am Donnerstagabend war Carolin Emcke zu Gast, am Sonntag ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Es ist die traditionelle Gelegenheit, zuletzt meist eingebettet in den Leipziger Literarischen Herbst, die Preisträger etwas näher kennenzulernen.

Carolin Emcke macht es dem Publikum leicht. Die 49-jährige Publizistin pflegt einen Humor des gesprochenen Wortes, der Lacher provoziert und Symphathien fliegen lässt. Für das Weihevolle haben die Vorredner gesorgt. Oberbürgermeister Burkhard Jung würdigt Bücher und Essays der Preisträgerin und stellt sie unter die Überschrift: „Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben“.

Es gehe darum, Interesse und Empathie füreinander zu fordern und zu fördern, sagt Jung. Dass dies „ein Kampf gegen tägliche Überforderung ist“, ahne, wer ihre Texte liest. Das Mitteilen des Leids bedeute aber ebenfalls Teilen, und so würden die Opfer ein Teil auch unserer Welt.

Dass Emcke sich der Themen wie Krieg und Hass mit Empathie annehme, betont Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Das helfe, sich auf andere Art oder mit anderer Sichtweise den Problemen der Welt zu stellen, sich darauf einzulassen.

Dass der Vorjahres-Preisträger Navid Kermani in diesen Tagen als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch ist, bringt Moderator Stephan Detjen auf die Frage, was diese Auszeichnung mit einem Autor mache. „Es verändert etwas an den Erwartungen“, sagt Emcke. Oft falle nun das Wort „unermüdlich“, sie aber sei durchaus manchmal müde und wäre schon dankbar, wenn es gelänge, Fragen so präzise zu formulieren, dass über die Fragen etwas deutlich wird. In der aggressiv aufgeladenen, polarisierenden gesellschaftlichen Situation, in der wir uns wiederfinden, „wird in einer wechselseitigen Hermeneutik des Verdachts gesprochen“.

Auf Detjens Einordnung ihrer Frankfurter Friedenspreis-Rede als „optimistisch“ reagiert Emcke mit dem Hinweis, sie habe kein Gen für Zynismus und auch kein Gen für Pessimismus, sondern suche und sehe das Positive. Einige der Reaktionen auf die Rede und auf ihr aktuelles Buch „Gegen den Hass“ suche und sehe sie allerdings lieber nicht. Denn ob großes Lob oder große Angriffe – beides halte sie für riskant, beides berge „die Gefahr, dass man’s glaubt“. Und das wiederum beschädige in einem Fall die Demut, im anderen das Selbstbewusstsein. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Rede eher im inklusiven Gestus wahrgenommen würde als in einem, der spaltet. Doch das sei „ein Symptom dieser Zeit“.

Unterbrochen wird das zuweilen pointierte Wortgefecht auf dem Podium von Schauspieler Burkhart Klaußner, der aus dem Buch „Gegen den Hass“ liest. „Wollen wir abkürzen?“, fragt Emcke an einer Stelle. „Nein, das ist schön, was jetzt kommt“, setzt Klaußner sich durch. Es sind die Kapitel über Liebe, Hoffnung und Sorge aus dem ersten Teil, der mit „Sichtbar – Unsichtbar“ überschrieben ist. Die Autorin schreibt über Zugehörigkeiten oder Ablehnungen, sie interessieren die Techniken der Projektion.

Sie nehme den Menschen die Selbstetikettierung als ängstlich oder besorgt nicht ab, vielmehr sehe sie eine „seltsame Kombination von Selbstmitleid und Brutalität“. Einiges hätte sich an diesem Ort vertiefen lassen, doch Moderator Detjen leitet über zum „westdeutschen Lebensgefühl“. Das „Verschleppen von ungelösten Fragen wird nicht lange gutgehen“, sagt Emcke, meint aber die Kritik an Europa, „die nicht den Europagegnern überlassen werden darf“.

Der 20. Leipziger Literarische Herbst endet am 1. November. Alle Termine unter www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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