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Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly über Mahler und sein Festival in Leipzig

Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly über Mahler und sein Festival in Leipzig

Gestern Abend eröffneten das Gewandhausorchester, Gewandhauschor, Rundfunkchor Berlin und der MDR Rundfunkchor unter der Leitung Riccardo Chaillys mit der zweiten Sinfonie das Internationale Mahler-Festival in Leipzig, das bis zum 29. Mai einige der besten Orchester der Welt versammelt.

Anlass ist der heutige 100. Todestag des Vollenders der Sinfonie und Wegbereiters der Moderne. Peter Korfmacher sprach darüber mit dem Gewandhauskapellmeister.

 Frage: Mahler war nur knapp zwei Jahre in Leipzig. Warum gibt es ausgerechnet in Leipzig das wichtigste Mahler-Festival dieses Jahres und nicht in New York oder Wien, wo er am Ziel seiner Dirigier-Ambitionen angekommen war?

 Riccardo Chailly: Für mich gibt es drei gute, ja zwingende Gründe: Erstens rechtfertigt die Größe des Genies von Gustav Mahler jede Anstrengung. Zweitens waren diese beiden Jahre äußerst wichtig für seine Entwicklung: Hier wurde er zum Sinfoniker, komponierte er den größten Teil der Ersten, den Beginn der Zweiten, die Wunderhorn Lieder. Hier bearbeitete er Webers Oper „Die drei Pintos“, und seine Zwischenspiele waren die ersten Orchesterwerke Mahlers, die aufgeführt wurden. Er dirigierte in dieser kurzen Zeit mehr als 180 Vorstellungen, hat also auch das Gewandhausorchester geprägt. Und drittens ist dieses Festival auch für Leipzig ungeheuer wichtig.

 Inwiefern?

 An nur 13 Tagen spielen 10 der besten Orchester der Welt seine sinfonischen Werke. Eine solche Dichte finden Sie sonst nur in Luzern oder Salzburg bei den Festspielen. Die meisten der Gastorchester habe ich bereits dirigiert - auch mit Mahler. Auch anders herum wird ein Schuh daraus: Das internationale Interesse ist riesig. So kann die Welt sehen, wie gut das Gewandhaus ist - für mich einer der besten Konzertsäle der Welt.

 Wann ist die Idee zu diesem Festival entstanden?

 Schon seit der Ernennung zum Gewandhauskapellmeister war dies ein sehnlicher Wunsch von mir. Und er traf beim Gewandhausdirektor Andreas Schulz auf offene Ohren. Seine erste Reaktion war nicht das zu erwartende „Kriegen wir nie hin“. Sondern: Gut - wie machen wir das? Denn auch er hatte schon ähnliche Gedanken gehabt.

 Zurück zu Mahlers Leipziger Zeit: Zufrieden war er hier nicht: Sänger und Orchester folgten seinem unbedingten Qualitätsstreben nur unwillig, und das Verhältnis zum Chef Nikisch war kompliziert...

 Die beiden konnten sich wohl nicht leiden. Denn der blutjunge Mahler wollte sofort alles dirigieren, wollte den Ring. Den hat er auch bis einschließlich Siegfried dirigiert - aber nur, weil Nikisch krank war.

 Es gibt viele Zeugnisse, in denen Mahler gegen Nikisch stänkert. Umgekehrt nicht. Hat Nikisch Mahlers Ambitionen gar nicht wahrgenommen?

 Entweder Mahler war für Nikisch ein Niemand. Oder er hat bereits gespürt, was für eine riesige Dirigentenbegabung er da ins Haus bekommen hatte, Konkurrenz also. Aber unabhängig vom Verhältnis der beiden: Nikisch war der erste, der sinfonische Musik Gustav Mahlers im Konzert spielte, hat auch nach seinem Tod den Werken die Treue gehalten. Und Bruno Walter hat schließlich als Gewandhauskapellmeister Leipzig zum Zentrum der Mahler-Pflege gemacht.

 Spielte Leipzig auch als Bachstadt eine Rolle für Mahler?

 Aber natürlich: Bach war für ihn wie ein Erweckungserlebnis. Immer wieder hat er die Partituren studiert, die Thomaner gehört. Aus dieser Beschäftigung entstand seine Bach-Suite. Und die Einflüsse der Musik Bachs auf seine Musik können nicht hoch genug bewertet werden: Die doppelchörige Polyphonie im ersten Teil der Achten zeigt Einflüsse der h-moll-Messe und der Matthäuspassion. Überhaupt ist sein Kontrapunkt unverkennbar an Bach geschult.

 Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes einschneidendes Mahler-Erlebnis.

 Als wäre es gestern gewesen: Es war in den frühen 70ern, ich war Assistent Claudio Abbados. Es gab ein Mahler-Festival in Mailand. Claudio sagte beiläufig zu mir: Heute probt Seiji Ozawa eine Sinfonie Gustav Mahlers, da solltest du dabei sein. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Dann probte Ozawa die Achte - und es hat mich überwältigt. Die Emotionen waren stärker, als ich verkraften konnte. Ich war fix und fertig und habe geweint. Nach der Probe bin ich zu Ricordi gerannt, in den größten Notenladen Mailands, um mir eine Studienpartitur der Achten zu kaufen. Seither hat das Werk mich nicht mehr losgelassen. Die Leipziger Produktion in der nächsten Woche ist bereits meine sechste. Und auch die übrigen Sinfonien haben mich seitdem immer begleitet.

 Viele werfen Mahler ein allzu unbeschwertes Verhältnis zum Kitsch vor. Was sagen Sie dazu?

 Es gibt keinen Kitsch in Mahlers Musik. All das, was an der Oberfläche, oder oberflächlich musiziert, kitschig erschienen mag, wird im Zusammenhang bedeutsam. Gleiches gilt für die ihm immer wieder vorgeworfene Banalität des Materials. Nichts ist banal in seinem Werk, kein Ländler, kein Marsch, kein Walzer, kein Lied-Reflex.

 Mahler war der wohl größte Operndirigent seiner Zeit, und in Wien hat er den Grundstein zur modernen Inszenierungs-Ästhetik gelegt. Er hat aber keine Opern geschrieben. Warum?

 Das ist ein Mysterium. Außer abgebrochenen Projekten und der Pintos-Bearbeitung ist er nicht als Musikdramatiker aktiv geworden. Sein musikdramatisches Vermächtnis ist wohl der zweite Teil der Achten. Theater ohne Szene, vielleicht die logische Fortsetzung Richard Wagners.

 Was, glauben Sie, bleibt, wenn das Festival vorbei ist?

 Ganz konkret zwei DVDs, die von der Zweiten und der Achten produziert werden - Neo Rauch gestaltet die Cover. Vielleicht auch ein tiefer Eindruck von Leipzig. Denn die ganze Welt kann live dabei sein, alle Konzerte werden via Live-Stream übertragen. Und zuletzt: Es mag pathetisch klingen, aber ich verspreche mir von diesem Festival einen Impuls für die Zukunft: Wenn es in Krisen-Zeiten möglich ist, ein solches Festival auf die Beine zu stellen, international ganz vorne mitzuspielen, dann ist beinahe alles möglich.

Peter Korfmacher

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