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Gewandhausorchester und Bostoner Musiker: Austausch, Ausbildung, Mini-Festivals

Nelsons’ transatlantische Großfamilie Gewandhausorchester und Bostoner Musiker: Austausch, Ausbildung, Mini-Festivals

Gewandhausdirektor Andreas Schulz ist zu Besuch in New York. Mit dem designierten Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons und Marc Volpe vom Boston Symphony Orchestra sprach er über gemeinsame Pläne für die Zukunft.

Blicken optimistisch in eine gemeinsame Zukunft: Christoph Wolff, Mark Volpe, Andris Nelsons und Andreas Schulz in den Katakomben der New Yorker Carnegie Hall.

Quelle: Dirk Steiner

Leipzig/ New York. „Eigentlich“, sagt Andris Nelsons und lächelt verklärt in den neobarocken Pomp des feinen Plaza-Hotels am New Yorker Centralpark, „hat es schon angefangen, damals, im Mai des letzten Jahres“. Da war der designierte Gewandhauskapellmeister mit seinem Boston Symphony Orchestra im Gewandhaus. Und obwohl das US-Orchester, das er seit 2014 leitet, aus tourtechnischen Gründen in Dresden logierte, verbrachten die Musiker jede freie Minute in Leipzig. Gewandhausdirektor Andreas Schulz seufzt in wohliger Erinnerung: „Das war wunderbar: Unsere Musiker haben für die Kollegen aus Boston eine Fahrradtour durch Leipzig und Umgebung organisiert.“ Und sein Bostoner Kollege Mark Volpe ergänzt: „Ja – ein großer Familienausflug.“

„Familie“ – das Wort fällt häufig an diesem verregneten Abend in New York. Nelsons und die Bostoner sind für drei Konzerte mit Programmen zwischen Wiener Klassik und Gubaidulina in der Carnegie Hall. Und seine sinfonische Patchwork-Familie nutzt die Gunst der Stunde, die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen über ihre gemeinsamen Pläne. So laden also Familienoberhaupt Nelsons, die Intendanten-Onkel Schulz und Volpe sowie Ex-Bach-Archiv-Direktor und Harvard-Professor Christoph Wolff, der das gemeinsame Familienleben kuratiert, zwei Tage lang Journalisten aus den USA und aus Deutschland zum Gespräch über diese transatlantische Kooperation.

Die ist, das allerdings sagt hier niemand, zunächst einmal zufälliges Ergebnis des Umstandes, dass Nelsons ab März 2018 Chef beider Orchester ist. Aber Volpe und Schulz betonen wie aus einem Mund, dass alles andere alles andere als zufällig sei. Volpe: „Diese Zusammenarbeit ist nicht vom Marketing getrieben, sondern inhaltlich.“ Schulz: „Wir nehmen die Verpflichtung durch die Geschichte ernst und werden aus den unterschiedlichen Traditionen eine gemeinsame Zukunft bauen.“

Tatsächlich sind die Klangkörper seit der Gründung der Bostoner 1881 so oft so eng verbunden gewesen, dass es nachgerade danach schreit, diese Verbindung weiterzuführen und zu institutionalisieren: Gründungs-Chefdirigent des US-Orchesters, dessen Proben bis zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg auf Deutsch abgehalten wurden, war George Hentschel – ein Leipziger Gewächs. Ebenso Charles Münch, der die Bostoner von 1949 bis 1962 leitete. Das zweite Gewandhaus stand der Boston Symphony Hall Modell, der Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch Nelsons Doppeldirektion auf beiden Seiten des Atlantiks ...

Ausgerechnet hinter dem wohl spannendsten Teil der künftigen Zusammenarbeit stehen indes noch Fragezeichen: Beim Austausch von Musikern gibt es Probleme. Denn steuer- und arbeitsrechtlich ist der Abstand zwischen Alter und Neuer Welt ziemlich groß. So wird es wohl nichts mit dem bis zu neunmonatigen Austausch. Schulz: „Drei Monate werden wohl die Obergrenze werden“ – aber immerhin ist Volpe sicher: „Die rechtlichen Resthindernisse werden wir ausräumen.“ Mit Nelsons Amtsantritt könnten die ersten Musiker die jeweils andere Welt erkunden, die Bostoner profitieren von der Vielseitigkeit der Leipziger, die nicht nur im Gewandhaus, sondern auch in Oper und Thomaskirche ihren Dienst versehen, und die Leipziger von den Bostonern, die neben dem Symphony auch im Pops Orchestra spielen und in Tanglewood eines der spannendsten Musik- und Lehr-Festivals der Welt stemmen. Interessierte Musiker, betonen Schulz und Volpe, gebe es zuhauf. Allerdings wird es trotzdem nicht leicht, gleichzeitig Bediener gleicher Instrumente zum Atlantikflug zu bewegen, was den Austausch sehr viel einfacher machen würde.

Tanglewood steht auch im Zentrum des nachhaltigsten Teils der Zusammenarbeit. Und der ist in trockenen Tüchern: Hier geht es um die „Internationale Ausbildung für Orchestermusiker, Dirigenten und Komponisten“. Konkret können Mitglieder der Mendelssohn-Akademie von Gewandhausorchester und hiesiger Hochschule für Musik und Theater allsommerlich für acht Wochen in die Elite-Schmiede der Tanglewood-Akademie, der Größen wie Leonard Bernstein, Claudio Abbado, Seiji Ozawa oder Yo Yo Ma wesentliche Impulse für ihre Weltkarrieren verdanken. Die wiederum schickt Dirigenten an die Pleiße, wo sie Nelsons bei der Arbeit mit dem Gewandhausorchester assistieren, sowie neue Werke von Tanglewood-Komponisten und solchen aus Leipzig aus der Taufe heben.

Fürs Publikum dürfte die dritte Säule der Zusammenarbeit die interessanteste sein: Mindestens einmal pro Spielzeit lädt Leipzig zur Boston- und Boston zur Leipzig-Woche, zu Mini-Festivals, in deren Zentrum Orchesterprogramme stehen, die das Kernrepertoire des jeweils anderen Partners abbilden. So stehen bei der ersten Leipzig-Woche bereits vor Nelsons Amtsantritt in der Symphony Hall Werke von Bach, Schumann, Mendelssohn und die Uraufführung eines gemeinsamen Auftragswerks von Sean Shepherd an, sowie im November 2018 Bachs Weihnachtsoratorium. In Leipzig wiederum dirigiert Nelsons im Juni 2018 Werke von Strawinsky, Carter, Copland und Bernstein, und im September 2018 steht Bartók auf dem Spielplan und die europäische Erstaufführung des Shepherd-Werkes.

Tatsächlich ergänzen sich die traditionellen Repertoire-Schwerpunkte der Orchester-Geschwister perfekt. Wolff: „Das Gewandhausorchester war das Uraufführungsorchester des 19. Jahrhunderts, das Boston Symphony Orchestra übernahm diese Rolle im 20.“ Was für die Festival-Wochen bedeutet: Leipzig speist in Boston die große Romantik von Beethoven über Mendelssohn, Schumann, Brahms, Bruckner, Mahler ein, Werke, die dort im Spielplan ihren festen Platz haben, während die Leipziger vermehrt Bekanntschaft machen dürfen mit der klassischen Moderne Strawinskys, Bartóks, US-Komponisten wie Bernstein, Carter, Copland, Schuller, vielen Franzosen – mit einem Repertoire also, das am Augustusplatz ziemlich stiefmütterlich behandelt worden ist.

Das scheint angesichts der Moderne-Ablehnung vieler Anrechtler ein wenig riskant. Aber Nelsons ist sich sicher, dass es ihm gelingen wird, die Neugier zu entfachen: „Mir geht es“, sagt er, „nicht um Erziehung, um Pädagogik oder Belehrung. Mir geht es um Leidenschaft. Ich dirigiere Musik, die ich liebe, und ich hoffe, dass ich mit dieser Liebe das Leipziger Publikum anstecken kann. Dazu werde ich versuchen, mit den Leuten in einen Dialog zu treten, zu erklären, zu vermitteln, zu überzeugen.“

Diese Überzeugungsversuche werden flankiert von Kammermusik, Vorträgen, Symposien, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Filmen. Wolff: „Die Wochen sind nicht so gebaut, dass sie nur aus diesem Anlass sinnvoll erscheinen. Sie würden immer und überall funktionieren. Aber mit der Fokussierung wird deutlich, wie beispiellos wichtig diese beiden Städte für die Entwicklung der Musik waren und sind.“

In Boston und Leipzig wurden genug höchstrangige Werke uraufgeführt, um damit weit mehr als die Leipzig- und Boston-Wochen zu füllen, die in den fünf Jahren anfallen, über die Nelsons Leipziger Vertrag läuft. Überhaupt hat die Kooperation seiner Orchester mehr Potenzial, als in dieser Zeit zu heben ist. Offiziell hält sich jeder zurück, bevor der Nachfolger Riccardo Chaillys – dessen Vorgänger Herbert Blomstedt übrigens zeitgleich zum Nelsons-Gespräch im Plaza im Lincoln Center bei den New Yorker Philharmonikern am Pult steht, deren Chef sein Vorgänger Kurt Masur einst war – sein Amt überhaupt angetreten hat. Aber in seinem Gesicht wie in den Minen von Andreas Schulz und Mark Volpe ist zu lesen, dass die drei bereits in größeren Zeiträumen denken.

Die politischen Signale stehen derzeit nicht auf transatlantische Eheschließungen. Davor verschließt niemand die Augen während dieses Gesprächs im Plaza-Hotel – nur einen Steinwurf entfernt vom Trump-Tower auf der anderen Seite der Fifth Avenue. Andris Nelsons findet, dass gerade er als Lette „ein Zeichen setzen muss, weil internationale Zusammenarbeit in diesen Zeiten wichtiger ist denn je“. Andreas Schulz ist sicher, „dass Musik stärker ist als Politik. Das Gewandhausorchester hat in den fast 300 Jahren seines Bestehens viele Systeme kommen und gehen gesehen – wir haben sie alle überlebt.“ Und Volpe merkt nüchtern an: „In schweren Zeiten sind zwei Dinge für die Menschen besonders wichtig: die Musik und die Familie.“ Wie könnte man sich darauf besser einstellen als in einer musikalischen Großfamilie auf zwei Kontinenten.

Von Peter Korfmacher

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