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„Gewonnene Illusionen“ – Leipzig-Hype auf der Theaterbühne

Schauspiel-Premiere „Gewonnene Illusionen“ – Leipzig-Hype auf der Theaterbühne

Am Schauspiel feiert in Koproduktion mit copy & waste „Gewonnene Illusionen“ Premiere – ausgehend von Balzacs Protagonisten Lucien aus, der Teil der Pariser Boheme werden will, landet die Inszenierung in Hypezig.

„Gewonnene Illusionen“ – Spiel mit Sehnsuchtsorten und dem Leipzig-Hype am Schauspiel.

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig. Schauen wir doch mal rein, sagt Barnabas Bartosz. Schon stürzt sich auf den Leinwänden des im Rangfoyer des Schauspielhauses untergebrachte Fernsehstudios ein Kostüm-Film mit künstlerischer Unschärfe in eine vergangene Epoche. Melancholischer Blick, hochgeschlagener Mantelkragen, so streift Lucien durchs Grün, bis sich im Hintergrund das Völkerschlachtdenkmal ins Bild drängelt. Was dort, bei allem Respekt, einfach nichts zu suchen hat, weil Lucien durch das Paris der 1820er Jahre spaziert in der Verfilmung von Honoré de Balzacs „Verlorene Illusionen“. Filmfetzen und Studioausstattung deuten schon an, wie ironisch verspielt und gleichzeitig besessen detailverliebt sich „Gewonnene Illusionen“ präsentiert. So wiederum heißt die Koproduktion von Schauspiel Leipzig und dem Theaterkollektiv copy & waste, die am Sonntagabend im Schauspielhaus Premiere feierte.

Regisseur Steffen Klewar und Autor Jörg Albrecht legen ausgehend von Balzacs Klassiker Buch, Film, Theater und ein Schnipsel Fake-Reality-Performance aufwendig übereinander, um zum eigentlichen Ziel durchzudringen: dem Leipzig-Hype. Das ist das Großthema der auf drei Produktionen angelegten Koproduktion „Ceci n’est pas une Hype“, die im April mit einem Audio-Walk durch Reudnitz als Kulisse für eine fiktive Erzählung eingeleitet wurde.

Leipzig reitet eine Welle

„Gewonnene Illusionen“ nun geht von Balzacs Protagonisten Lucien aus, der von den Versprechungen Paris’ angelockt als Dichter Teil der Boheme zu werden trachtet. Aufstiegswünsche, die sich im intriganten Milieu nicht erfüllen. Die Stadt zunächst als Sehnsuchtsort, dann die platzende Blase der Illusion, diese Folie lässt sich aus „Gewonnene Illusionen“ abstrahieren und vom Paris vor 200 Jahren auf das heutige Leipzig legen. Was, um das Phänomen der lockenden Stadt zu verallgemeinern, gut funktioniert – trotz mangelnder Kongruenz. Paris schließlich hat das Narrativ vom Sehnsuchtsort als globale Marke quasi patentiert. Leipzig hingegen reitet eine Welle. Und Wellen sind dynamisch, kurzlebig und drohen über einem zusammenbrechen. Was also kommt zu auf Leipzig?

Die Frage hätte spannendes Experimentierfeld werden können für „Gewonnene Illusionen“. Lässt sich die Entwicklung steuern? Lässt sich das Image beeinflussen? Gibt es einen Ausweg aus den der Marktlogik folgenden Prozessen? Wird aus dem „Better Berlin“ zwangsläufig ein, sagen wir, „Worse Munich“: poliert, saturiert aber ohne Alpennähe? Die Inszenierung macht es sich nicht zur Aufgabe, Visionen durchzuspielen. Überraschendes Futter für die längst aktivierte Debatte über die Schattenseiten des Hypes findet sich kaum.

Auf dem Weg zum Homo oeconomicus

Die Stoßrichtung ist eine andere. Viel Wert legt die Inszenierung auf eine bunt ausgemalte Symptombeschreibung des Hypes, auf Ausblicke entlang der bekannten Entwicklungslinien vom Ausverkauf der Stadt als Filmkulisse bis zu hoffnungsfrohen Individuen, die als Luciens des 21. Jahrhunderts als prekäre Ich-AGs landen. Lohnenswert wird die Inszenierung durch einen eindrücklichen Kontrast, einen unerwarteten Blickwinkel.

Denn die Hype-Symptome lösen sich auf in der Zeitlosigkeit, werden gespiegelt im ewigen Fluss der Dinge, in der Evolution, die fast kontemplativ auf der Hinterbühne Gestalt gewinnt. Florian Steffens taucht zu Bassgewummer aus dem bläulich illuminierten Pfuhl auf der Drehbühne auf, tanzt den Weg vom Wasserwesen zum Homo oeconomicus. Die Menschheit trifft mit der wie im Ufo einschwebenden Polis (Julia Preuß) auf die Evolution. Und die Frage kreist im dunklen Raum, welche Entwicklungen denn nun als Erfolg zu verbuchen sind.

Wer alle Bedeutungsebenen und Analogien des Abends sortieren will, macht sich auf einen fast dreistündigen Weg durch das Haus. Im großen Saal sorgen Popcorngeschnurpsel und Großleinwand für Kinoatmosphäre, es läuft „Verlorene Illusionen“. Jene fiktive Erfolgsserie, die zeitgleich in der ebenso fiktiven TV-Show „Kulturm“ im Rangfoyer von einem Quartett diskutiert wird. Im bewusst hölzern imitierten Studio-Talk verstecken sich zwischen Satzblasen die zielführende Gedanken.

Schriftstellerin Naomi Schimmerberg (Anna Rot) sagt über Lucien: „Er schaut aus wie ein Poet, also ist er ein Poet.“ Veronica Xylander (Julia Berke) vom Stadtmarketing Leipzig begründet den Erfolg der Serie mit der Kulisse Leipzigs. Kurz: Es geht in der als Persiflage auf Plexiglas geführten Debatte um Schein, um Fassade, um Zuschreibungen, nicht um den Wesenskern. Die Stadt lebt von ihrem Image – und höhlt sich innen aus. Aktivistinnen stören die Debatte. Man kennt sie schon: Sie hatten vor dem Schauspiel Flyer gegen den Ausverkauf der Stadt verteilt. So greifen die Spielebenen ineinander.

Bis ins feinste Detail

Stadt selbst wiederum imitiert das Parkettfoyer mit bis ins feinste Detail ausgearbeitetem Tattoo-Shop, Kino, Reisebüro oder Casino. Das Publikum wird als Freund begrüßt, aber nur als Konsument geschätzt. Es erkundet die Räume selbstständig, tritt ins Gespräch mit den Händlern. Man erfährt: die Mieten steigen. Ob Talk oder Konsum, hier werden Alltagserfahrungen gespiegelt, kapitalistische Auswüchse verdichtet, mitunter pointiert verzerrt.

Wer das Glück hat, vom Talk in die Schöpfungsgeschichte und von dort in die Shopping-Mall zu gelangen, erlebt einen gelungenen dramaturgischen Bogen, wirkungsvolle Fallhöhen in einem handwerklich eindrucksvoll gebauten Abend. Das ist aus organisatorischen Gründen nicht jedem vergönnt, das Publikum spaziert in drei Touren durchs Haus. Zusammen landen im Finale alle im großen Saal. Denis Petkovic hebt an zum atemlosen Monolog, dem man atemlos folgt, auch wenn das Wortgespinst sich auf verwirrende Pfade begibt. Letztlich reißt es zeitliche und örtliche Grenzen ein, es rankt sich ausgehend vom Völkerschlachtdenkmal um Sieger und Besiegte, um Geschichtsschreibung, um die „Blessierten“ und die „Blasierten“, die sich über sie erheben.

Es geht um Symbole und die Macht, ihre Bedeutung festlegen zu dürfen. Und dann, als der eiserne Vorhang den Blick freigibt, steht eine Art Quadriga auf der Bühne, bevölkert von einer Kinderschar stumm und uniform in Schwarz, gezogen von einem in Gold getauchten Löwen, die Lanze im Rücken. Ist das Wappentier tot oder gleich die ganze Stadt? Welche Helden haben die Lanzen geschleudert? Greift das König-Midas-Thema, erstickt eine Stadt, weil alles zu Gold wird? Die Einladung zur großen Deutungsparty steht am Schluss. Und während man das Haus verlässt, kann man sich ja mal fragen, ob auch eine Stadt am Paris-Syndrom erkranken kann.

Kommende Aufführungen: 20./22. Okt., 14./15. Nov., 19.30 Uhr, Schauspiel; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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