Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Gezeichneter Protost in der GfZK: Krumme Linien der aufrechten Haltung

Gezeichneter Protost in der GfZK: Krumme Linien der aufrechten Haltung

Den Protest zeichnen - der Titel impliziert Fragen. Wessen Protest wogegen? Und warum ausgerechnet Zeichnen im angefangenen Jahrhundert der Smartphones und sich an Megapixelzahlen immer weiter übertreffender Minikameras? Die von Olga Vostretsova als Gast kuratierte Ausstellung in der Galerie für Zeitgenössische Kunst gibt einige Antworten.

Voriger Artikel
Monoton wie eine Salzwüste: Schleppende Premiere von "Ich, Feuerbach" in der Nato
Nächster Artikel
Physikalische Erlösungsfantasie: Wilfried Schmickler bei der Lachmesse in Leipzig

Zeichnungen als Protestform: Arbeiten von Victoria Lomasko und anderen Künstlern in der Galerie für Zeitgenössische Kunst.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Der Mann mit grauer Schapka drückt das Kreuz durch und stellt sich in Positur, als die junge Frau mit der ausgefransten Frisur anfängt, ihn zu zeichnen inmitten einer winterlichen Demonstration gegen Putin. Ob man seine tatarischen Wurzeln erkenne, fragt er. Und dann: "Kennen Sie die Grafikerin Lomasko?" "Ja, das bin ich." Er kann es kaum glauben.

 Es ist nicht diese Art von Bekanntheit oder gar Berühmtheit, die Viktoria Lomasko antreibt, stundenlang bei eisiger Kälte mit dem Skizzenblock in der Hand Impressionen von den Moskauer Protesten gegen das immer autoritärer auftretende Regime Putins einzufangen. Sie sieht sich selbst als Teil der Bewegung, sagt in dem Video aber auch, dass die Gesichter der Leute sie mehr interessieren als die Reden auf der Tribüne.

 Die Arbeitsweise mutet zutiefst altmodisch an. Mit Stift und Papier aktuelle gesellschaftliche Ereignisse einfangen ist heute eigentlich nur noch bei Gerichtsprozessen üblich, wo häufig keine Kameras zugelassen sind. Die Revolten der letzten Jahre und Monate sind doch gerade durch die herausgehobene Rolle von digitalen und vernetzten Medien gekennzeichnet, wo Fotos und noch mehr Videos mit O-Ton fast in Echtzeit weltweit ein Gefühl des Dabeiseins schaffen. Während in der arabischen Welt von Facebook-Revolutionen gesprochen wird, gehen im alten Europa junge Leute mit solch verstaubten Instrumenten wie dem Skizzenheft auf die Straße.

 Neben der Russin Lomasko wird in der Ausstellung der Spanier Enrique Flores als solch ein anachronistischer Chronist vorgestellt. Er war und ist bei den Massendemonstrationen und Protestcamps in Madrid dabei.

 Die Zeichnungen der beiden Künstler sind nicht zu verwechseln, haben aber einiges gemein. Vor allem ist es die Unmittelbarkeit, die Ähnlichkeiten schafft. Für detaillierte Ausarbeitungen bleibt nicht die Zeit. Mit sparsamen, aber sicheren Strichen zeichnen beide die Teilnehmer der Kundgebungen und ihre Gegner, charakteristische oder besonders ausgefallene Slogans, Andeutungen der urbanen Umgebung. Hinzu kommen dann eigene Kommentare und Notate zu Fakten.

 Für beide ist es als Angehörige einer Generation von "digitally natives" kein Widerspruch, dass manche ihrer Handzeichnungen nicht nur in gedruckten Medien erscheinen, sondern auch im Internet. Was ihre Skizzen aber von der Flut von Fotos und Videos der gleichen Ereignisse unterscheidet, ist die Betonung des Subjektiven.

 Dem Lichtbild haftet trotz aller Aufklärung über seine manipulativen Potenzen immer noch der Charakter eines Dokumentes an. Künstler wie Flores und Lomasko verzichten ganz bewusst auf die Vortäuschung von aktenkundiger Objektivität. Sie wählen aus und destillieren, bringen auf selbstverständliche Weise Dinge zusammen, wie es auf einem Foto nur die Bearbeitung am Computer ermöglicht. Im Unterschied zu manchen politischen Aktivisten, die ihre Taten schon für Kunst halten, passiert hier tatsächlich eine Reflexion und Überhöhung.

 Der Ausstellung eingeschoben ist ein Teil mit Arbeiten von Studenten der HGB, die sich in einem Workshop mit Dan Perjovschi dessen Vorgehensweise angenähert haben. Der Rumäne ist für seine lakonischen Ideogramme bekannt. Bei einer weiteren Reduktion des technischen Aufwandes und partiellen Annäherungen an die Streetart geht es auch hier um politische Aussagen. Doch sie sind von globalerer, damit recht abstrakter Art, erschöpfen sich manchmal in reinen Wortspielen oder Symbolen. So wird in der von Perjovschi selbst beigesteuerten Zeichnung das Molotow-Cocktail von 1968 zum zeitgemäßen iPhone.

 So spielerisch, amüsant und manchmal auch radikal diese Arbeiten sind, es fehlt ihnen jener Charakter des "embedded artist", den Lomasko und Flores vermitteln. Der kann natürlich auch den Preis der Erfahrung einer Vergeblichkeit haben. Nicht nur im Rückblick, auch schon vor Ort. Eine alte Frau sagt zu Viktoria Lomasko, dass die Demo doch nichts ändern werde, die Russen würden immer lammgeduldig auf bessere Zeiten warten. Doch sie bringt den Leuten leckere Buletten und Piroggen zur Stärkung. Trotzdem!

Drawing Protest

: Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11; bis 19. Januar 2014, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.10.2013

Jens Kassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr