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Gisela Oechelhaeuser: „Mich macht vieles verzweifelt“

Kabarett-Premiere in der Funzel Gisela Oechelhaeuser: „Mich macht vieles verzweifelt“

Eigentlich sollte Schluss sein mit neuen Kabarettproduktionen: Nun aber präsentiert Gisela Oechelhaeuser (71) doch ein neues Solo. „Selber schuld“ ist am 24. November als Voraufführung und am 25. als Premiere in der Leipziger Funzel zu erleben. Über gesellschaftliche Herausforderungen und ihre Haltung zur Stasi-Vergangenheit sprachen wir ihr.

Stammgast in der Leipziger Funzel: Gisela Oechelhaeuser.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Eigentlich sollte Schluss sein mit neuen Kabarettproduktionen: Nun aber präsentiert Gisela Oechelhaeuser, seit über 40 Jahren auf der Bühne, doch nochmal ein großes neues Solo. „Selber schuld“ ist am 24. November als Voraufführung und einen Tag später als Premiere in der Leipziger Funzel zu erleben. Über das erneut von Autor Philipp Schaller geschriebene Stück, über gesellschaftliche Herausforderungen und ihre Haltung zur Stasi-Vergangenheit sprachen wir mit der 71-jährigen Künstlerin.

Sie hatten nicht vor, noch mal ein neues Solo-Programm zu machen. Wer oder was hat Sie umgestimmt?

Das Alter hat den Vorzug, dass man mehr Sachen zu Ende denken kann. Der Wille wird größer, keine Gefangenen mehr zu machen, Dinge auf den Punkt zu bringen – auch bei mir. Das hat den Ausschlag gegeben, auch mit künstlerischen Folgen: Es gibt keine meiner eingespielten Figuren mehr.

Warum nicht?

Durch die Figur der 99-jährigen Frau Müller konnte ich geschützt Sachen zuspitzen, ohne Rücksicht aufs Publikum nehmen zu müssen. Jetzt möchte ich das selbst tun, als 71-jährige Kabarettistin, die Fragen stellt.

Welche Fragen sind das?

Wenn ich für Krieg bin, muss ich dann für Drohnen sein? Will ich mich in die Vergnügungssucht stürzen, will ich aufs Kreuzfahrtschiff und mir das Fett absaugen lassen oder bin ich bereit, über die Reling hinaus die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer wahrzunehmen? Was passiert, wenn ich Verantwortung übernehme? Oder ist es besser, in meiner Gummizelle zu bleiben und schwierige Themen auszublenden? Da tut es nicht mehr weh, man hat allerdings auch keine Orientierung mehr und landet irgendwann bei Helene Fischer. Das ist auch eine Art Drohne, eine menschliche.

Die Fischer scheint nach Heesters und Silbereisen als Feindbild von Kabarettisten Mode zu werden...

Sie ist perfekt, und das ist das Schlimme. Als ich Udo Jürgens zu seinem 80. Geburtstag im Fernsehen zugehört habe, sprach da ein leidenschaftlicher Künstler, der Fragen sucht und stellt und der einen berühren kann. Fischer stellt keine Frage, bei ihr amüsiert man sich einfach zu Tode.

Angst spielt in „Selber schuld“ eine große Rolle.

Ja. Angst, weil durch Zweifel daran, dass wir als Gesellschaft der bevorstehenden Veränderung gewachsen sind. Durch das Abkommen von Dublin hat man geglaubt, man habe seine Ruhe. Jetzt sind die Flüchtlinge da, und das kann auch eine Bereicherung sein. In „Selber schuld“ geht es übrigens nicht darum, sich auf eine Seite zu schlagen. Ich erhebe keine Anklage, sondern es geht um das Kunststück einer aggressiven und gleichzeitig gelassenen Feststellung. Das ist böse und wird gleichzeitig sehr unterhaltsam.

Sie sind in Ostpreußen geboren, Ihre Familie musste 1945 fliehen. Fühlt man sich denen, die nun nach Deutschland kommen, stärker verbunden als andere?

Für mich war die harte, unmittelbare Nachkriegserfahrung prägend. Ich habe meinen Enkeln gesagt: Wenn es nichts zu essen gäbe, würde ich mit ihnen dahin gehen, wo es etwas gibt – und dafür auch viel auf mich nehmen. Das ist nur logisch.

Generiert die aktuelle Lage die Verpflichtung für möglichst politisches Kabarett?

Unbedingt, aber unterhaltend und dennoch nicht mit einer der Zielstellung, breiten Konsens herzustellen. Wenn das Publikum denkt: „Die hat recht, früher war alles besser“ – sowas will ich nicht, auch sowas macht mir Angst.

Sie leben schon lange in Berlin – warum finden Ihre Premieren immer in der Leipziger Funzel statt?

Berlin ist unglaublich groß, es gibt jeden Tag ein paar tausend Veranstaltungen. In Leipzig hat mein Kabarettleben begonnen, ich fühle mich dorthin gezogen, ich habe in der Funzel mein Publikum und mache dort immer schöne Erfahrungen.

Sie sind regelmäßig in Leipzig – gibt es noch eine Art Sehnsucht nach den Academixern, wo sie immerhin in den 80er Jahren Geschichte mitgeschrieben haben?

Ich habe Kontakt zu Katrin Hart und ihrer Tochter Elisabeth und schaue mir auch deren Programm an. Die Academixer sind andere geworden, deshalb gibt es keine enge Verbindung mehr dorthin. Außerdem hab ich ein Jahr geheult, als ich von den Mixern weg musste, da war ich gezwungen, einen Strich zu ziehen.

Warum mussten Sie weg?

Weil mein damaliger Mann Dietmar Keller als stellvertretender Kulturminister in Berlin antrat. Da musste ich halt mir, es war furchtbar.

In einem Interview haben Sie gesagt, Sie haben im Erleben zweier Systeme unter Schmerzen herausfinden können, dass Sie sich treu geblieben sind. Können Sie diese Schmerzen beschreiben?

Treu in der Risikobereitschaft, mich Neuem gegenüber zu öffnen. Mir war immer wichtig, meine Fragen auf den Tisch zu legen und die Antworten auszuhalten, und das kann schmerzhaft sein. Ich weiß, die Unterschrift als IM scheint das Gegenteil zu beweisen, dessen bin ich mir bewusst.

Sie waren IM von 1976 bis 79, 1990 wurde das bekannt. Kämpfen Sie noch mit sich oder haben Sie ihren Frieden damit gemacht?

Weder das eine noch das andere. Ich zitiere meinen Freund, den Schriftsteller Christoph Hein, der an seinem 70. Geburtstag meinte: „Wenn ich an mein Leben in der DDR denke, sagt meine Erinnerung: Das bin ich gewesen. Mein Stolz sagt: Das kann ich nicht gewesen sein. Irgendwann gibt die Erinnerung nach.“ Ich tue gut daran, die Erinnerung wach zu halten, dass ich aus Leichtfertigkeit und Überheblichkeit heraus dachte, etwas beeinflussen zu können. Eine sehr schmerzliche und traurige Erfahrung. Aber man kann trotzdem leben und lachen. Das Eingeständnis ist der Schlüssel dafür, dass ich Luft holen kann.

Macht das Alter Sie zornig oder weise?

Mich macht vieles verzweifelt. Als junge Frau habe ich geglaubt, dass es keinen großen Krieg mehr geben wird. Als 71-Jährige sage ich mit Heiner Müller: „Die Enden sind offen.“

Wie gehen Sie damit um?

Mit praktischer Ablenkung im Alltag. Ich spiele mit meinen Enkeln, ich höre Musik, ich koche. Oder ich mache Kabarett.

Das Textbuch stammt erneut von Philipp Schaller. Haben Sie dieselbe Weltanschauung?

Ja, es ist derselbe Blick. Wir sind auch privat mit unseren Familien viel zusammen. Philipp stellt gerade viel Kultur in Flüchtlingsheimen auf die Beine. Wir telefonieren ständig und reden darüber, wie wir leben müssen und wollen. Wenn die mich bei der Distel nicht rausgeschmissen hätten, hätte ich die wichtigsten künstlerischen Arbeiten wohl nicht gemacht.

Interview: Mark Daniel

„Selber schuld“-Aufführungen am 24. und 25. November, jeweils 20 Uhr, in der Leipziger Funzel; Kartentelefon 0341 9603232.

Von Mark Daniel

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