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Glanz mit Kratzern – Suhrkamp-Verlag wird 60

Glanz mit Kratzern – Suhrkamp-Verlag wird 60

Jahrzehntelang lieferten die regenbogenfarbenen Bändchen aus Frankfurt das geistige Futter für Westdeutschlands Intelligenz. Jetzt wird der Suhrkamp Verlag 60 Jahre alt.

Berlin. Doch nicht mehr alles läuft so glänzend wie in der Vergangenheit. Die berühmtesten Schriftsteller der Nachkriegszeit fanden dort ein geistiges Zuhause. In letzter Zeit bröckelte das Image des Traditionshauses.

"Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten." So schrieb Bertolt Brecht 1950 an Peter Suhrkamp. Kurz darauf gründete der leidenschaftliche Büchermacher in Frankfurt/Main den nach ihm benannten Verlag – eine beispiellose Erfolgsgeschichte begann. Kein anderes Buchhaus hat die literarische, vor allem aber die gesellschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik so stark geprägt wie Suhrkamp.

Jubiläum und Zäsur

Die berühmtesten Schriftsteller der Nachkriegszeit – neben Brecht auch Hermann Hesse, Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson – fanden hier ein geistiges Zuhause. Aus dem Ausland sind Größen wie Samuel Beckett, James Joyce oder Marcel Proust vertreten. Und die Autoren der „Frankfurter Schule“, allen voran Theodor W. Adorno und später Jürgen Habermas, stießen mit ihren Aufklärungstheorien die Revolution der 68er-Generation an. Insgesamt sind 12 Nobel- und 28 Büchnerpreisträger unter den Suhrkamp-Autoren.

Am  1. Juli jährt sich die Verlagsgründung zum 60. Mal. Der Verlag hat in seinem Jubiläumsjahr bereits eine tiefgreifende Zäsur hinter sich: Im Januar zog Verlegerin Ulla Unseld-Berkiéwicz, die Witwe des langjährigen zweiten Firmenpatriarchen Siegfried Unseld, mit dem traditionsreichen Unternehmen vom Main an die Spree – gegen heftigen Widerstand aus der Belegschaft.

Nach jahrelangen internen Machtkämpfen erhoffte sich die frühere Schauspielerin und Autorin ("Jakob stirbt") von Berlin einen Neuanfang. „Die Straßen der Hauptstadt sind breiter,...dort kann man vielleicht sogar ein Stück weit aufrecht gehen und geradeaus“, sagte die pressescheue Verlagschefin in einem ihrer wenigen Interviews.

Der 60. Geburtstag soll in Berlin gleich doppelt gefeiert werden

Am 28. August richtet der Verlag das traditionelle Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) aus, am 28. September gibt es nach der Verleihung des Siegfried-Unseld-Preises eine Jubiläumsfeier im Roten Rathaus. Nach dem fulminanten Einstandsfest im Januar wird die Teilnehmerliste ein wichtiger Seismograph für die Stimmung nach dem umstrittenen Umzug sein.

Denn der Verlag lebt bis heute von der engen Beziehung zu seinen Autoren. „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren“, war schon das Motto von Verlagsgründer Suhrkamp. Der Bauernsohn und studierte Germanist hatte bis 1944 den in Deutschland verbliebenen Teil des S.Fischer Verlags in Berlin geleitet, ehe er von der Gestapo verhaftet wurde und ins KZ Sachsenhausen kam.

Nach dem Krieg erhielt Suhrkamp die erste Verlagslizenz der britischen Militärregierung, überwarf sich aber später mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Verleger Gottfried Bermann Fischer. Unterstützt von Hermann Hesse rief er seinen eigenen Verlag ins Leben – 33 der 48 früheren S.Fischer-Autoren folgten ihm.

1951 stieß Lektor Siegfried Unseld dazu, der nach dem Tod des Gründungsvaters 1959 die alleinige Verlagsführung übernahm und die vielgerühmte "Suhrkamp-Kultur" weiter pflegte: Unzählige Autoren hat er mit literarischem Gespür entdeckt und jahrelang gefördert. Mehr als 10.000 Titel hat das Haus mit heute 142 Mitarbeitern in seinen verschiedenen Reihen inzwischen herausgebracht.

Bibliothek in Regenbogenfarben

Neben der "Bibliothek Suhrkamp" mit den Klassikern der Moderne wurde besonders die in allen Regenbogenfarben leuchtende "edition suhrkamp" als Bibliothek der Avantgarde seit 1963 zum Markenzeichen. Zur Verlagsgruppe gehören auch der Inselverlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der Verlag der Weltreligionen.

Nach der Wende begann der Glanz des Hauses zu verblassen, dafür sorgten Machtkämpfe und Familienstreit immer wieder für Schlagzeilen. 2002 übernahm nach dem Tod des mächtigen Firmenpatriarchen Unseld dessen fast 25 Jahre jüngere zweite Frau Unseld-Berkéwicz das Regiment. Eine juristische Dauerfehde mit dem bereits vom Vater entmachteten Unseld-Sohn Joachim folgte, mehrere Geschäftsführer wurden verschlissen.

Erst 2009 ließ sich Unseld junior aus dem Verlag herauskaufen – und machte damit auch den Weg für den Umzug nach Berlin frei. Seither hält die "schöne Witwe" 61 Prozent an Suhrkamp, die Medienholding AG Winterthur 39 Prozent. Das Dauerdrama schadete nicht nur dem Renommee des Hauses, sondern vergraulte auch manchen Autoren. Schriftsteller wie Martin Walser, Adolf Muschg und der Österreicher Norbert Gstrein kehrten Suhrkamp den Rücken und wechselten zur Konkurrenz.

Der mehrfach ausgezeichnete Gstrein ("Das Handwerk des Tötens") macht dem Verlag ein eher ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk: Mitte August erscheint bei Hanser sein neuer Roman "Die ganze Wahrheit". Hauptfigur ist – hört! hört! – die Witwe eines bekannten Verlegers, die als theatralisch und mit einem Hang zur schwarzen Magie gezeichnet wird. Das Buch, sagte Gstrein kürzlich bei einer Lesung in Berlin, erinnere "gewollt an eine Konstellation im Suhrkamp Verlag".

Nada Weigelt, dpa / hog

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