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Glücklicher Glücklichmacher

Plácido Domingo feiert 75. Glücklicher Glücklichmacher

Vor 75 Jahren wurde in Madrid der spanische Tenor Plácido Domingo geboren. Er gehört seit einem guten halben Jahrhundert zu den gefragtesten Opernsängern der Welt und macht auch am Dirigentenpult eine gute Figur.

Plácido Domingo

Quelle: dpa

Leipzig. Nein, es ist nicht der Notausgang für alternde Tenöre. Dass Plácido Domingo, der heute 75 wird, seit einigen Jahren im Bariton-Fach unterwegs ist, vor ziemlich genau einem Jahr etwa sang er bei seinem verspäteten Gewandhaus-Debüt Ausschnitte aus einschlägigen Partien Verdis, ist eher eine Heimkehr. Denn als Bariton hat der Sohn eines Zarzuela-Sängerpaars aus Madrid seine einzigartige Karriere begonnen. Mehr noch: Im Grunde ist er dem Bariton auch als Über-Tenor nicht untreu geworden. Denn ganz gleich wann er wo und was gesungen hat, immer war sein samtige Schmelz von unten abgestützt von den warmen Farben des Baritons. Heute setzt er eben den Bariton-Tönen tenoralen Glanz auf. In beiden Fällen gilt: Eine solche Stimme hat es auf dieser Erde seit der Erfindung der Tonaufzeichnung nicht gegeben – und davor wahrscheinlich auch nicht. Und schon gar nicht gepaart mit einer stilistischen Vielseitigkeit, die der farblichen in nichts nachsteht. Rund 150 Partien hat Plácido Domingo sich im Verlauf seines Sängerlebens erarbeitet. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass er nicht weiterhin neugierig bleibt auf Neues.

Seit einem gutenhalben Jahrhundert singt der Spanier nun schon an der Weltspitze, an die seine Bronze-Organ in beinahe sofort katapultiert hat: Von 1962–1965 war er gemeinsam mit seiner Frau, der Sopranistin Marhta Ornelas an der Oper in Tel Aviv engagiert. 1966 debütierte er in New York an der City Opera in Alberto Ginasteras „Don Rodriguez“, dann ging alles sehr schnell. Mit jedem neuen Debüt wuchs sein Ruhm: Barcelona (1966), Hamburg, Wien, Berlin (1967), die Met und Chicago (1968), Verona, San Francisco, die Scala (1969), München, Buenos Aires (1972), (1975) Bayreuth (1992) – wo Plácido Domingo auftauchte, lag ihm das Publikum zu Füßen. In Wien brachte er es einmal auf über 100 Vorhänge und eine gute Stunde Applaus.

Was nicht nur an seiner Stimme liegt, sondern mindestens in gleichem Maße an seiner darstellerischen Begabung. Wer Domingo nur von der Konserve kennt, von denen es ungezählte gibt, weil seine Glanzzeit mit der des Schallplatten- und CD-Marktes zusammenfiel, oder aus dem Konzert, der kennt Domingo nicht. Denn Domingo, das ist vor allem Oper, ist Musiktheater im umfassenden Sinn. Er liebt und leidet, scherzt und schmeichelt, stirbt und streitet mit den Rollen, die er auf der Bühne zu Menschen macht, von Rodolfo bis Calaf, von Alfredo bis Don Carlos, von Lohengrin bis Parsifal, von Don José bis Werther. Ohne Einschränkung. Denn Domingo singt alles, von Oper bis Operette, von Barock bis Moderne. Zwar ist dem immer wieder zu hörenden Einwand nicht zu widersprechen, dass man, singt er Deutsch, kein Wort verstehe. Aber es fehlt dennoch nichts. Weil dieser Sänger der Worte nicht bedarf und das, was Siegmund oder Walther zu sagen haben, in Tönen sagt und in Gesten.

Weil kaum jemand sonst so tief eingedrungen ist in den Kosmos des Musiktheaters, ist Domingos Wirken nicht auf die Bühnenbretter beschränkt geblieben: Auch als Dirigent hat er es verdient, dass man ihn ernstnimmt und als Intendant ohnehin. In Washington hat er dem Opernhaus als Chef zu internationalem Renommee verholfen, in Los Angeles tut er es noch immer.

Dabei ist er, und das ist vielleicht das Bemerkenswerteste an dieser Persönlichkeit, nicht abgehoben. Noch immer betet er vor jedem Auftritt zuerst zur heiligen Caecilie, der Schutzpatronin der Musik, dann zum heiligen Blasius, dem Schutzheiligen des Halses. Im Gespräch nimmt die menschliche Wärme seiner Ausstrahlung sofort gefangen. Domingo ist nicht eitel, nicht hochnäsig, nimmt seine Großartigkeit, derer er sich als Künstler durchaus bewusst ist, nicht als Geschenk, sondern als Auftrag: der Musik zu dienen und den Menschen.

Sie macht er glücklich, wenn er tut, was ihn glücklich macht: singen. Und auch sonst hilft er, wo er kann: Gewaltige Summen hat er in den letzten Jahrzehnten ohne viel Aufhebens in die Förderung von Nachwuchsmusikern gepumpt, in soziale und medizinische Projekte. Er kann es sich leisten, denn die Gagen, die er verdient wie kein zweiter, sind enorm, und sie landen bei einem Menschen, der glaubhaft versichert: „Geld interessiert mich nicht“.

Ein Jahrhundertsänger also, eine Lichtgestalt, menschlich wie musikalisch. Und doch gibt es auf seiner Künstler-Weste einen großen schwarzen Fleck. Domingo singt so gern, dass er nicht „Nein“ sagen kann. Immer wieder steigt er unverdrossen hinab zum Bodensatz der musikalischen Massenkultur. Selbst auf dem jüngsten Weihnachts-Album von Helene Fischer ist er vertreten.

Angefangen hat das 1990. Da haben er und die Kollegen Luciano Pavarotti (1935 –2007) und José Carreras (Jahrgang 1946) sich als Die drei Tenöre zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien in den Caracalla-Thermen in Rom einen schönen Abend gemacht. Und waren selbst überrascht vom Erfolg ihre Tuns. Und noch heute, ein Vierteljahrhundert später, surfen selbsternannte Kollegen auf dieser Welle. Doch sind das dann nur drei bis zehn Tenöre, nicht DIE drei Tenöre.

Für Domingo waren auch dies vor allem Konzerte, die ihm Spaß machten, wie ihm alles Spaß zu machen scheint, was mit Musik zu tun hat. Darum denkt er auch noch nicht ans Aufhören. Obschon er weiß, dass es nicht ewig so weitergehen wird. „Zu Beginn meiner Karriere“, sagt er „habe ich mit Frauen im Duett gesungen, die meine Großmütter hätten sein können. Heute trete ich mit Kolleginnen auf, die meine Enkelinnen sein könnten. Bis zu den Urenkelinnen werde ich wohl nicht durchhalten.“ Und dabei lächelt er so spitzbübisch, dass ein jeder sofort weiß: Er wird es immerhin versuchen.

Von Peter Korfmacher

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