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Götter wie du und ich: Christoph Heins Erzählungs-Band "Vor der Zeit"

Götter wie du und ich: Christoph Heins Erzählungs-Band "Vor der Zeit"

Zuletzt hatte sich Christoph Hein mit seinem Roman "Weiskerns Nachlass" erneut als Chronist der Gegenwart erwiesen, gerade eben erst mit seiner Unterschrift als politisch denkender und agierender Schriftsteller: In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Theater der Zeit" protestiert er mit rund 50 anderen Künstlern gegen den Rechtsruck in Ungarn.

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Korrigiert die alten Mythen bis zur Verkehrung ins Gegenteil: Christoph Hein.

Quelle: dpa

den Rechtsruck in Ungarn.

Es ist dies ein Denken und Agieren, wie es sich in seinem Schreiben wiederfindet und auch den jüngsten Band "Vor der Zeit - Korrekturen" grundiert. Darin erzählt er von Göttern und Helden und Menschen, von Leben, Liebe, Tod, von Handel und Händel, Feigheit und Mut, vom Streben und Stürzen, von Manneskraft, Intrigen, Kriegen, Gier, Vergeblichkeit. Also von allen und allem und überall. Auch hier und heute eben.

Die Namen der Handelnden klingen vertraut: Asklepios, Eros, Odysseus, Prometheus, Zeus  ... Die Schauplätze ebenso: Hades, Hellas, Troja ... Und bekannt ist wohl auch, worum es geht: Reichtum, Unsterblichkeit, Macht. Zur Einstimmung begleiten wir den Amateurarchäologen Frank Calvert (1828-1908), der dem heute ungleich berühmteren Heinrich Schliemann die Ausgrabungen in Troja ermöglichte. Später will er die sagenumwobene "Schlangeninsel" Leuke erkunden, wird von rumänischen Offizieren betrogen und erfährt: "Ja, die neuen Götter sind nicht weniger gierig als die olympischen."

"Mit dem schlauen, selbstgefälligen Lächeln eines Gauners kehrte Zeus in den Olymp zurück", eröffnet Hein das Kapitel "Väter und Söhne". Zeus hat soeben Europa verführt und in Kreta an Land gebracht, er fühlt sich entsprechend erfrischt, da wird er in der Trinkhalle des Olymp mit den Forderungen und Bitten der Götter belästigt, die um die Orakel in Hellas streiten, einander der Profanisierung beschuldigen, weil das Voraussagen der Zukunft neuerdings inflationiert. "Diese Ankündigungen nahmen dem Schicksal den Moment der Überraschung und damit dessen eigentlichen Witz und Humor."

Kurz: Orakel langweilen Zeus. Doch muss er sich mit ihnen beschäftigen, denn sie sind willkommene Nebeneinnahmen der auf großem Fuß lebenden Götter, die ihre Antworten jedoch auch nur auswürfeln können, weshalb die eine der anderen widerspricht. Die Sterblichen haben längst begonnen, so lange die konkurrierenden Orakelschreine zu besuchen, bis sie die gewünschte Auskunft bekommen. Zwar weiß Zeus keine Lösung, doch ringt er sich - in Gedanken noch ganz bei Europa - zu ein paar recht allgemein gehaltenen Regeln durch: Der freie Wettbewerb wird "zum Nutzen der Allgemeinheit nicht eingeschränkt", Orakel müssen um Wahrheit bemüht und ihr verpflichtet sein, sie mögen "den Wohlstand mehren und den Frieden sichern".

So entsteht eine Art Zeitungslandschaft. Die Weissagungen werden schriftlich verbreitet, herrschenden Trends angepasst, es gibt Gutscheine und Jahresabonnements. Bald melden die ersten Insolvenz an, auch, weil sich "die Menschen immer weniger für die Vergangenheit und die Zukunft interessierten". Wer Geld hat, kauft lieber den Lethetrunk, der "vollkommenes Vergessen und guten Schlaf" garantiert. Und damit ist dieses höchst amüsante Gleichnis noch nicht zu Ende.

Hier gibt Christoph Hein der Geschichte einen gewitzten Dreh. In anderen der insgesamt 25 Neuschreibungen prägt, bei aller düsterer Komik, der Ernst die Lage. Für Asklepios zum Beispiel, der Todkranke heilt und so in die Zuständigkeit von Hades eingreift, der ihn wegen fortgesetzten Diebstahls verklagt und auch durchkommt damit, weil Unsterblichkeit dazu führen würde, dass "uralte, hilflose und hässliche Menschen" die Erde bevölkern, "Greise, die versorgt werden müssen". Bald würde es "mehr hinfällige, entkräftete Alte als junge Leute geben".

Der erste Wirtschaftsweise betritt die Welt, Prometheus wird dafür bestraft, den Menschen die Hoffnung gebracht zu haben, die Lüste der Frauen machen Männern Angst. Wahrheit, so zeigt sich, ist ein Maß, doch keine Norm. Hein argumentiert, wertet jedoch kaum in seinen Spiegelbildern der Zivilisation. Er überlässt es den Lesern, Grausamkeit oder Gier mit Zuständen der Gegenwart abzugleichen, Göttliches mit Menschlichem aufzuwiegen und die fabelhaften Überlieferungen zeitloser Gültigkeit zu überführen. Nach dieser Lektüre sind Welt- und Lokalpolitik als Fortschreibung der Mythen lesbar. Dieses Buch verändert nicht die Welt, aber den Blick.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.04.2013

Janina Fleischer

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