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Goliaths Söhne - Jan und Götz George gestalten Doku-Drama über ihren Vater

Goliaths Söhne - Jan und Götz George gestalten Doku-Drama über ihren Vater

Die Fahrt im offenen Kübelwagen dauerte viele Stunden, über Nebenstrecken ging es durch Mecklenburg und Brandenburg, durch Felder, Kiefernwälder und an blitzenden Seen entlang.

Leipzig. Heinrich George und sein Sohn schwiegen die ganze Zeit. Das Knattern des Motors, das Scheppern des Wehrmachts-VWs war zu laut, um sich zu unterhalten. Man schrieb den 15. April 1945, der größte Schauspiel-Star des Dritten Reiches war auf dem Weg nach Hause, nach Berlin-Wannsee.

Am Vortag hatte Heinrich George noch gedreht, in Bardowick bei Lüneburg entstanden die finalen Szenen des allerletzten NS-Films mit dem sarkastischen Titel "Das Leben geht weiter". Der Star wollte zurück in seine Villa. Das Leben würde schon weitergehen, in Berlin würde ihm nichts passieren. Er hatte schließlich nur gespielt, war noch nicht einmal in der Partei. Die Rückkehr nach Berlin war ein Fehler: Der sowjetische Ge­heimdienst NKWD verhaftete Heinrich George im Juni 1945. Am 25. September 1946 starb er im Speziallager Sachsenhausen.

Sein jüngster Sohn, der sechsjährige Götz, war schon bei der Mutter in Berlin. Den 13-jährigen Jan holte Heinrich George in Schönberg in Mecklenburg ab. Hier, am Rande von Lübeck, waren die Kinder vor den Bombenangriffen in Sicherheit gebracht worden. "das war eine so gespenstische Fahrt", erinnert sich Jan George, heute 82. "Es war nichts vom Krieg zu spüren. Keine Flieger, keine Militärs, keine Flüchtlingstrecks."

Vom Krieg und von den Nazis hatte der jugendliche Jan ohnehin kaum etwas mitbekommen. In der Villa am Kleinen Wannsee hatte der Schauspiel-Goliath George seiner Familie eine Oase geschaffen, so beschreibt es sein Sohn. "Dort habe ich nie Uniformen oder Nazis gesehen. Ich musste wie jeder ins Jungvolk, aber irgendwann bin ich nicht mehr hingegangen. Ich hatte so eine Art Prominentenbonus."

Jan George ist wie sein Vater ein massiger, vitaler Mann, sein Alter merkt man ihm nicht an. Er ist der Erstgeborene, der immer in der zweiten Reihe stand. Sein Bruder Götz spielt nicht nur im Dokudrama "George", das jetzt bei ARTE und in der ARD läuft, die Hauptrolle. Götz war die zweite Berühmtheit in der Familie. Jan hat ihm die Schimanski-Jacke besorgt, er hatte diese US-Armeejacke vorher getragen. Vor allem aber ist Jan derjenige, der beiden Stars - dem 1946 verstorbenen Vater und dem berühmten Bruder - den Rücken freihält. Wer über Heinrich George recherchiert, diesem Brachial-Schauspieler, der erst den Kommunisten nahe stand und dann in den übelsten Nazi-Hetzfilmen spielte, meldet sich zuerst bei Götz. Der verweist alle weiter an Jan. Und der führt in seiner gemütlichen kleinen Villa in Berlin-Zehlendorf das Familienarchiv.

Gänzlich ungemütlich werden kann Jan George, wenn unsauber über Heinrich Georges Rolle als NS-Staatsschauspieler geschrieben wird, wenn ihm etwa Nazi-Posten angedichtet werden, die er nicht innehatte. "Es gab immer wieder Dinge, die ich so nicht stehen lassen wollte. Götz hat ja immer gearbeitet. Ich war freischaffend, ich hatte mehr Zeit, mich darum zu kümmern." Jan George hat als Filmemacher, Schauspieler und Fotograf gearbeitet, nun ist er längst hauptberuflich Sohn. Der Sohn eines Genies, eines kompromittierten Übergroßkünstlers.

Götz war beim Tod seines Vaters sieben Jahre alt, seine Erinnerungen sind bestenfalls nebulös. Für den Schauspieler ist er ein Schatten, ein unerreichbares Vorbild. Bei der Premiere des "George"-Films nennt Götz ihn "Tier" und "Gewaltmensch" und ruft aus: "So etwas wäre heute gar nicht mehr möglich. Die damalige Zeit war gigantisch, die heutige Zeit ist Mittelmaß." Beide Brüder nennen ihren Vater "George", benutzen den Künstlernamen des als Georg Schulz geborenen Vaters. Er ist für sie mehr Phänomen als Vater.

Jan, der Ältere, hat Erinnerungen, wie die von der gespenstischen Autofahrt zu Kriegsende, aber dort hatte man ja nicht gesprochen. Vielleicht hätte der 13-Jährige auch die Fragen nicht gehabt: Warum hast du für Goebbels gespielt? Warum sind wir nicht nach Hollywood gegangen, wo sie dich unbedingt haben wollten? Warum die Rolle in "Jud Süß", dem schlimmsten Hetzfilm? Glaubst du wirklich, dass Kunst und Politik zwei verschiedene Dinge sind? "Die Gespräche zwischen uns haben nie stattgefunden", sagt der weißhaarige Sohn. "Ich habe ihn nie fragen können, warum er so gehandelt hat. Ich versuche mir das seit Jahrzehnten zusammenzubasteln. Ich sehe in seinen Briefen einen wirklich guten Menschen."

Der Tod in der Lagerhaft nimmt Heinrich George die zweite Karriere, die fast alle Schauspiel-Größen nach 1945 bekamen. Gustaf Gründgens vor allen anderen. Gründgens war Intendant des Berliner Staatstheaters, George führte ab 1938 das Schiller-Theater im Berliner Westen. "Gründgens hat darauf hingearbeitet, unter den Nazis Intendant zu werden, George nicht", sagt Jan. " Als er es wurde, hat er die Position genutzt, um Kollegen zu helfen."

Aber was war mit den Filmen? Gleich 1933 dreht Heinrich George "Hitlerjunge Quex", er spielt einen Kommunisten-Vater, der seinem Sohn mit Ohrfeigen die "Internationale" einprügeln will. "Völker hört" - klatsch - "die Signale" - klatsch - "auf zum letzten" - klatsch - "Gefecht". "Eine infame Szene", sagt Jan George. "Aber mit diesem Film hat er sich seine Freiheit zu spielen erkauft." Ein guter Schauspieler, der ein schlechtes Drehbuch herunterspielt. So fasst der "George"-Film diesen zwölf Jahre währenden Pakt mit Goebbels zusammen. Ein Bühnen-Junkie, der alles herunterdeklamiert, auch Elogen auf den "Führer".

Und Veit Harlans Hetzfilm "Jud Süß" wird im "George"-Dokudrama nur am Rande erwähnt. Und auch Jan George versucht, das wegzuwischen. Er wollte die Familie schützen, glauben beide Brüder. "Du kommst aus der Mühle nicht mehr raus, wenn du einmal drin bist." Ein Pakt mit dem Teufel. Ein Spielwütiger wie Heinrich George muss gewusst haben, was das bedeutet.

 

"George", Dokudrama von Joachim Lang (130 Minuten). ARTE: 22. Juli, 20.15 Uhr, ARD: 24. Juli, 21.45 Uhr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.07.2013

Jan Sternberg

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