Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Gottes Coach - Martin Walsers neuer Roman „Muttersohn“ bereitet großes Vergnügen

Gottes Coach - Martin Walsers neuer Roman „Muttersohn“ bereitet großes Vergnügen

Es sei sein bislang hellstes Buch, sagt Martin Walser über seinen neuen Roman „Muttersohn“, der am Freitag in die Läden kommt. Der Teil „Mein Jenseits“ ist im vergangenen Jahr bereits als Novelle erschienen.

Voriger Artikel
"Melt!" erwartet mehr als 20.000 Besucher - selbst Bauhaus ist ein Teil vom Festival
Nächster Artikel
Mitteldeutsche Medienförderung vergibt knapp 3,6 Millionen Euro - Tykwer dreht "Wolkenatlas"

Der Schriftsteller Martin Walser (Archivfoto)

Quelle: dpa

Leipzig. Das große Thema des 84-Jährigen: der Glaube. Er umspielt es mit Witz und Leichtigkeit.

Ohne Anton Percy Schlugen ginge es nicht. Nicht weil der Pfleger und Spontanprediger immer noch an Sätze glauben kann, die nichts bringen. Auch nicht, weil ihm zwei Empfindungen fremd sind: Furcht und Ungeduld. Vielmehr weil er nicht von dieser Welt zu sein scheint. Übermütig, schlau und innig ist er, zuversichtlich. Da fällt es leicht, an ihn zu glauben. Mit Gott darf er dennoch nicht verwechselt werden, nicht mal mit Jesus. Eher ist er Gottes Coach.

Mit ihm entzieht sich Martin Walser gesellschaftlichen Zuweisungen und lässt eine Figur von der Leine, die seinem neuen Roman „Muttersohn“ das helle Zentrum gibt. Eine Lichtgestalt, die den richtigen Ton anschlägt und das angemessene Tempo. Auch dann, wenn er mal nicht auftritt in den fünf Teilen des Romans, deren dritter, „Mein Jenseits“, vor reichlich einem Jahr als Novelle erschienen ist, als Single-Auskopplung quasi. Dieses Kapitel ist Percy gewidmet, erzählt wird es von August Feinlein, Reliquienforscher und Chefarzt am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen, dessen Lebens-Liebe mit dem Gegenspieler Dr. Bruderhofer verheiratet ist. Feinlein, einer, der mit dem Unerklärlichen nur leben kann, weil er auf eine Erklärung hofft, glaubt vielschichtig. Als er eine Monstranz entführt („um die Scheinheiligkeit bemerkbar zu machen“), endet sein Arbeitsleben, nicht aber sein Glaube.

„Du glaubst, was nicht ist. Dann ist es. Schrecklich diese Unabweisbarkeit der Wörter“, sagt er. Wörter, Sätze, Glaubenssätze sind es, in die Walser seine Figuren hüllt. „Gäbe es Gott, dann gäbe es kein Wort dafür.“ Also geht es auch irdisch zu in diesem Panoptikum liebenswerter, meist tragischer Gestalten.

Zunächst wird Percy in die geschlossene Abteilung geschickt, um Ewald zum Sprechen zu bringen, Ewald Kainz. So hieß auch der Angebetete seiner Mutter, dem sie nur einmal begegnet war. Das „Scherblinger Schweigen“ brechend erzählt der Pfleger dem Selbstmord-Patienten aus dem Leben der Mutter, die Liebesbriefe schrieb wie keine andere. Es ist auch ein Roman über das Schreiben. Der Adressat aber, kaum zum Ehemann geworden, entwickelte ein Doppelleben zwischen den Wochen- und den Samstagen. Er hatte den Haushalt im Griff, verprügelte seine Frau und predigte Arno Schmidt. Es ist auch ein Roman über das Lesen. Beiden misslang das Leben gleichermaßen. Doch sie empfand sich als geleitet. Also träumte sie von Ewald.

Kainz aber, nun über 60, lebt im inneren Verlassensein, einem Grundmotiv des Romans, der überdies ein in jeder Hinsicht musikalischer ist und darauf anspielt, dass wir Musik brauchen, „weil Musik mehr will als ist“. Ewald ist nach zwei Selbstmordversuchen zum Leben verurteilt. Lebenslänglich. Einem nach in den 70ern politisch missglückter Lehrerlaufbahn nicht gelingen wollenden Lebenslänglich. „Kann man sich verfluchen oder muss das ein anderer tun?“, fragt er. Und dabei erzählt auch er die Geschichte einer großen, beneidenswerten, unmöglichen Liebe. So wächst er Zweifel für Zweifel ans Herz.

Wie im Vorbeigehen versorgt Walser die Sprechenden mit Sätzen für die Ewigkeit: „Eine Lüge ist am wenigsten moralisch zu werten. Sie hat Substanz. Sie produziert Wirklichkeit. Das Leben muss liefern, was die Moral verweigert.“ Solche Sätze. Und wie er sie streut, fallen lässt, türmt, erzeugt er eine lebensbejahende Komik, die der großzügig ausschreitenden Ironie eine Nasenlänge voraus ist.

Nun bietet ja ein psychiatrisches Krankenhaus, zumal es früher mal ein Kloster war, würdige Orte für allerlei Irrwitz. Da ist Harry Strawinski, der in drei Sprachen redet, weil er Deutsch nicht mehr in den Mund nehmen kann, die Sprache der Nazis. Und da ist Innozenz, der gute Geist zwischen den Vätern und Söhnen, ein paranoid halluzinatorisch Schizophrener. Wenn er „von seinem Gesicht nicht das Gegenteil verlangte, weinte es.“ Er hält sich für einen Dichter-Entdecker, und also ist er es auch. „Welt ist nichts als ein Text“, sagt er und versteckt sein Hauptwerk – „unauffindbar für die Spürhunde des Zeitgeists“. Bis er Modest Müller-Sossima begegnet, Nationalrat der Feinsinnigen und Initiator der „Akademie für Unvollendete“ auf der Insel Rheingau. Der hat die Daten-Schredder-Großanlage „Oblomov“ erfunden und Innozenz die nur auf den flüchtigen Blick absurde Idee, Manuskripte anzufordern für seine „Scherblinger Anthologie“. „Aber er werde bekanntgeben, dass er diese Manuskripte dem Schredder übergebe.“ Nach der Lektüre, versteht sich. Es ist auch ein Roman über das Veröffentlichen.

Diese „Oblomovisierung“ der Literatur ist einer der Seitenhiebe Walsers, der ansonsten jenseits gesellschaftlicher Aktualität oder Brisanz bleibt und seine Aufmerksamkeit den Gründen widmet, glauben zu können, wollen oder müssen. „Was wir in jeder anderen Hinsicht vermeiden, im Geistig-Seelischen leben wir fast ausschließlich von Konserven.“ Ein Satz, den Percy aufsammelt, um ihn zu bewahren.

Zu den Sternstunden gehören ein Besuch beim Motorradclub „The Jolly-necks“, der sich dem Motto „Hasse deinen nächsten statt dich selbst“ verschrieben hat, sowie eine Talkshow, die sich der Quote hingibt. Dort verkündet Percy, von seiner Mutter unbefleckt empfangen worden zu sein. Weshalb er immer auf der Suche nach einem, nach dem Vater bleibt. So hat der Roman bei aller Geborgenheit, die er ausstrahlt, etwas Flirrendes. Walser ist es, der hier in verteilten Rollen spricht: mal zärtlich, auch romantisch, dann wieder schrill, beinahe rücksichtslos. Die Liebe berührend wie den Tod, wenn es ums Heilen und Verletzen geht. Es ist ja ein Roman über den Glauben. Dem kann man sich anvertrauen, wenn das Gelände steinig wird. Erlösung, sagt Percy, „ist eine Sportart. Mit Gesang“.

Martin Walser: Muttersohn. Roman. Rowohlt Verlag; 512 Seiten, 24,95 Euro

Janina Fleischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Farbspiele
    Die Sparkasse Leipzig sucht für Ihren Kalender 2018 farbenfrohe Fotos

    Beim Fotowettbewerb der Sparkasse Leipzig kann nun über die zwölf Kalendermotive abgestimmt werden. Das Voting endet am 31. August 2017. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die deutsche Kleingärtnerbewegung hat eine über 200-jährige wechselvolle Geschichte, die im Deutschen Kleingärtnermuseum weltweit einzigartig dokumentiert ist. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr