Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Grass' Liebeserklärung an Grass - Vielleicht letztes Buch des Nobelpreisträgers

Grass' Liebeserklärung an Grass - Vielleicht letztes Buch des Nobelpreisträgers

Aberwitzig groß ist die Aufgabe, der der greise Grass sich da gestellt hat: das vielbändige Jahrhundertwerk der Brüder Grimm, ihr im Vormärz ersonnenes und erst lange nach dem zweiten Weltkrieg als gleichsam gesamtdeutsches abgeschlossenes (wenngleich nicht vollendetes) Wörterbuch der Deutschen Sprache zu nutzen, um die Zeitläufte kurzzuschließen.

Voriger Artikel
Highfield-Videos: Madsen, Revolverheld, Jennifer Rostock und Billy Talent im Interview
Nächster Artikel
Shopping- und Musikerlebnis: Gewandhausmusiker musizieren in Leipzigs Innenstadt

Günter Grass veröffentlicht sein womöglich letztes Buch.

Quelle: dpa

Leipzig. Von den Einigungsbestrebungen zu Zeiten der Vielstaaterei bis zu den vergeblichen Bemühungen im wiedervereinigten Deutschland zueinander zu finden.

Berauschend sind zudem die Hoffnungen, die sich knüpfen an die Idee, ein Fürst des Wortes könnte sich befruchtend wie belebend all des Materials bemächtigen, das seine Verwalter und ihre Erben einst sammelten. Wie viel Leben müsste zu saugen sein aus den Buchstaben, den Silben, den Wörtern, den Worten. Ihren Geschichten, die ja immer auch Geschichte bedeuten, die sich immer treu bleibt in ihrer Unzulänglichkeit: „Im Rückblick auf deutsches Verhalten", schreibt Grass gegen Ende seines letzten Buches, „scheint mir, als habe sich ängstliches Anpassen, wie jenes im Jahr 1837, als die Göttinger Sieben ihrer Protestation wegen entlassen worden sind, seitdem landesweit eingeübt. ... Und selbst gegenwärtig steht, trotz behaupteter Meinungsfreiheit, der Opportunismus in Blüte: man gibt sich cool oder singt im Chor. Anstelle altmodischer Zensur sorgen wirtschaftliche Zwänge und redaktionelle Übereinkünfte fürs Stillschweigen." Alles also immer gleich. Über all die Fürstentümer, König- und Kaiserreiche, Diktaturen, Demokratien.

„Cäsur" ist das dritte der neun Kapitel überschrieben. Es gehen aus den ersten beiden Buchstaben des Alphabets gezeugte zwei voran, die von „Asyl" handeln und vom „Briefwechsel". Es folgen solche über die Buchstaben D, E, F, K, U, Z. Und obschon diese Kapitel-Versalien durchaus einer Logik folgen, die mit der verschlungenen Entstehungsgeschichte des Wörterbuchs zusammenhängt, erweist es sich als ein Segen, dass Grass nicht alle Buchstaben des Alphabets mit je einem Kapitel bedenkt.

Denn was so virtuos erdacht ist, erweist sich schon bald als unverdaulich - wenn nicht unbewältigt. Allzu schematisch folgen die Kapitel ihrem Schema: Da werden zuerst die Worte liebkost (bisweilen auch nur aufgezählt), die dem jeweiligen Buchstaben folgen. Dann hangelt sich Grass an der Vita der Forscher-Brüder Wilhelm und Jacob Grimm entlang. Schließlich schlägt er, immer wieder durchsetzt mit allerdings herrlich lapidarer Lyrik, den Bogen in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, in sein eigenes Leben, Wirken, Denken. Befremdliche Wiederholungen nicht ausgeschlossen.

Erhellend könnte das sein und soll es gewiss auch. Aber allzu oft bleibt Grass stecken in selbstreferenzieller Geschwätzigkeit. Nur selten blitzt der bissige Witz des Großliteraten durch, wenn er als modernes Märchen den Fall des kapitalen Steuerhinterziehers Klaus Zumwinkel mit dem der Kassiererin Emmy überkreuz erzählt, die sich um einen Euro und dreißig Cent bereicherte, und kommt zu dem Schluss: „Wo kein Recht ist, hilft nur noch wünschen." Meist aber oberlehrert er eitel vor sich hin, versucht nicht einmal sprachlich zu kaschieren, dass die Grimms und ihr monumentales Werk nur als Stichwortgeber herhalten: Ihre Briefe bekommen nur Raum, weil danach die von Grass den ihren beanspruchen, die Reden, die Verfolgungen, die Verleger ... alles Steigbügelhalter für die Selbstdarstellung eines Schriftstellers, der immer schon alles besser wusste. Und wenn die Welt so ist, wie sie ist, dann liegt dies nur daran, dass man nicht auf ihn hörte. Was oft genug stimmen mag. Aber in dieser anmaßenden Larmoyanz vorgetragen doch ziemlich unerträglich ist: „Ins Leere reden. Darin hatte ich mich geübt. Niemand wollte hören, was ich, kaum war die Mauer zwischen zweimal Deutschland gefallen, als Folgen der ruckzuck vollzogenen Einheit aufzählte. Kein Gehör fand bei den Sozialdemokraten meine Warnung vor der Schändung des Asylartikels ... Niemand wollte und will sehen, was ich seit Jahr und Tag wiederholt, also papageienhaft beklage ... Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock, der belastet mit der Menschenkinder schuldhaftem Tun in die Wüste geschickt wurde, wo gut predigen ist." So ist das eben, wenn nicht die Wahrheit, sondern vor allem ihr Besitz im Zentrum des Mitteilungsbedürfnisses steht.

Folgerichtig kennt die Liebeserklärung, von der der Untertitel des Buches spricht (der seine Gattung umreißt), nur einen Gegenstand: Günter Grass. Die Worte liebt er offenkundig nur, weil sie helfen, diesen Gegenstand ins rechte Licht zu rücken. Und die Grimms wie ihre Erben haben sie dankenswerterweise für ihn gesammelt und geordnet.

Kein Profil erhalten so die beiden Göttinger Sprachforscher. Obwohl Grass ihnen so viele ihrer Wörter widmet und beider verschrobene Strenge doch hinreichend Stoff böte. Seltsam kühl bleibt sein Erzählen aus ihrer geistesprallen Zeit, der er doch wenigstens den Saft eines Alten Testaments hätte gönnen können, das dem Heilswirken des (gescheiterten, weil unerhörten) Erlösers vorangeht. Unter ein eindrucksvolles Lebenswerk soll offenkundig ausgerechnet diese bemerkenswert selbstgefällige Bilanz den Schlussstrich ziehen. Und würde nicht die Nachwelt selbst entscheiden, was sie im Gedächtnis behält und was nicht, würde Grass Gefahr laufen, als politischer Zwischen-, besser: Unkenrufer im Fußnotenapparat der Geistesgeschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu verschwinden. Zeiten aber zeugen selbst ihre Chronisten. Dieser hat seinen Zenit überschritten, weil er die Zeitläufte zuletzt verwechselte mit der eigenen Wirkungsmacht. So leicht lässt sich nicht steuern, was die Zukunft als Urteil fällt. Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung, Steidl Verlag, Göttingen, 368 Seiten mit farbigen Vignetten von Grass, 29,80 Euro; Hörbuchausgabe, gelesen von Grass: 11 CDs, Steidl Verlag, Göttingen, 39,90 Euro

Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr