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Greller Schrei, tönende Philosophie und ein Sandalenfilm ohne Film

Staatskapelle Halle: Anrechtskonzert zum Impuls-Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt Greller Schrei, tönende Philosophie und ein Sandalenfilm ohne Film

Werke von Samit Odeh-Tamimi, Leonard Bernstein und Fazil Say standen beim zweiten Anrechtskonzert der Saison auf dem Programm der Staatskapelle Halle. Es dirigierte Ekhart Wycik, Solist am Flügel war der grandiose Conrad Tao.

Der Dirigent Ekhart Wycik.

Quelle: peer

Halle. Die trauen sich was in Halle: Da legt die Staatskapelle ihr Anrechtskonzert am Sonntag und Montag vollständig in die Hände des noch weitere vier Wochen laufenden Impuls-Festivals für Neue Musik Sachsen Anhalt, das am Freitag via MDR-Nachgesang auch nach Leipzig herüberschwappte – und bekommt prompt die Quittung. Am Montagabend ist die Händelhalle allenfalls halb voll, am Sonntag, berichten Augenzeugen, hat es eher noch mauer ausgesehen.

Offenkundig steht der geneigte Frühaufsteher auch nicht mehr aus moderne Zeugs als der musikinteressierte Kaffee-Sachse. Dabei gilt auch im zweiten Staatskapellen-Anrechtskonzert der Saison: Modernes Zeugs kommt entweder nur am Rande vor, also zu Beginn, wie Samit Odeh-Tamimis (Jahrgang 1970) „Hálatt-Hissár“ für Rezitatoren und 31 vorzugsweise geblasene Instrumente, dessen schrillen Schmerzensschrei-Gestus man nach wenigen Sekunden verstanden hat – denen allerdings eine sehr lange Viertelstunde folgt. Oder das moderne Zeugs tut überhaupt nicht weh, wie die Mesopotamia Symphony des türkischen Komponisten und Vorzeige-Pianisten Fazil Say (ebenfalls Jahrgang 1970). Der verteilt das sehr überschaubare Material auf zehn Sätze und eine knappe Stunde, Dennoch wird das Ergebnis recht selten langweilig, weil Says klangmalerische Fantasie offenbar keine Grenzen kennt.

Da marschiert ein Geschwisterpaar in Gestalt einer Bassblock- (Susanne Erhardt) und Bassflöte (Ralf Mielke) sekundiert von einem präpariertem Klavier und der sensationellen Carolina Eyck am Theremin durch die Ebenen zwischen Euphrat und Tigris, unter der Sonne und dem Mond, erkundet die „Kultur des Todes“, lernt den Krieg kennen, und am Ende stirbt eines der beiden Geschwister, von der übrig gebliebenen Bassflöte mit grellen Racheschwüren bedacht und vom Theremin in entrückter Zartheit betrauert.

Eine gewaltige Schlagzeug-Batterie türmt Say hinter diesen Solisten und dem fett besetzten Orchester auf und geht klangmalerisch so handfest zu Werke, dass der symphonische Bilderbogen wie der Soundtrack zu einem monumentalen Sandalenfilm daherkommt, dem der Sandalenfilm abhanden gekommen ist – und gerade darum der Staatskapelle unter der gekonnten Leitung des Gastdirigenten Ekhart Wycik sattsam Gelegenheit bietet, ihre erheblichen Qualitäten auszuspielen. Satt und prall klingt dieses Orchester, markant im Blech, präzise strahlend im Holz, süffig und schwelgerisch in den Streichern, souverän im Schlagwerk. Gute Voraussetzungen, Says pastose Bilderfolge zum Publikum zu tragen. Und das ist, nicht nur nach für modernes Zeugs geltenden Maßstäben, ausnehmend begeistert.

Nicht so sehr allerdings wie vor der Pause. Denn da, im Herzen des sehr ambitionierten Programmes, gibt es zwar nicht ganz so neue (Uraufführung war 1949), dafür aber richtig gute Musik: Leonard Bernsteins zum Klavierkonzert tendierende zweite Sinfonie „The Age Of Anxiety“ nach dem philosophisch bis zum Besten aufgeladenen, gleichwohl federleichten Langgedicht Wystan Hugh Audens.

Solist bei dieser in kühnen Volten die Tonsatzmöglichkeiten der Jahrhundertmitte durchmessenden guten halben Stunde ist Conrad Tao, ein Pianist, der sich des außergewöhnlich anspruchsvollen Klavierparts einerseits bemerkenswert kraftvoll, andererseits völlig uneitel und mit geradezu improvisatorischer Selbstverständlichkeit entledigt. Ein Musiker, der Bernstein singen lässt und swingen, murmeln und funkeln – und der Wycik und der Staatskapelle immer wieder neue Bälle zuspielt, die zum Ausgangspunkt neuer musikalischer Entwicklungen werden.

Für den Jubel bedankt Tao sich mit Elliot Carters (1908–2012) pianistisch so bestialischen wie dankbaren „Caténaires“. Und das Publikum nimmt zwei grundlegende Erkenntnisse mit heim: erstens die, dass Bernstein unter den Verfertigern modernen Zeugs einer der größten war, und zweitens, dass die Staatskapelle Halle ein fabelhaftes Orchester mit erfreulichem Mut zum programmatischen Risiko ist.

Von Peter Korfmacher

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