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Große Gefühle haben kein Verfallsdatum

Premiere in Leipzig: Katharina Thalbach inszeniert „Lucia di Lammermoor“ Große Gefühle haben kein Verfallsdatum

Stehender Jubel für alle Beteiligten: In der Oper Leipzig feierte am Samstag Katharina Thalbachs Inszenierung von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ Premiere. Die großartige Anna Virovlansky singt die Titelpartie verletzungsbedingt im Rollstuhl

Antonio Poli beweint als Edgardo die tote Lucia und sein eigenes Schicksal.

Quelle: leipzig report

Leipzig. „Il dolce suono“ – der süße Klang. Lucia hockt auf dem Tisch, auf dem sie kurz zuvor jenen Vertrag unterschrieb, der sie zu Arturos Ehefrau macht. Nun liegt der erstochen im Brautbett, und Lucia, das Hochzeitskleid blutüberströmt wie ihre Hände und der Dolch, den sie noch hält, erwartet im Wahn die Ankunft des geliebten Edgardo, dessen Stimme sie hört: „mi colpì sua voce“ – mich traf seine Stimme. So beginnt in der Oper Leipzig die berühmteste aller Wahnsinns-Szenen. Und wie Katharina Thalbach sie inszenierte, vor allem aber, wie Anna Virovlansky sie singt, ist sie zweifelsfrei die beste Hervorbringung dieser romantischen Mode. Denn hier, in den Regionen des Unterbewussten, die der Schmerz erst zugänglich macht, gelten andere Gesetze: Wo der Wahn regiert, streift der exaltierte Ziergesang alle Künstlichkeit ab, öffnet Fenster ins Innere einer zerstören Seele. Darum waren Wahnsinns-Szenen seinerzeit so beliebt. Darum vibriert in der Oper Leipzig die Luft vor kollektiver Erregung: Hier ist das hartnäckig missverstandene Genre ganz bei sich.

Auch stilistisch: Virovlansky ist keine verirrte Tragödin aus dem Heldenfach, ihr makellos sauber geführter Sopran bleibt bei aller Strahlkraft lyrisch grundiert, und bei den Auszierungen bleibt sie, nicht nur in der Wahnsinsszene, nah an Donizettis Vorgaben. Was doppelt wichtig ist. Denn die Belcanto-Oper „Lucia di Lammermoor“ hebt sich von früheren Werken der Gattung gerade dadurch ab, dass Koloraturen und Fiorituren nicht virtuoser Selbstzweck, sondern psychologisch sensibel platziert und dosiert sind.

Diese stilistische Konsequenz beherzigen auch Anthonoy Bramall am Pult und das Gewandhausorchester. Mit einer Ausnahme: Aus pragmatischen Gründen entschied man sich dafür, die originale Glasharmonika Glasharmonika sein zu lassen und auf die (von Donizetti autorisierte) Flöte zurückzugreifen. Aber Katalin Stefula spielt diese süßen Töne aus der Welt wahnhaften Glücks so weich und beseelt, so schwerelos entrückt, dass dennoch nichts fehlt.

Auf dem Tisch hockt Virovlansky, weil sie nicht stehen kann. Wenige Tage vor der Premiere hat die Sängerin sich einen Bänderriss zugezogen, weshalb sie die Premiere, wenn sie nicht gerade auf dem Tisch hockt, oder auf Krücken der Hochzeit entgegenhumpelt, im Rollstuhl sitzend bestreitet. Den schiebt meist die Regisseurin selbst unter schwarzem Schleier über die Bühne. Eine düstere Botin aus der Schattenwelt – und ein Segen für die Inszenierung: Die Fremdbestimmtheit Lucias, an der alle herumzerren, bis nur noch der Wahn als letzter Fluchtweg bleibt, ließe sich kaum besser zeigen als mit dem Ausgeliefertsein der Rollstuhlfahrerin.

Ansonsten hat Thalbach die Segnungen ihrer Theaterarbeit recht sparsam dosiert. Bilder stellt sie, was die originalen Szenentitel noch unterstreichen, die sie in Schönschrift den Akten voranstellt. Das geht besonders im großartigen Sextett auf, in dem die Zeit auch im Parkett stillzustehen scheint. Und es entspricht durchaus den Gepflogenheiten der Donizetti-Zeit, in der auch das düster holzgetäfelte Bühnenbild vor unwirtlicher Berglandschaft (Momme Röhrbein, Licht: Michael Fischer) und die ein auch zeitlich fernes Schottland zitierenden Kostüme Angelika Riecks nicht durch übermäßige Modernität aufgefallen wären. Alles ziemlich Retro also – und doch kein bisschen überlebt. Weil große Gefühle kein Verfallsdatum haben.

Katharina Thalbach sollte darüber nachdenken, ob sie den Rollstuhl nicht beibehält, wenn Virovlansky Bänderriss ausgeheilt ist. Der Szene hilft er ungemein – und der Musik ist er nicht im Weg. Denn diese Sopranistin singt auch im Sitzen die Sterne vom Himmel. Und inspiriert damit ihre Kollegen zu Leistungen, die keinen Wunsch unerfüllt lassen: Was Antonio Poli als Lucias Geliebter Edgardo, Mathias Hausmann als ihr Bruder Enrico, Sejong Chang und Dan Karlström als Spielmacher des Bösen und des Guten, als Priester Raimondo und Intrigant Normanno, und Sergei Pisarev als Bräutigam Arturo sowie Sandra Janke als Vertraute Alisa da über zweieinhalb Netto-Stunden singen, muss keinen Vergleich scheuen.

Anderswo mögen größere Namen auf dem Plakat stehen. Bessere Sänger kaum. Und auch auf dem Tonträgermarkt wird man geschlossenere Ensembles, feinere Linien schönere Töne nur schwerlich finden als bei Pias weichem Wundertenor, Hausmanns warmem und wandlungsfähigem Weltbariton, Changs würdevollem Bass. Selbst mittlere Partien sind hier, in Gestalt Dan Karlströms etwa, mit Sängern besetzt, die durchaus in der ersten Reihe stehen könnten. Ebenfalls grandios: Alessandro Zuppardos satt und üppig klingender, dabei bemerkenswert beweglicher Opernchor.

Bramall unterfüttert den Gesang vom Olymp mit einem Gewandhausorchester auf Augenhöhe. Viel ist gespottet worden über Donizettis Riesengitarre. Und wer den Mischklang des späten Verdi oder gar die Üppigkeiten der Veristen als Maßstab anlegt, wird wenig anfangen können mit den Tonleiter-Ausschnitten und Akkord-Brechungen über meist recht einfachen harmonischen Fortschreitungen. Doch statt der später vorherrschenden Kunst des Übergangs nimmt Donizetti die Farbe selbst als Ausdrucksmittel. Er schneidet Register hart aneinander, wobei oft nicht der Streicherkörper, sondern das Holz die Führung übernimmt, lässt virtuos geführten Solo-Instrumenten, der Flöte in der Wahnsinsszene, der Harfe (Gabriella Victoria) vor Lucias erstem Auftritt, breiten Raum – und vertraut darauf, dass aus dem Zusammenklang mit den Stimmen mehr wird als die Summe der Einzeltöne.

Wie in der Oper Leipzig. Nichts klingt da banal. Bramall bringt Eleganz und dramatischen Hochdruck zusammen – und nimmt den einzigen musikalischen Makel der Premiere billigend in Kauf: Es wird im Laufe der Steigerungs-Dramaturgie einer jeden Szene recht schnell recht laut auf der Bühne und im Graben. Da aber das Orchester sich in keinem Moment vor die Sänger schiebt, ist auch dies leicht zu verschmerzen.

Folglich kennt der Jubel für alle Beteiligten am Ende keine Grenzen. Für die sensationelle Virovlansky reißt es das Publikum wie auf Kommando unter gellenden Schreien und Pfiffen aus den Sesseln. Thalbach, die mit dieser Dimension der Begeisterung dann wohl doch nicht gerechnet hätte, tänzelt ausgelassen über die Bühne. Und dann nehmen viele singend, brummend, pfeifend Donizettis herrliche Melodien mit nach Hause. So muss es sein nach einer Belcanto-Oper.

Lucia di Lammermoor an der Oper Leipzig: 2., 10. Dezember (mit LVZ-Opernclub), 1,. Januar, 25. Februar, 6. Mai; Karten (15–78 Euro) gibt’s u.a. im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Peter Korfmacher

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