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Günther Huniat meldet Freiluftgalerie Stötteritz ab

Günther Huniat meldet Freiluftgalerie Stötteritz ab

Es ist Sommer und eigentlich Zeit für die alljährliche Ausstellung der Freiluftgalerie Stötteritz. So geschehen mit wenigen Unterbrechungen schon seit 1980. DDR-Zeit und Zeitenwende wurden weitgehend unbeschadet überstanden.

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Künstler Günther Huniat.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In diesem Jahr ist aber alles ganz anders.

Kunst findet in der Holzhäuser Straße 73 nicht mehr statt. Und so wird es leider auch künftig sein. Die besondere Galerie im Stadtgrün hat ausgedient, ihr Gründer und fortwährender Motivator Günther Huniat meldete gerade den Verein ab, den er 1990 gegründet hatte. "Jede Unterschrift, die zu so einem Ende nötig ist, kostet Geld, hier 25 Euro, da 25, sogar für die Mitteilung im Amtsblatt, zu der man verpflichtet ist, muss man löhnen. Wir hatten gerade noch so viel auf dem Konto", berichtet Huniat.

"Alles hat seine Zeit", sinniert der Maler, Grafiker, Bildhauer. Mit fast 74 Lebensjahren regt ihn die aktuelle Entwicklung schon auf. Man reagiere aber gelassen, so sei das nun mal im Alter. Vor Huniat liegt das Essaybuch "Alles Boulevard - Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst" von Mario Vargas Llosa: "Schon der Titel sagt alles, und irgendwie trifft diese schonungslose Gesellschaftsanalyse auch auf unsere Situation zu." Statt eine neue Ausstellung zu realisieren, war Huniat also in den vergangenen Wochen damit befasst, den Kunst-Verein abzuwickeln. Ihn am Leben zu halten, macht keinen Sinn. Der Grund und Boden, auf dem die Freiluftkunst über Jahrzehnte dargeboten werden konnte, wurde, auch seitens der Stadt Leipzig, meistbietend an private Hand verkauft. Statt wucherndem Grün wird demnächst die Baulücke Stötteritzer Straße 73 geschlossen. Ein weiteres Ärztehaus entsteht, Parkplätze inklusive. Huniat bleibt (vorerst) ein dahinter liegender Streifen Pacht-Land, um die eigene Kunstarbeit weiter betreiben zu können. Sein Atelierhinterhaus, das zu einem Grundstück in der Arnoldstraße gehört, scheint derzeit nicht in Gefahr.

Bäume, Sträucher, über Jahre üppig gewachsen, müssen weg. Statt dessen Beton und Flächen, die versiegelt werden. Sich zu wehren, hat laut Huniat keine Chance auf Erfolg: " Alles ist doch nach Recht und Gesetz vonstatten gegangen." Der Künstler ist generell enttäuscht: "Schon in den vergangenen Jahren war ein Bewusstseinswandel festzustellen. Es kamen immer weniger Leute, um sich unsere Kunst anzuschauen. Der Boulevard, der Kommerz, so wie ihn Vargas Llosa beschreibt, machte auch uns zu schaffen." Huniat erinnert sich an "große Zeiten", als es ihm sogar gelang, Schulklassen für die Freiluftgalerie zu begeistern. Ganz anders jetzt. Zuletzt standen beispielsweise die Leute an der Straßenbahnhaltestelle unmittelbar vorm Kunst-Eiland und kaum einer zeigte Interesse daran, was auf dem Stadtgrün dahinter passiert. Huniat: "Irgendwann wird man es wohl merken, dass das so schön und in Vielfalt gewachsene Grün, gepaart mit Kunstwerken, nicht mehr da ist." Die Bewohner des Areals, die bislang von ihren Balkonen in eine grüne Großstadtinsel schauen können, werden bald nur noch Beton vor sich haben.

"Seit den 1960er-Jahren wuchs nicht nur die Vegetation in jenem Garten, der zunehmend als Stötteritzer Freiluftgalerie bekannt wurde, sondern auch die Opulenz des künstlerischen Schaffens", heißt es im Katalog zur Ausstellung "Holzhäuser Straße 73 - Zur Kunstgeschichte eines Ortes". Das war 2005. Damals hieß es auch noch, dass der Ort vor kreativem Leben strotzt. Huniat lacht und macht sich ein Bier auf: "So ist die neue Zeit. Wenn ich Glück habe, kann ich mein eigenes Stück Grün behalten, und wenn ich Pech habe, wird daraus auch ein Parkplatz." Gegenüber der Holzhäuser 73 steht indes weiterhin das originale Stück Berliner Mauer, das Huniat nach Stötteritz bringen ließ: "Noch ist der Ruf ,Die Mauer muss weg' nicht an mein Ohr gedrungen." Abwarten, wäre zu ergänzen. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.07.2013

Mayer, Thomas

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