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Gutgelaunte Traurigkeit: Feines Solo-Debüt des Leipziger Musikers Arpen

Album bei Analogsoul Gutgelaunte Traurigkeit: Feines Solo-Debüt des Leipziger Musikers Arpen

Nach seinen Bands Mud Mahaka und den Volunteers wandelt der Leipziger Musiker Arpen jetzt auf Solopfaden. Bei Analogsoul ist nun sein betörend gutes Debüt erschienen. Die Tour dazu beginnt er in Darmstadt, sie führt auch nach Leipzig.

Ein Männlein steht im Walde: Arpen (alias Robert Seidel, 36).

Quelle: Tobias Schütze

Leipzig. Arpen ist Perfektionist. Das lässt sich jetzt wieder daran erkennen, dass sein neues Album, das am Wochenende offiziell erschien, genau genommen schon fast ein Jahr alt ist. „Meine Schuld“, sagt Arpen. „Ich war die Bremse.“ Er ließ die Aufnahmen ein zweites Mal mastern, was dann aber kolossal in die Hose gegangen sei.

Die Gleichmütigkeit, ja, fast gute Laune, mit der er das erzählt, spiegelt sich eigentümlicherweise auch in den Liedern wider – obwohl die beim ersten Hören so traurig erscheinen. Von Einsamkeit singt er, von Verlorenheit, Empfindsamkeit, Fernweh. Von „einer Nüchternheit“ spricht er, mit der er „eine Sache als das betrachten möchte, was sie ist“. Die englischen Texte seien „auf eine verschachtelte Weise die Möglichkeit, der Musik einen verbalen Sinn zuzuordnen“. Eine Art Interpretationshilfe. Arpen redet gern und klug über Musik. Aber im Fall seiner eigenen Lieder ist es schwer, in Worte zu fassen, was ihren Zauber ausmacht. Der weiche, tiefe und manchmal leicht brüchige Gesang, der so viel Ruhe ausstrahlt? Die starken Songs? Sie sind im besten Sinne verkopft, aber sie zielen nicht auf den Verstand, sondern die Seele. Je öfter man das Album hört, desto weniger wirkt die Musik deprimierend. In der Tat: Eigentlich verströmt die Platte fast so etwas wie Zufriedenheit.

Arpen, der vor 15 Jahren als Robert Seidel nach Leipzig zog, ist in der Musik-Szene der Stadt längst kein Unbekannter mehr. Er war Kopf und Gesicht der experimentellen Leipziger Super-Group Mad Mahaka, ein Drittel des vielgerühmten Projekts A Forest, Songwriter und Produzent für Max Prosa, June Cocó und andere. Prämierter Filmkomponist ist er auch und hat unter anderem die Musik für zwei Clemens-Meyer-Verfilmungen geschrieben. Unter dem Künstlernamen Arpen veröffentlichte er vor drei Jahren mit seiner damaligen Band, den Volunteers, ein andächtig groovendes Folk-Album. Aber auch jetzt bewirbt sein Label Analogsoul Arpens neue Platte als „Debüt“.

Wie eine Fotografin Popmusik beeinflussen kann

„Ein kleiner Marketingtrick“, sagt er. Man könnte auch von einer Vorsichtsmaßnahme sprechen: Nach der vielschichtigen Musik mit Mad Mahaka sei das minimalistische Volunteers-Album „nur so ein Ausflug“ gewesen. Doch seither wird Arpen von vielen „stark mit diesem Folk-Ding in Verbindung gebracht“, wie er selbst festgestellt hat. Damit die Arpen-Folk-Fans – und da gibt es in der Tat einige – nicht enttäuscht sind, wird eben ein neuer Anfangspunkt gesetzt.

Die selbstbetitelte Platte verbreitet die Ruhe der Volunteers-Sachen, die Arrangements sind jedoch elektronischer und erinnern in ihrer Komplexität an Mud Mahaka. Wobei Arpen Stilschubladen sowieso egal sind. „Es kommt mir eher auf den Gedanken an, der hinter einer Musik steht“, sagt er. In diesem Sinn – mehr als in Stilfragen – seien Bob Dylan oder auch die Bassistin Meshell Ndegeocello prägend für ihn. Und auch die Fotografin Taryn Simon, der das Album gewidmet ist. „Ganz nüchtern“, so Arpen, hat sie beispielsweise Blumendekorationen nachgestellt und fotografiert, die zwischen 1968 und 2014 die Tische der Mächtigen bei wichtigen politischen Entscheidungen geschmückt haben.

Richie Beirachs erster guter Freund in Leipzig

Auch bei den Musikern, mit denen er zusammenarbeitet, sei ihm „wichtiger, wie jemand denkt, als dass er der tollste auf seinem Instrument ist“, erklärt Arpen. Gute Instrumentalisten suchen dennoch seine Nähe. Mit A-Forest-Schlagzeuger Friedemann Pruß und dem Soundbastler (und studierten Saxofonisten) Niklas Kraft hat Arpen das Album im Wesentlichen eingespielt. Am Mischpult – wie schon bei Mud Mahaka und den Volunteers – das Berliner Zodiaque-Duo Markus Abendroth und Peter Thomas. Neben Sängerin Bernhardt ist Mud-Muhaka-Gitarrist Timo Klöckner als Gastmusiker dabei. Im Juni hat sich die Band zwar aufgelöst, aber der Kontakt zwischen den Mitgliedern ist keineswegs abgebrochen. „Irgendwann findet sich das wieder zusammen“, glaubt Arpen.

Die Maßgabe, dass die Haltung zur Musik wichtiger als Genrefragen und sogar Fingerfertigkeit ist, hat Arpen von seinem ersten Leipziger Lehrer übernommen. Als Jungspund spielte er auf dem Klavier an der Hochschule für Musik und Theater vor. Was „schrecklich misslungen“ sei, wie sich der New Yorker Jazzpianist und emeritierte Klavier-Professor Richie Beirach in einem Radio-Interview erinnert. Und doch beeindruckte der junge Mann den gestandenen und hochdekorierten Musiker so sehr, dass er ihn zu seinem Lieblingsschüler und Produzenten machte und heute seinen „ersten guten Freund in Leipzig“ nennt.

Die Arbeit für andere nimmt noch immer einen großen Teil in Arpens Schaffen ein. Für das diesjährige Sommertheater des Leipziger Schauspiels, „Ernst ist das Leben“, hat er die Musik komponiert und live gespielt. Radiojingles hat er mal entworfen und auch andere Brotjobs angenommen. Er findet nichts Ehrenrühriges daran, im Gegenteil. „Die Aufträge bedeuten Freiheit, Unabhängigkeit. Sie geben mir den finanziellen Raum für meine eigene Musik. Ich würde sogar gern mal etwas knallhart Kommerzielles machen“, sagt er. Aber meistens werde er nur beauftragt, wenn etwas nach Kunst klingen soll. „Leider“, findet Arpen.

Einen Text bei James Brown geborgt

Ganz zufällig passiert ihm das allerdings nicht. Im Video zu „For How Long, How Long“ von der neuen Platte lässt Filmemacher Tobias Schütze Arpen den Kopf in alle möglichen Utensilien stecken. Und im kürzlich hochgeladenen Clip zu „tmttb“ drehen sich Arpen und seine Musiker goldglänzend im Kreis. Den Text dieser meditativ betörenden Wuchtnummer, dessen abgekürzter Titel für „Take me to the bridge“ steht, borgt sich Arpen aus James Browns „Sex Machine“. Wie bei Pink-Floyd-Schallplatten der 70er wiederum liegen der CD wunderbare Fotografien bei. Die Grafikerin Jana Lidolt hat das Artwork gestaltet.

Dabei will Arpen eigentlich gar nicht, dass die Verpackung vom Inhalt ablenkt. Das gilt auch hinsichtlich musikalischer Schnörkel: Er ist ein Meister darin, seine Ideen auf das Wesentliche zu reduzieren. Ihm ist ein Album gelungen, das sich Zeit lässt – und trotzdem nur 25 Minuten umfasst. Allerdings handelt es sich ja um eine Momentaufnahme, die bereits ein Jahr alt ist. „Wenn wir die Lieder jetzt live spielen, sind sie zehn Minuten länger.“ Er bewege sich momentan eher weg vom Song, hin zum Track. Arpens nächstes Solo-Album ist bereits in Arbeit. Perfektionismus hin oder her: Hoffentlich dauert es nach Fertigstellung nicht wieder ein ganzes Jahr, bis es erscheint.

Das Album „Arpen“ ist bei Analogsoul erschienen und wird von Broken Silence vertrieben. Arpen hat seine Tour am 11. Oktober in Darmstadt begonnen. Am 27. Oktober, 20 Uhr, tritt er mit Band im Täubchenthal (Wachsmuthstraße 1) auf, Vorverkauf 9 Euro

Von Mathias Wöbking

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