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Hans-Joachim Rotzsch gestorben: Ein Leben für Bach und die Musik

Hans-Joachim Rotzsch gestorben: Ein Leben für Bach und die Musik

Einer der profiliertesten, wenn auch nicht unumstrittenen Bach-Interpreten hat die Welt verlassen. Für den vitalen, umgänglichen, freundlichen, voller Anekdoten steckenden und dennoch bescheidenen Meister war das Leben voller Musik, auch wenn Beglückendes und Tragisches sich dabei die Waage hielten.

In vielfältigen Aufnahmen als Oratorientenor - er war Mitglied der Leipziger Bachsolisten - sowie auf zahlreichen Schallplatten und CDs mit dem Gewandhausorchester und den Thomanern, deren Kantor er von 1972 bis 1991 war, ist sein Lebenswerk dokumentiert.

Rotzsch begann nach Abschluss des Musischen Gymnasiums in Frankfurt 1946 eine Lehre als Autoschlosser und sang nebenbei in der Kantorei der Friedenskirche in Leipzig. Danach absolvierte er ein Studium im Fach Kirchenmusik an der Leipziger Musikhochschule. "Nicht um Kantor zu werden, sondern weil die Fächer Orgel, Klavier, Stimmbildung, Tonsatz und Gehörbildung, Dirigieren eine solide Grundlage für meine spätere Arbeit legten. Und ich hatte exzellente Lehrer", erinnerte er sich an seine Studienzeit.

Anfang der 50er wurde Thomaskantor Günther Ramin auf den begabten jungen Mann aufmerksam, der privat bei Fritz Polster Gesang studierte. Ramin holte ihn als Gastsänger und bald als Stimmbildner zu den Thomanern. Daneben reiste er als freiberuflicher Konzertsänger zwischen Argentinien, Brasilien, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz, um Bach-Kantaten und -Oratorien zu singen. Später hob er hervor: "Bei Helmut Koch und Herbert Kegel haben ich mir dann weiteres Rüstzeug für meine Dirigenten-Tätigkeit geholt."

Noch heute schwärmen Ehemalige des Leipziger Universitätschores, den der Sänger von 1965 bis 1973 leitete, von Rotzschs Lockerheit, seinem Können, seiner Begeisterung, seinem Humor, seiner Menschlichkeit. Daneben hatte er einen Gastvertrag mit der Leipziger Oper. Und mancher Messestädter erinnert sich, wie er als Alfred in der "Fledermaus" reüssierte. Dann schlug Rotzschs große Stunde: am 12. Mai 1972 wurde er im Festsaal des Alten Rathauses vom Oberbürgermeister zum Thomaskantor berufen.

Sein Credo war: "Bachs Musik ist kein Museum. Sie ist eine sehr lebendige Musik, die bei jeder Aufführung neu gestaltet werden muss. Routine ist tödlich. Und wir haben nicht nur für Fachleute musiziert, sondern für unsere Mitmenschen." Damit war der Dirigent bei Verfechtern historischer Aufführungspraxis umstritten. Dennoch hat er in künstlerischer Hinsicht durch harte Arbeit das Leistungsvermögen der Thomaner gefördert. Als Thomaskantor hatte er stets Verständnis für Sorgen, Nöte und Probleme seiner singenden Jungen. Er war fürsorglich, hart, aber fair, freundlich, auch streng, Respektsperson und Freund. Er war beliebt und wurde geschätzt. Diese Erinnerungen sind geblieben.

Als nach dem Untergang der DDR bekannt wurde, dass sich der musikalisch so vielseitige, politisch aber zuweilen naive bis gutgläubige Professor mit der Staatssicherheit eingelassen hatte, tobte deshalb in Leipzig ein Für und Wider, ob er bleiben dürfe. Um das Amt nicht zu beschädigen, trat Hans-Joachim Rotzsch als Thomaskantor zurück. Über 30 000 Leipziger Bürger, Thomaner und ihre Eltern, bedeutende Künstler solidarisierten sich mit ihm. Richard von Weizsäcker und Kurt Masur setzten sich für ihn ein. Vergebens. Er war für Leipzig verloren. Obwohl er Bürger seiner Heimatstadt blieb.

Dennoch wagte er den Neuanfang, wurde Gastprofessor für evangelische Kirchenmusik am Mozarteum in Salzburg und blieb es bis zur Jahrtausendwende. "Eine wunderbare Zeit! War es doch eine Bestätigung, dass ich auch in Leipzig nicht umsonst gewirkt habe", sagte er einmal. Sein Nachfolger im Leipziger Amt wurde Georg Christoph Biller.

Betrüblich fand der 15. nach Bach, was ihm zuweilen angedichtet wurde. "Da wird vieles vereinfacht von denjenigen, die die Zeit nicht miterlebt haben und die glauben, es besser zu wissen. Und das schmerzt schon." Rotzsch war, wenn man ihn traf, dennoch wie eh und je freundlich, verbindlich, kommunikativ, offen und mit Leib und Seele Leipziger, einer von den wenigen Verbliebenen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Bach- und Musikstadt in der Welt repräsentierten. Er ist unsterblich geworden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.09.2013

Rolf Richter

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