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Hauke von Grimm liest in der Leipziger Stadtbibliothek aus „WortLand“ vor

Buchkritik Hauke von Grimm liest in der Leipziger Stadtbibliothek aus „WortLand“ vor

Von tiefsinnig bis absurd: Der Leipziger Schriftsteller Hauke von Grimm stellt sein neues Buch „WortLand“ kommenden Dienstag mit einer Lesung in der Stadtbibliothek vor.

Man kann Single Malt auch aus einer Tasse trinken: der Leipziger Schriftsteller Hauke von Grimm, Jahrgang 1971.

Quelle: Marlen Sue

Leipzig. Jens Spahn als Leipziger Batman, der nächtens Großstadt-Hipster überfällt? Könnte man glatt denken, bevor die Story „Inspektor Krim ermittelt“ in den letzten Sätzen eine überraschende Auflösung erfährt, wäre sie nicht schon vor der viel belächelten Rechts-Anbiederung des CDU-Mannes erschienen. Hauke von Grimm hat es wieder getan, vom Leipziger Lesebühnen-Aktivist und Underground-Literaten gibt es frischen Stoff in gedruckter Form: „WortLand“ heißt der neue Streich gesammelter Texte, erschienen beim Thüringer Alternativ-Label Outbird im Telescope-Verlag.

Gleich im Titel gebenden Gedicht arbeitet sich von Grimm am missbrauchsanfälligen und Reiz-Begriff „Heimat“ ab. Mittels Sprache und Schrift schafft er sich ein „WortLand“ und stellt klar, dass er zwar „Kind aus Muttersprache und Vaterland“, aber Heimat immer auch „Wortschatz“ sei, „der bereichert gehört durch Fremdwort und Gastwort“.

Der anfangs vermutete rote Faden aus Herkunfts-, Ankommens- oder Rückkehrbezügen hält noch einige Texte, zerfasert jedoch zusehends in vielschichtiger Fabulier- und Formulierlust über Genregrenzen hinaus, „taumelnd zwischen Journalismus, Expressionismus und Absurdismus“, wie Volly Tanner jüngst schrieb.

Vor sich hinwitzelnde Haudrauf-Geschichten wie die vom Polizistenschreck Jack wechseln sich mit Melancholie ab, die von Johnny-Cash-Tiefsinnigkeit bis zu Disney-Träumereien changieren. Nicht nur „Am Grabe des Propheten“ keimen politische Gedanken auf, die klar zwischen geschäftstüchtiger Politik und Demokratie unterscheiden können. Phantasiert von Grimm eben noch äußerst unterhaltsam über diverse Möglichkeiten des eigenen Ablebens auf Gastspielreise, nimmt in der Folge die Lust an globaler Apokalypse zu, mal schön absurd, dass man der Kurzgeschichte zum Trotz gern länger in der Wüste mit Kiosk geblieben wäre, mal mit handfesten Katastrophen-Ratgebern oder klassisch schaurigen Gothic-Novels aufwartend. Aber durch alle Irrungen der Welt, in der auch Grimm nicht viel an Glauben oder gar Gewissheit bleibt, an einem möchte er vor der Apokalypse doch festhalten: Wir schaffen das.

Polternder Lesebühnenton

Abwechslung bringt natürlich auch mit sich, dass sich Poetisch-Eindringliches mit Schwächerem ablöst, der Grat zwischen dem Zauber der kleinen Dinge und allzu hochtrabendem Verkauf austauschbarer Alltagsgedanken mitunter recht schmal erscheint. Wo Lesebühnenton poltert, stört mitunter, dass sich die Pointen an Äußerlichkeiten, Trend- und Randgruppen-Bashing abarbeiten. Live werden diese Texte dennoch ungebrochene Begeisterung hervorrufen, Lesebühnen boomen.

Dem „Underground“-Ursprung ihrer Träger zum Trotz ist gerade das von von Grimm mitbegründete „Schkeuditzer Kreuz“ längst eine Leipziger Institution und füllt etwa die Keller der Moritzbastei nicht selten bis an die Erdoberfläche. Und auch, wenn das Geschriebene hier überwiegend in unterhaltender Form verkauft wird, schwebt man immerhin stets zwei Stilstufen über dem ewigen Pointenstakkato der Poetry Slams.

Und da Pfeifen-Espresso- und vor allem Single-Malt-geschwängerte Stil- und Kultivierungssucht zu von Grimm gehören wie der Milchschaum in den Hipsterbart, verwundert es auch nicht, dass er im eigentlich verrucht klingenden Label „Undergroundliteratur“ eher eine Zweckbezeichnung sieht, um „für die Leute die Schublade aufzumachen zwischen kommerziellem Schreiben und Hobby-Literatur.“

Das Leuchten unten am Rand

Ihre Arbeit betreiben sie ernsthaft, „wollen aber nicht bei allen Regeln des Marktes mitspielen“, betont er. Natürlich gefallen sich die professionellen Punks unter den Literaten in der ihnen zugeschriebenen Rolle, auch von Grimm macht sich hier Typisches zu eigen: Da ist das permanente Zitieren und Verbrüdern mit popkulturellen und literarischen Idolen ebenso wie ständige Ich-Bezogenheit bis ins Autobiografische hinein. Vor allem aber ist es die Sympathie und das seismografische Interesse für das Leuchten unten am Rand, wo nicht unterschieden wird „zwischen Unkraut und schön“.

Auffällig in „WortLand“ aber auch: bei aller Natur-, Freak- und Grenzlandzuneigung scheint stets eine ego-hohe Großstädterposition durch, die klammheimlich um ein „Normalmaß“ kreist, wo Perfektes von Unperfektem unterschieden wird, wo es eine „unversöhnliche Mitte“ gibt, die ein „zu dick“, „zu provinziell“, „zu ungepflegt“ kennt.

Näher am Hobby leider auch die Produktionsbedingungen im Untergrund, was sich mitunter unangenehm auf den Lese-Genuss und -Fluss legt: kein Lektor, der pseudolyrisch ausdrucksreiche, aber inhaltsarme Null-Sätze von guten Gedanken trennt. Offenbar nicht einmal ein Korrekturleser, der die zahlreichen Tipp- und Orthografie-Patzer zu bügeln Zeit gehabt hätte.

Premierenlesung von „WortLand“ mit Hauke von Grimm: Dienstag, 19 Uhr, Stadtbibliothek (Wilhelm-Leuschner-Platz 10-11), Eintritt frei

Von Karsten Kriesel

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