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Heinz Rudolf Kunze liest und singt im Leipziger Haus Auensee

Liederabend mit Suppenkasper Heinz Rudolf Kunze liest und singt im Leipziger Haus Auensee

Pop-Rock mit Tiefgang, Literatur mit Anspruch und Ansagen mit knackigen Kommentaren: Beim Leipziger Stopp seiner „Deutschland“-Tour im Haus Auensee bewies Heinz Rudolf Kunze, dass sich Anspruch und Unterhaltung nicht ausschließen müssen – und erklärte, was an Suppe wirklich furchtbar ist.

Songs mit Anspruch und Humor: Heinz Rudolf Kunze begeisterte beim Konzert im Leipziger Haus Auensee.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Nasskalt ist er, dieser Montagabend. Perfektes Wetter, um sich gemütlich mit guter Literatur auf die heimische Couch zu verabschieden und die Welt vor dem Fenster für ein paar schöne Stunden auszublenden. Dass literarische Realitätsflucht auch außerhalb der eigenen vier Wände möglich ist, beweist indes Heinz Rudolf Kunze. Im mit knapp 1300 Besuchern gemütlich gefüllten Haus Auensee lädt der Altmeister der deutschsprachigen Pop-Lyrik zum etwas anderen Konzertabend.

Von Vorurteilen und Suppen

Anders deshalb, weil Kunze beim dritten Stopp seiner aktuellen „Deutschland“-Tour neben Musik erwartungsgemäß auch nicht mit literarischer Finesse geizt. Immer wieder nimmt der Bandchef hinter dem mittig auf der Bühne platzierten Flügel Platz, um zwischen den Stücken kleine Werke zum Besten zu geben. Die thematische Bandbreite ist dabei denkbar breit gefächert. Da werden anhand alltäglicher Fragen spieß- und kleinbürgerliche Vorurteile und Verhaltensweisen seziert, da analysiert Kunze mit teils beißendem Sarkasmus die Widrigkeiten des Alterns und hält ein flammendes Plädoyer gegen Suppen. „Sie müssten eine Konsistenz haben, dass man daraus eine Skulptur formen könnte“, fordert er, um kurz darauf zu bekennen, dass Heinrich Hoffmanns „Suppenkaspar“ sein erstes kindliches „Rebellenidol“ gewesen sei.

Überhaupt, die Rebellion. Dass Kunze oft und gerne gegen die Konventionen der Pop-Musik aufbegehrt, wird insbesondere bei seinen zwar spärlich gesäten, aber umso zielgerichteter vorgetragenen Ansagen deutlich. Als „ein Lied, bei dem ich lieber Unrecht behalten hätte“ kündigt er „Aller Herren Länder“ an, seinem Heimatland attestiert er – vor „Deutschland“ – gallig ein „nervöses Reich der Mitte“ zu sein. Am eindringlichsten wird die Kritik dann bei einer sitzend vorgetragenen Mischung aus Hip Hop und Spoken-Word-Performance, während der Kunze nahezu jedes Klischee, das Fremden in der Republik zugeschrieben wird, auflistet – bevor er den Ich-Erzähler am Ende seiner Tirade dann doch „wie alle anderen“ noch ein Bier beim Stammtisch-Wirt ordern lässt. Gesellschaftskritik trifft auf literarisches Geschick – das Publikum quittiert die Darbietung mit lautem Applaus.

Karrierequerschnitt und das Spiel mit dem Publikum

Von der musikalischen Seite präsentiert sich Kunze als souveräner Live-Künstler. Unterstützt von seiner vierköpfigen „Verstärkung“ bietet er eine breit gefächerte Rundreise durch sein bisheriges Schaffen. „Das Paradies ist hier“, „Meine eigenen Wege“, „Alles gelogen“ oder „Mit Leib und Seele“ werden vom Publikum begeistert aufgenommen und teils fast schon frenetisch beklatscht. Für eine kurze Verschnaufpause sorgt in der Mitte des Programms ein kurzer Akustik-Block, bevor mit „Jetzt erst recht“ und der, laut eigener Aussage, ganz privaten Hymne „Unbeliebt“ das reguläre Set beendet wird.

Lange bitten lassen sich Kunze und Hintermannschaft im Anschluss nicht: Das Publikum verlangt nach Zugabe und der Meister gewährt sie gerne: „Längere Tage“ leitet den ersten Block ein bevor mit „Du bist mein ganzes Herz“ der wohl bekannteste Titel des Barden zu Ehren kommt. Zwischendrin sorgt Kunze auch noch für – ungewollte – Situationskomik: Zwischen den insgesamt vier Zugabenblöcken zieht es Teile der Zuschauer immer wieder Richtung Garderobe, nur um mit weiteren Tönen von der Bühne wieder zurück in den Saal gelockt zu werden, was bei nicht wenigen für Erheiterung sorgt.

Nach insgesamt knapp zweieinhalb Stunden fällt der Vorhang dann aber endgültig und die Anhänger werden in die Nacht entlassen. Was bleibt, ist das gute Gefühl, irgendwie doch den eingangs erwähnten Leseabend verbracht zu haben – nur eben mit einigen Gleichgesinnten. Viel schöner kann diese erste richtige Herbstwoche eigentlich gar nicht starten.

Von Bastian Fischer

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