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Helga Schütz und die Poesie der eigenen Wahrheit

„Die Kirschendiebin“ Helga Schütz und die Poesie der eigenen Wahrheit

Die Drehbuchautorin und Schriftstellerin Helga Schütz schaut in ihrer Erzählung „Die Kirschendiebin“ nach der Liebe und dem Alter. Die 79-jährige schreibt über ein Paar, das sich nach langer Zeit zufällig trifft. Dazwischen liegen über 50 Jahre, Welten und zwei Leben.

Drehbuchautorin und Schriftstellerin Helga Schütz (79).

Quelle: dpa

Leipzig. Als Thomas Falkenhain die Tasse abstellt, klirrt es. Das Zittern – „Es ist Liebe oder eine andere Schwäche.“ Es ist Mai in Rom. Es ist Thomas, der Melina Weiss, Mela, in ihrem Zimmer besucht, in der Künstlervilla, in der die beiden Senioren zu Gast sind. Er als Ost-Künstler, sie aus dem Westteil Berlins. Das ist lange nach dem Mauerfall und über 50 Jahre, nachdem sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Es ist Liebe.

In ihrer Erzählung „Die Kirschendiebin“ erzählt Helga Schütz vom Ende her, im Modus der Erinnerung. Und wenn es ein Buch über das Alter ist, die Liebe und den Zorn, so ist es das, weil es von der Jugend spricht, dem Vermissen und der Hoffnung. „Wir hatten in der geteilten Welt manchmal Illusionen.“

Thomas und Mela haben in der Jugend nicht beisammenbleiben können, weil Mela mit Mann und Kind die DDR verlassen hat, verlassen musste. So ist er mit Leonore alt geworden. Leni, „sein Mittagsstern, sie brachte Essen und Streit, also Leben, unser Leben in die morsche Bude“. Die Bude ist ein Massivsommerhaus in Alt Glienicke, das Leni bereits verlassen hat. Doch kommt sie jeden Tag vorbei, um dann zurückzukehren in ihre kleine Eigentumswohnung. „Leni war fort. Er lächelte erleichtert, denn sie würde nun auch an ihn denken.“ So eine Beziehung ist das, kinderlos geblieben und vertraut in „unersetzlicher Übereinkunft“. So muss sich Freiheit anfühlen, aber schmeckt so auch das Glück? Ja. Wenn es eine Zutat ist – und kein Gericht.

Er hatte gelitten, also war es Liebe

170 Seiten genügen, um sie ganz gut kennenzulernen: Thomas, Leni und Mela. Und ein kleines bisschen auch Gisela, die in einer Zeitzeugengruppe arbeitet und sich dem verschrieben hat, was man heute Erinnerungsarbeit nennt oder Aufarbeitung. Sie glaubt an Erinnerungen und sammelt „unsere Trümmer“. Mela hingegen vergleicht die Erfolge des Vereins für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche locker mit denen des Fördervereins der Teltower Rübchen. Thomas entrümpelt sein Leben. Den „Krempel der Neuzeit“ entsorgt er im Küchenmüll, mit den älteren Sachen ist es schwieriger. Er setzt sich ins „Gefängnis seiner Vergangenheit“, wenn er auf alte Fotos schaut, auf jede Menge beschriebenes Papier. „Wusste er noch, was ihm damals begegnet war? Er hatte gelitten, also war es Liebe.“

Er und Mela und Gisela waren Kommilitonen. Er hatte Mela beim Kirschenklauen ertappt, und es war Liebe auf den ersten Blick. Gisela war ein Kumpel und redete nicht darüber. Mela war verheiratet und dachte nicht daran. „Das Schicksal hatte gewaltig vorgearbeitet.“

Als Mela fort war, lernte Thomas Leni kennen. Er war Autor, sie arbeitete beim Fernsehen in Berlin Adlershof, Kinderredaktion, Abteilung Abendgruß, „rothaarig, unerschrocken, schick“. Beide „schwammen mit ihrer Generation“, Ereignisse hatten sich vor oder nach dem Mauerfall zugetragen. Vorher hatte Leni sich die Haare gefärbt, danach nicht mehr. Vorher hatten Thomas und sie einen kleinen Fliegenpilz-Unfall und landeten in der Charité in einer Runde, zu der Schauspieler kamen, Schriftsteller, ein Philosoph – DDR-Bohème. Sie spielten das Spiel im Spiel in der „liederlich hungrigen Zeit“ der Antiquariate, des Bücherhortens und Jazzplattensammelns.

Das längste Jahr

Das war die Wahrheit, wenn man es wollte. „Das Jahr 1988 mit den Charitéwochen blieb Thomas und Leonore, kann sein einem ganzen Land, als das längste Jahr der modernen Zeitrechnung im Gedächtnis.“ Danach zog das Tempo an: „Dauernd war Weihnachten, schon wieder Ostern, schon wieder Steuererklärung, die jährliche Glaukom-Untersuchung stand schon wieder bevor ...“. Die alten Akten kommen auf den Tisch. Und Wodka – nicht mehr zum Feiern, nicht mehr zum Trost, einfach so. „Weil du bei mir bist, darf ich verloren sein, ohne dich könnte ich mir das nicht leisten.“ Mit Thomas und Leni endet das erste Kapitel der dreiteiligen Erzählung, das„Wie Zwiesel“ überschrieben ist. Dazu später.

Nun kommt Mela. Deren Mann und Kind verloren gingen. Ihr hat „die Westwelt vorher nicht so brutal gefehlt“ wie danach der Osten. Im zweiten Teil, „Ich, Melina“, beschreibt Helga Schütz so einen Zwiesel: Mannshoch über dem Grund hatte sich der Stamm einer Buche u-förmig geteilt – fortan waren zwei Stämme zwillingsgleich nebeneinander in die Höhe gewachsen. Und hatten sich nach vielen Jahren „getrennter Himmelsstürmerei allmählich wieder einander zugeneigt.“ Sie waren sich sogar sehr nahe gekommen, ohne „sich hinderlich zu berühren“. Ein Gleichnis, das sich schnell erschließt. Überhaupt schreibt Schütz bildhaft und assoziativ. Sie erzählt diskret und präzise und dabei voll Poesie, sie plaudert höchstens zwischen den Zeilen. Sätze so knapp wie Einwürfe wechseln mit schönsten Sentenzen: „Melancholie ist das Spazieren zwischen zwei Hoffnungen.“ Die Drehbuchautorin („Wenn du groß bist, lieber Adam“) und Romanschriftstellerin („Sepia“), 1937 im schlesischen Falkenhain geboren, die immer auch autobiographisch erzählt, pflegt zudem ihr Wissen einer passionierten Gärtnerin.

Helga Schütz

Helga Schütz: Die Kirschendiebin. Eine Erzählung. Aufbau Verlag; 170 Seiten, 18 Euro

Quelle: Aufbau Verlag

Mit zunehmender Romantik – der melancholische Clown und die Diebin treffen durch Zufall nach über 50 Jahren in der ewigen Stadt aufeinander – gewinnt „das eigentliche Leben“ an Kontur und gerät dabei fast zur Komödie. Da kommt Schmerzgel ins Spiel und alkoholfreies Bier, „um die Darmflora zu mobilisieren“. Falkenhain „raffte die kleine Alte an sein Herz, tatsächlich, sie fühlte das Pochen, ohne Hörgerät“. Wie sie dann später an der Fontana di Trevi sitzen, sind sie von außen betrachtet „ein reisendes Rentnerpaar. Wie es im Buche steht. Die Hauptsache Portemonnaie und Gesundheit.“ Innen aber sind sie, wie es in Briefen steht, die sie in Rom von Krankenlager zu Krankenlager schicken: „Liebster Narr, ich liebe Dich, vielleicht aus Mangel an richtigen Krankheiten und anderen Talenten.“ Sie sind spät dran, doch nicht zu spät. Kann man schöner vom Leben träumen?

Helga Schütz: Die Kirschendiebin. Eine Erzählung. Aufbau Verlag; 170 Seiten, 18 Euro

Von Janina Fleischer

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