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„Herbert“: Düstere Studie der Leipziger Thomas Stuber und Clemens Meyer

Ab 17. März im Kino „Herbert“: Düstere Studie der Leipziger Thomas Stuber und Clemens Meyer

„Herbert“, der größtenteils in Leipzig gedrehte neue Film von Regisseur Thomas Stuber und Drehbuchautor Clemens Meyer, ist eine düstere Charakterstudie eines Boxtrainers, dem die Muskelkrankkeit ALS Kraft und Leben raubt. Ab dem 17. März ist “Herbert“ im Kino zu sehen

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Schauspielerin Lina Wendel, Regisseur Thomas Stuber, Hauptdarsteller Peter Kurth (Herbert), Drehbuchautor Clemens Meyer (v.l.n.r.)

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Ein Mann rutscht weg. Ein Mann verliert sein Leben. Herbert, ein Kerl mit Wanne, Hüftspeck, Muskelarmen, dem fett „Torgau“ auf dem Rücken tätowiert ist, erst Boxer mit Erfolg, dann Knast und Türsteher, jetzt Geldeintreiber. Einer, der keine Gefühle zulässt, der hart im Austeilen und wohl auch im Nehmen ist. Alles vorbei.

Herbert ist krank. ALS. Die Muskeln machen nicht mehr, was der Muskulöse will. Die Krankheit schleicht in seinen Alltag. Die Krankheit nimmt ihm den Alltag. Er kann Eddy, den jungen Boxer, nicht mehr trainieren. Er verdrängt. Er säuft sich ins Vergessen. Er holt seine guten Tage wieder hoch – mit alten, aufgezeichneten Kämpfen. Er endet in Krämpfen aus Zorn und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Hilfebedürftigkeit. Herbert lebt endlich mit seiner Freundin Marlene zusammen. Herbert sucht Kontakt zu Tochter und Enkelin. Herbert begräbt letzte Träume, verliert die Sprache, kann sich nur noch mühsam mit einem Rollstuhl bewegen – und vergrault die, die ihm nahe stehen. Keiner soll ihm beim Sterben zusehen.

Film über das Abschied nehmen

Doch dieser „Herbert“ ist, sagt Regisseur Thomas Stuber, weder ein Krankheits- noch ein Boxerdrama: „Es ist ein Film über das Abschied nehmen, über die Frage: Wie trete ich von der Bühne ab?“ Gedreht hat der 34-jährige Leipziger diese Milieustudie eines Mannes vom Rande der Gesellschaft in 35 Tagen, 32 davon lief die Kamera in Leipzig. „Die Geschichte ist universell, die könnte überall spielen. Ich glaube aber, dass sie nur persönlich sein kann, wenn sie in Leipzig spielt, wo ich aufgewachsen bin und auch wohnen bleiben will.“ So wie Clemens Meyer.

Thomas Stuber hatte bereits 2010 als Abschlussfilm der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg mit „Von Hunden und Pferden“ eine Geschichte von Clemens Meyer verfilmt – und damit den Studenten-Oscar gewonnen. Dann kam Produzentin Undine Filter mit einem Drehbuch zu ihm, mit dem er zu Clemens Meyer ging. „Er kennt dieses Milieu der kleinen Leute vom Rand und kann es sehr atmosphärisch beschreiben.“ Natürlich bekam Clemens Meyer auch wieder ( wie zuletzt in „Als wir träumten“) einen Kurzauftritt – als Moderator im Box-Ring.

Schon beim Schreiben des Drehbuchs tauchte Peter Kurth als Herbert auf. Ein Schauspieler mit starker körperlicher Präsenz, dem man abgründige Charaktere glaubt. „Die Körperlichkeit war für mich wichtig“, sagt Thomas Stuber. „Herbert“, der Film, gibt ihm Recht. Peter Kurth, auch mal drei Jahre am Leipziger Schauspielhaus, jetzt in Stuttgart, ist Herbert. Einer, der zu verdrängen versucht, der Wut im Bauch und Wunden auf der Seele hat, der weit unten aufschlägt und versucht, den letzten Fall zu bremsen. „Herbert definiert sich über seinen Körper“, sagt der 58-jährige Peter Kurth, „sein größter Verlust ist, als er merkt, dass der nicht mehr mitmacht, dass seine Zeit endlich ist, dass er seine Deadline bekommen hat.“ Für den robusten Herbert hat sich Peter Kurth vor dem Dreh über zehn Kilo angefuttert – und danach wieder 14 Kilo in sechs Wochen abgenommen: „Das war viel härter, wochenlang Neandertaler-Diät mit Fleisch und Salat.“ Ein besonderer Reiz an „Herbert“ war für ihn, den Verlust der Sprache zu spielen: „Da wird mir ein Ausdrucksmittel genommen.“

Atmosphäre eines Film Noir-Krimis

Damit setzt Thomas Stuber einen weiteren düsteren Tupfer auf das gnadenlose Endzeit-Porträt eines Ausgesonderten. Sein Psychodrama vom Mann ganz unten atmet die Atmosphäre eines Film Noir-Krimis – und huldigt in der Studie eines verlorenen, verzweifelten Charakters dem Ton des kruden Sozialrealismus. Alles sehr stimmig fotografiert, inszeniert, gespielt. Ein Lichtblick im gegenwärtigen matten deutschen Autorenkino.

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat sich sehr dafür engagiert, auch die Mitteldeutsche Medienförderung. Inzwischen hat Thomas Stuber den „Tatort: Verbrannt“ und den ZDF-Thriller „Mord ohne Leiche“ (im Herbst) inszeniert und bereitet gerade den Dreh von „In den Gängen“ (Liebesgeschichte vom Großmarkt) für Ende des Jahres vor, wieder nach einem Drehbuch von Clemens Meyer. Dafür gab es bereits einen Preis. In der Schublade liegt ein finsterer Krimi, den Thomas Stuber und Clemens Meyer für die MDR-„Tatort“-Ausschreibung einreichten. Das Duo hofft weiterhin, dass er noch gedreht wird – am besten als Reihe.

„Herbert“ startet am 17. März im Kino, in Leipzig in den Passage-Kinos

Von Norbert Wehrstedt

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